# taz.de -- Parlamentswahlen in Frankreich: Rückkehr nach Réunion
       
       > Auf La Réunion sind im ersten Gang der französischen Parlamentswahlen nur
       > wenige wählen gegangen. Das liegt auch am Verhältnis zum Mutterland.
       
 (IMG) Bild: Vulkaninsel im Indischen Ozean: La Réunion, Teil von Frankreich, der südlichste Punkt Europas
       
       Am Ortseingang der Hauptstadt empfängt uns ein zweisprachiges Schild: oben
       „Saint-Denis“, darunter in Kreol „Sin Dni“. Seit 2010 steht das hier so,
       nachdem der Magistrat eine Charta zur Förderung der Zweisprachigkeit
       verabschiedet hat. „Seitdem kann man auf Kreol heiraten oder im Stadtrat
       Kreol sprechen“, freut sich Axel Gauvin, Schriftsteller und Vorsitzender
       des Vereins Lofis la lang kréol la rényon. In den letzten zehn Jahren haben
       11 der 80 der Gemeinden auf La Réunion die Charta übernommen. „Es ist ein
       Beitrag zur Redefreiheit, ein kleiner Schritt hin zu mehr Demokratie“,
       erklärt Gauvin, der vor über vierzig Jahren das Referenzwerk dazu verfasst
       hat.
       
       Die Sonne scheint auf die große Wandtafel im sparsam möblierten
       Vereinslokal. Unter zweisprachig beschrifteten Fotos wird die traditionelle
       Bauweise auf der Insel erklärt. Am Eingang wechselt ein Gärtner ein paar
       Worte auf Kreol mit einer Mitarbeiterin von der Touristeninformation.
       Gegenüber diskutiert eine Gruppe Arbeiter an einem Imbisstisch. Selbst
       Neuankömmlinge wie wir können ein wenig von ihrem Gespräch verstehen: Hier
       im Norden ähnelt das Kreol dem Französischen mehr als der im Süden
       gesprochene Dialekt.
       
       Nur 10 Prozent der Bevölkerung von La Réunion sprechen ausschließlich
       Französisch, alle anderen benutzen im Alltag beide Sprachen oder nur Kreol.
       Über 80 Prozent bezeichnen heute Kreol als ihre Muttersprache, es ist damit
       die größte Regionalsprache Frankreichs. Dabei war sie lange
       gesellschaftlich verpönt. Als die Kolonie 1946 französisches
       Übersee-Département wurde, „ging das mit einer Assimilierungspolitik
       einher, Kreol war als Sprache nicht anerkannt“, erklärt der
       Grundschullehrer Guillaume Aribaud, während er den Stuhlkreis für das
       Morgenritual aufstellt, mit dem er seine Fünfjährigen auf Kreol begrüßt.
       „Heute hört man es immer öfter auch in der Öffentlichkeit. Aber die
       Stigmatisierung wirkt noch stark nach.“
       
       Wie vielen seiner Landsleute wurde sich der junge Regisseur Sébastien Clain
       erst im Ausland seiner Herkunft bewusst und hat darüber den Dokumentarfilm
       „Kisa nou lé“ (Wer wir sind) gedreht: „Erst als ich zum Studium wegging,
       fing ich an, mich für die Geschichte meiner Insel zu interessieren“,
       erzählt Clain. „Ich glaube, ich habe mich erst in dem Moment neu entdeckt,
       als ich 10 000 Kilometer von zu Hause entfernt lebte. Das Buch von Axel
       Gauvin half mir, mich mit meiner Kultur zu versöhnen, denn es zeigte mir,
       woher die Scham kommt, die ich empfand, wenn ich meine Sprache sprach.“
       
       ## Stipendien für Studium und Ausbildung in Frankreich
       
       Jedes Jahr verlassen etwas mehr als 2000 Studierende, also 20 Prozent eines
       Abi-Jahrgangs, die Insel – mit finanzieller Unterstützung des
       Départements und der Region (auf La Réunion fallen beide Körperschaften in
       eins). Das Büro für Überseemobilität (L’agence de l’outre-mer pour la
       mobilité, Ladom) zahlt das Flugticket für junge Menschen unter 26, die in
       der französischen Métropole (Mutterland) oder einem anderen Département
       d’outre-mer (Dom) studieren wollen, weil sie entweder keinen Platz in ihrem
       Wunschfach bekommen haben – Soziale Arbeit und Alternativmedizin sind
       besonders begehrt – oder weil es nicht angeboten wird, wie Politologie,
       Psychologie oder Agrarwissenschaften. Ladom vergibt auch Studienstipendien,
       mit einer maximalen Laufzeit von fünf Jahren und bis zu 4600 Euro jährlich.
       Zahlreiche weitere Programme unterstützen junge Leute, die in Frankreich
       eine Ausbildung machen oder eine Stelle antreten wollen.
       
