# taz.de -- Grünen-Sprecherin über Animal Hoarding: „Strengere Regeln für Tierschutz“
       
       > Sich privat exotische Wildtiere zu halten, ist ein Trend. Miriam Staudte
       > von der niedersächsischen Grünen-Fraktion fordert einen
       > Sachkundenachweis.
       
 (IMG) Bild: Gefährlich: Im niedersächsischen Sehlde ist eine Frau nach einem Schlangenbiss fast gestorben
       
       taz: Frau Staudte, am vergangenen Wochenende wurde [1][eine Tierhalterin
       aus Sehlde fast von ihrer Klapperschlange getötet]. Sie hatte 115 Würge-
       und Giftschlangen gehalten. Das Veterinäramt war ahnungslos. Was denken
       Sie, wenn Sie so etwas hören? 
       
       Miriam Staudte: Mehrerlei. Die Veterinärämter sind überfordert, zumal in
       [2][Fällen von Animal Hoarding]. Sie leiden unter Personalnot und können
       nicht jeden Fall zeitnah prüfen, es fehlen Kapazitäten, um Tiere notfalls
       sofort zu beschlagnahmen. Und wir Grünen fordern seit Jahren einen
       Sachkundenachweis für HalterInnen exotischer Tiere. Letztes Jahr hat der
       Landtag die Landesregierung aufgefordert, ihn zur Pflicht zu machen.
       Schlimm, dass jetzt wieder ein Fall eingetreten ist, der sich hätte
       verhindern lassen.
       
       Die [3][Haltung exotischer Wildtiere] scheint ein Trend zu sein. Fast
       nichts ist hier gesetzlich geregelt, und jährlich werden Millionen von
       ihnen nach Deutschland importiert. Warum machen Menschen das? 
       
       Das ist tatsächlich ein Hype, und die Gründe sind vielfältig. Es gibt
       Fernsehsendungen über Tiersupermärkte, wo das Tier einfach nur eine Ware
       ist. In vielen Musikvideos sind gefährliche Tiere als Accessoire zu sehen,
       und das führt zur Nachahmung. Manche Menschen, die Hoarding betreiben,
       denken, dass sie dadurch zu Tierschützern werden, dass die Tiere es
       nirgendwo so gut haben wie bei ihnen. Andere denken, sie wären Züchter, und
       dann wächst ihnen alles über den Kopf. Auch die Kompensierung von
       Vereinsamung spielt eine Rolle.
       
       Vielfach sind selbst die Nachbarn ahnungslos? 
       
       Gerade bei Reptilien bekommen sie oft nichts mit. Hunde und Katzen machen
       sich bemerkbar, Reptilien sind still. Deshalb ist es oft so schwierig,
       problematischen Haltungen auf die Spur zu kommen.
       
       Mit Ihrer Forderung nach einem Sachkundenachweis sind Sie nicht allein. 
       
       Auch die Wildtierhalterverbände wünschen ihn sich, als Pflicht. Sie bieten
       Schulungen an, aber nur die wenigsten Tierhalter gehen hin. Wir haben den
       Hundeführerschein, es gibt also Möglichkeiten, derlei einzufordern. Ein
       Sachkundenachweis würde auch Spontankäufe verhindern.
       
       Auf Tiermessen zum Beispiel? 
       
       Genau. Das Tier selber ist ja oft ganz billig, eine kleine Kornnatter wird
       dir regelrecht hinterhergeworfen. Aber die Haltung ist vielfach aufwendig.
       Nehmen wir ein Reptil: Das braucht ein Terrarium, und das muss beheizt
       werden. Die Leute wissen häufig nicht, auf was sie sich einlassen.
       
       Brauchen wir nicht zusätzlich eine Kennzeichnungs- und
       Registrierungspflicht? Und eine Positivliste, welche Tiere gehalten werden
       dürfen? 
       
       Die Positivliste ist eine der Forderungen unseres Landtagswahlprogramms.
       Sie kann helfen, neue Modetrends in der Tierhaltung einzudämmen. Auch
       Kennzeichnung kann helfen, aber nicht alle Tiere können gechipt werden, bei
       Vogelspinnen zum Beispiel ist das schwierig.
       
       Wer kommt für die Folgekosten auf, wenn Tiere beschlagnahmt werden? 
       
       Die bleiben an der öffentlichen Hand hängen. Oder an den
       Tierschutzvereinen, die sich dann um die Tiere kümmern, an den
       Wildtierauffangstationen. Wir müssen die finanziellen Risiken auf die
       HalterInnen verlagern. Es kann ja nicht sein, dass jemand seinem Kind eine
       Schildkröte kauft, die 80 Jahre alt wird, und wenn das Kind dann groß ist
       und auszieht, wird das Tier abgeschafft und die restlichen Jahrzehnte
       seiner Lebenszeit muss sich jemand anderes drum kümmern.
       
       Manchmal scheint es ja, als gehe es in dieser Debatte eher um den Schutz
       des Menschen als um den der Tiere. Dabei sind die ja oft die
       Hauptleidtragenden. 
       
       Natürlich ist das auch eine Tierschutzfrage. Viele verenden beim Fang, auf
       dem Transport, werden unprofessionell gehalten. Niemand weiß, wie viele
       Tiere einfach die Toilette runtergespült werden. Viele, die beschlagnahmt
       werden, sind von ihrer Haltung gezeichnet: Sie verbrennen sich an
       improvisierten Wärmelampen, sind krank, verstümmelt.
       
       Hinzu tritt ein artenschutzrechtliches Problem? 
       
       Es ist ja nicht wirklich zu kontrollieren, ob Tiere aus legalen Züchtungen
       oder aus Wildfängen kommen, die ihre natürlichen Populationen gefährden.
       
       Muss sich nicht unser Blick auf die private Haltung von Tieren
       grundsätzlich ändern? 
       
       Absolut. Es gibt ja den Konsens, dass Tierschutz ein Staatsziel ist, keine
       Privatsache. Da muss es strengere Regeln geben! Wir diskutieren stark über
       die Nutztierhaltung, aber die Haustierhaltung wird kaum thematisiert,
       obwohl da eklatante Mängel herrschen. Es kann nicht sein; dass da weiterhin
       weggeschaut wird.
       
       2 Jul 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.spiegel.de/panorama/sehlde-frau-nach-biss-von-schlange-in-lebensgefahr-a-eefb437c-e0bb-4038-8bef-ade95804fdce
 (DIR) [2] https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/heimtiere/animal-hoarding/
 (DIR) [3] https://www.tierschutzbund.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Positionspapiere/Heimtiere/Exoten_im_Privathaushalt.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harff-Peter Schönherr
       
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