# taz.de -- Offener Brief an Familienministerin Paus: Wickelvolontariat als Gesetz
       
       > Männerverbände fordern bezahlte Vaterschaftsfreistellung. Die steht zwar
       > im Koalitionsvertrag, wurde aber verschoben.
       
 (IMG) Bild: Deutschland hinkt bei der Vaterschaftsfreistellung hinterher
       
       Stellen Sie sich vor, Sie werden Vater und dürfen Ihre Partnerin nicht nur
       bei der Entbindung begleiten, sondern auch Tage oder Wochen nach der Geburt
       des Kindes – und das auch noch bezahlt. Eine Illusion? In Frankreich,
       Belgien, Estland, Bulgarien, Israel, Ungarn ist das bereits der Fall, und
       häufig parallel zu Elternzeit und Elterngeld.
       
       Warum können andere Länder diese Vaterschaftsfreistellung, wie das in der
       gleichstellungsorientierten Fachsprache heißt, und [1][Deutschland hinkt
       wieder einmal hinterher]? Das fragen sich auch 19
       gleichstellungsorientierte Männer- und Vätervereine, die am Sonntag, dem
       Internationalen Vatertag (nicht zu verwechseln mit dem Bollerwagen-Vatertag
       zu Christi Himmelfahrt), [2][Familienministerin Lisa Paus (Grüne)] einen
       [3][offenen Brief] geschrieben haben. „Väter brauchen Zeit, um ihre
       Vaterschaft aktiv leben zu können“, heißt es darin: „Wir sind davon
       überzeugt: Partnerschaftliche Elternschaft gelingt am besten, wenn Väter
       frühzeitig eine Beziehung zu ihren Kindern aufbauen und
       Betreuungsverantwortung übernehmen können – so wie sich das viele Väter
       heute wünschen.“
       
       Nun könnte man einwerfen, Männer können auch ohne Vaterschaftsfreistellung
       früh eine enge Bindung zu ihren Kindern aufbauen und erst recht
       Verantwortung übernehmen. Schließlich gibt es Vätermonate, Elterngeld,
       Teilzeit auch für Männer, [4][mehr Rechte für getrennte Väter]. Doch das
       reicht nicht, finden nicht wenige moderne Eltern. Es bestehe „noch immer
       eine Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit“, heißt es jedenfalls im
       offenen Brief: „Um diese zu schließen, braucht es veränderte
       Rahmenbedingungen.“
       
       So sieht das eigentlich [5][auch die Ampelregierung] und hat in ihrem
       Koalitionsvertrag festgeschrieben, Eltern stärker dabei zu unterstützen,
       [6][Job und Familie partnerschaftlicher organisieren] zu können. Ein
       zentraler Punkt dabei ist die bezahlte Vaterschaftsfreistellung von zwei
       Wochen. Die sollte bis zum Sommer umgesetzt sein – auch gemäß einer Vorgabe
       des Europaparlaments. Die [7][Richtlinie 2010/18/EU] schreibt allen
       EU-Mitgliedsstaaten vor, die darin verankerte [8][bessere Vereinbarung von
       Erwerbs- und Sorgearbeit] bis August 2022 in nationales Recht umzusetzen.
       Doch genau das steht in Deutschland jetzt zur Disposition.
       
       ## 70 Prozent junger Männer wollen aktive Väter sein
       
       Die Ampelkoalition begründet dies unter anderem mit den Regelungen, die es
       hierzulande bereits gibt, also mit dem Elterngeld und der Elternzeit.
       Geplant sei nun, heißt es, eine „zweiwöchige vergütete Freistellung für die
       Partnerin oder den Partner nach der Geburt eines Kindes“ in einem eigenen
       Gesetz zu regeln. „Ein konkretes Datum zur Einführung dieser wichtigen
       familienpolitischen Leistung ist damit vom Tisch“, sagt Dag Schölper,
       Geschäftsführer vom Bundesforum Männer: „Auch ist politisch nun offen, wie
       diese Leistung konkret ausgestaltet sein soll.“
       
       Die unterzeichnenden Väter- und Männerverbände, darunter das
       Väter-Experten-Netzwerk, die Gemeinschaft der katholischen Männer
       Deutschlands, die Landesarbeitsgemeinschaft Jungen-Männer-Väter in
       Mecklenburg-Vorpommern, fordern, dass die zweiwöchige bezahlte
       Vaterschaftsfreistellung nach der Geburt „zügig noch im Jahr 2022 umgesetzt
       werden“ müsse.
       
       Der offene Brief sollte bei Familienministerin Paus auf Zustimmung stoßen.
       Die Grüne steht für eine gekoppelte Finanz- und Sozialpolitik und gehört zu
       den Architekt:innen der [9][Kindergrundsicherung]. Aus ihrem Haus kommt
       der [10][Väterreport], demzufolge rund 70 Prozent der jungen Männer sagen,
       sich stärker als ihre Väter an der Erziehung und Betreuung der Kinder
       beteiligen zu wollen – und das bereits tun. Das bewerten sie als
       „persönlichen Gewinn“.
       
       19 Jun 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Plaedoyer-fuer-Maennergleichstellungspolitik/!5501111
 (DIR) [2] /Lisa-Paus-ist-neue-Familienministerin/!5848873
 (DIR) [3] https://bundesforum-maenner.de/wp-content/uploads/2022/06/20220619-Offener-Brief-Vaterschaftsfreistellung.pdf
 (DIR) [4] /Wechselmodell-bei-Trennungskindern/!5569270
 (DIR) [5] /FDP-will-Familienbegriff-modernisieren/!5820351
 (DIR) [6] /Geschlechterfragen-waehrend-Corona/!5767276
 (DIR) [7] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX%3A32019L1158&from=EN
 (DIR) [8] /Care-Arbeit-und-Gleichberechtigung/!5834059
 (DIR) [9] /Arbeitsgruppe-zur-Kindergrundsicherung/!5841580
 (DIR) [10] https://www.bmfsfj.de/resource/blob/127268/2098ed4343ad836b2f0534146ce59028/vaeterreport-2018-data.pdf
       
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