       Demografie und Arbeitslosigkeit sind die beherrschenden Themen auf La
       Réunion. Auch wenn in den letzten zwanzig Jahren mehr Arbeitsplätze
       geschaffen wurden, ist die Arbeitslosenquote auf der Insel doppelt so hoch
       wie im Mutterland. 2019 betrug die Jugendarbeitslosigkeit 40 Prozent. Von
       allen französischen Regionen hat La Réunion den höchsten Anteil an unter
       25-Jährigen. Deshalb setzt der Staat ihnen schon seit Langem Anreize, die
       Insel zu verlassen.
       
       1963 wurde das Migrationsbüro für die Übersee-Départements (Bumidom)
       gegründet, mit dem das „Gebot der Auswanderung“ nach Frankreich in Zeiten
       des Arbeitskräftebedarfs offiziell verankert wurde. Michel Debré hatte sich
       das damals ausgedacht. Nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident
       Frankreichs wurde er 1963 Abgeordneter von La Réunion. In einer von
       Manipulationsvorwürfen überschatteten Wahl hatte der Gaullist Debré, der
       keinerlei familiäre Beziehungen zu der Insel hatte, Paul Vergès
       ausgestochen, den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei von La Réunion,
       der für die Unabhängigkeit der Insel eintrat.
       
       ## Zweitausend zwangsverschickte Kinder
       
       Zwischen 1963 und 1981 unterstützte der französische Staat über das Bumidom
       160 300 Auswanderer von Réunion und den französischen Antillen bei ihrer
       Umsiedlung nach Europa. In dieser Zeit wurden auch über 2000 Kinder, die
       sich in der Obhut der Jugendhilfe (ASE) befanden, zwangsweise nach
       Frankreich verschickt. Mehrere Opfer klagten später wegen „Entführung“
       gegen den französischen Staat. Die Gerichtsverfahren wurden jedoch in den
       nuller Jahren eingestellt, weil man Präzedenzfälle fürchtete. Bis heute
       haben Opfer und Selbsthilfevereine weder individuelle noch kollektive
       Entschädigung erhalten.
       
       „Diese Politik war damals die Antwort auf drei soziale Probleme“, schreibt
       die Soziologin Lucette Labache: im Übersee-Département das rasante
       Bevölkerungswachstum sowie Massenarbeitslosigkeit und die damit
       einhergehende Furcht vor politischen Forderungen, und in Frankreich der
       Arbeitskräftemangel in Krankenhäusern, bei der Post, in der
       Telekommunikation und im öffentlichen Verkehr. In einer Zeit, in der
       manche die Unabhängigkeit forderten, die Algerien kurz zuvor erlangte
       hatte, fungierte die Auswanderung als „Sicherheitsventil“, schrieb der
       Geograf und Gründer der Sozialistischen Partei von La Réunion, Wilfrid
       Bertile, 1972.
       
       Nach dem Aufstand im Chaudron-Viertel von Saint-Denis 1991 begannen die
       Behörden, mehr auf Mobilität statt auf Auswanderung zu setzen. „Mobilität“
       klang viel positiver und war mit weniger negativen Assoziationen behaftet.
       Das Bumidom wurde in Nationale Agentur zur Eingliederung und Förderung
       von Arbeitnehmenden aus Übersee (ANT) umbenannt, bis es 2010 seinen
       heutigen Namen Ladom bekam.
       
       Auf riesigen Plakatwänden stand damals der Slogan: „Eine Ausbildung dort,
       eine Zukunft hier“. Verantwortlich dafür war eine andere Dienststelle, die
       es nur auf La Réunion gibt und die Debré ebenfalls 1963 erfand: das
       Nationale Aufnahme- und Aktionskomitee für mobile Réunioner (Cnarm). Es
       wird zum Teil vom Département finanziert und bietet Aus- und
       Weiterbildungen für gering oder nicht qualifizierte Arbeitskräfte in
       Gastronomie, Baugewerbe und Verkehrswesen in Frankreich. Zwischen 2015 und
       2019 nahmen 11 084 Arbeitssuchende am Cnarm-Programm teil, das sich rühmt,
       „bei den Eingliederungsmaßnahmen die Arbeitnehmermobilität zur obersten
       Priorität erhoben“ zu haben.
       
