# taz.de -- Zeugnisausgabe: „Damit kommst du nicht weit“
       
       > Letzter Schultag vor den Sommerferien. 376.000 Schülerinnen und Schüler
       > haben Zeugnisse bekommen. Zur Belohnung gibt es für manche Eis.
       
 (IMG) Bild: Endlich geschafft
       
       Berlin taz | Letzter Schultag vor den Sommerferien. „Hier brennt die
       Ranch“, sagt die Sekretärin der [1][Carl-von-Ossietzky-Schule] auf die
       Frage, ob man mal kurz den Schulleiter sprechen könne. 1.200 Schülerinnen
       und Schüler der Kreuzberger Sekundarschule haben am Mittwoch ihre Zeugnisse
       bekommen, in ganz Berlin waren es 376.000.
       
       „Gefühlt war dieses Schuljahr besser als das davor“, sagt Schulleiter
       Michael Dahms mit Blick auf [2][Corona]. „Wir sind mit den Maßnahmen besser
       klargekommen.“ 2021 sei auch deshalb schlimm gewesen, weil ein Kollege
       seiner Schule der Pandemie erlegen sei.
       
       Nach der Zeugnisausgabe nichts wie weg: „Sie sind ein bisschen spät dran“,
       sagt eine Lehrerin, die vor der Carl-von-Ossietzky-Schule die letzten
       Eltern verabschiedet. Es ist kurz nach 11 Uhr, der Schulhof ist verwaist.
       Neben dem Eingang ein einsames Regal mit Fundsachen aus dem zu Ende
       gegangenen Schuljahr. Trinkflaschen, Jacken, Mützen, einzelne Sportschuhe.
       „Ich gebe Ihnen einen heißen Tipp“, sagt die Lehrerin. „Die sitzen jetzt
       alle in der Eisdiele ‚Delfin‘ am Südstern.“
       
       Schon von Weitem ist zu hören, dass das Gartenlokal gut besucht ist. Lautes
       Stimmengewirr und Lachen dringen über den Zaun, davor achtlos hingeworfen
       Roller und Fahrräder. Auch aus der Reinhardswald-Grundschule sind Kinder
       mit ihren Eltern hier. Sechs Kids zählen ihre Notendurchschnitte auf.
       Schlechter als 1,3 ist in der Runde niemand.
       
       ## Spagetti-Eis geht am besten
       
       Die Bemerkung, das grenze ja an Strebertum, wird mit ausgelassenem Lachen
       quittiert. In rote Fleecedecken gemummelt, schaufeln die Kinder Unmengen
       von Eis und Schlagsahne in sich hinein. Am Nachmittag stehe noch ein Besuch
       im Naturkundenmuseum an, erzählt ein Mädchen. Die Mutter habe sich extra
       dafür freigenommen.
       
       Spaghetti-Eis gehe am besten, erklärt Wirt Ljuta Muhamed. Der Mann, groß
       und stämmig, gibt sich als Jahrgang 1981 zu erkennen. Auf welche Schule er
       selbst gegangen sei? Heinrich-Heine-Schule Neukölln, er sei kein
       Musterschüler gewesen. Doch dann korrigiert sich Muhamed unvermittelt. In
       Wirklichkeit sei er auf der [3][Rütlischule] gewesen: „Ich will ehrlich
       sein.“ Erst habe er das nicht sagen wollen, weil die Rütlischule zu seiner
       Zeit so einen schlechten Ruf gehabt habe. „Jeder denkt, alle Schüler dort
       sind Versager.“
       
       Er selbst sei aber das beste Beispiel dafür, dass das nicht stimme, sagt
       Muhamed. Er habe einen erweiterten Hauptschulabschluss gemacht und sei nun
       Inhaber von zwei Eisdielen und einem Restaurant und arbeite 10 bis 12
       Stunden am Tag. Auch seinen eigenen Vater habe er damit widerlegt. „Mit
       diesem Zeugnis kommst du nicht weit, hat der immer gesagt.“
       
       6 Jul 2022
       
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