       ## „Ich hatte das Gefühl, mein Land zu verraten“
       
       Doch haben die Betroffenen überhaupt eine Wahl? „Meine Mutter hat in
       Pariser Krankenhäusern gearbeitet, mein Vater ging zur Bahn, meine Tanten
       gingen zur Polizei. Sie sind über das Bumidom fortgegangen, wir nehmen das
       Cnarm“, erzählt Olivya Aliks mit verbittertem Unterton. „Ich habe vier
       Jahre in Paris studiert und hatte das Gefühl, mein Land zu verraten“, sagt
       sie.
       
       Annecie Boyer ging mit 17 Jahren nach Rennes, um Germanistik zu studieren,
       ein Fach, das auf der Insel nicht angeboten wird: „Ich bin die Einzige aus
       meiner Familie, die studiert hat. Meine beiden großen Brüder wollten immer
       da bleiben, einer wurde Fischer und Feuerwehrmann, der andere Koch. Schon
       auf der weiterführenden Schule habe ich begriffen, dass ich nach Frankreich
       gehen muss, wenn ich Karriere machen will.“ Diese Erfahrung teilen viele
       junge Menschen, sagt die Soziologin Florence Ihaddadene, die an der
       Université de Picardie Jules Verne in Amiens unterrichtet: „Von den Schulen
       über die Vereine bis zum Jobcenter erklären alle Institutionen den jungen
       Menschen aus Réunion, wie sie sich auf internationale Mobilität vorbereiten
       können.“
       
       Nicolas Brun, mit einem Vater aus der Métropole und einer Mutter von La
       Réunion, ging nach dem Abitur 2020 ein Jahr auf die Ingenieurschule nach
       Angers: „Im Lycée kamen ständig Leute von außerhalb, die uns
       Ausbildungsgänge in Frankreich oder Québec vorgestellt haben“, berichtet
       er. „Man hat uns den Traum von einer anderen Welt verkauft.“ Inzwischen
       lebt der junge Mann wieder in seiner Heimatgemeinde Tampon und erzählt,
       dass heutzutage viele junge Leute zurückkommen, „um sich mit ihrer Kultur
       zu versöhnen“.
       
       ## Angst, die Muttersprache zu sprechen
       
       In der Gemeinde Port, 20 Kilometer von Saint-Denis entfernt, steht
       Stéphane Marcy mit seiner Grundschulklasse vor einem blühenden
       Flammenbaum. „Als ich jung war, hat man mir Geschichten von Weihnachten im
       Schnee und Schneemännern erzählt“, erinnert er sich. „Das Problem dabei
       war: Diese Dinge wurden als allgemeingültig hingestellt, dabei hatte das
       überhaupt nichts mit unserer Lebensrealität zu tun. Wie kann man ein Bild
       von sich selbst entwerfen, wenn einem nur das westliche Modell zur
       Verfügung steht?“
       
       Seit 2014 gehört der 38-Jährige zu den 5 Prozent ausgebildeter Lehrkräfte,
       die Kreol unterrichten dürfen. Als Sekretär des Vereins Lantant LKR (La
       Lang la kiltir kréol dann lékol) setzt sich Marcy dafür ein, dass seine
       Kreol sprechenden Schüler:innen nicht benachteiligt werden: „Heute
       schlägt man ein Kind zwar nicht mehr, wenn es in der Schule Kreol spricht,
       aber eine Lehrkraft ohne Fachqualifikation wird es auffordern, ‚richtig zu
       sprechen‘. Ich habe das selbst erlebt. Französisch war nicht meine
       Muttersprache, deshalb hatte ich Angst, etwas zu sagen. Auch wenn ich mich
       als guter Schüler am Ende angepasst habe, ist die Unsicherheit immer
       geblieben.“
       
       Seit der Revolution habe Frankreich die sprachliche Einheit zum
       Grundpfeiler der nationalen Einheit erhoben, erklärt Véronique Bertile,
       Wilfrid Bertiles Tochter, die an der Universität Bordeaux Öffentliches
       Recht lehrt und über Regionalsprachen in Frankreich, Spanien und Italien
       promoviert hat: „Dieses engstirnige Jakobinertum betrachtete regionale
       Sprachen und Identitäten lediglich als separatistische Bedrohungen.“
       
       Guillaume Aribaud kennt das Problem. Sein Vater kam aus Okzitanien, seine
       Mutter war eine Pied-noir aus Tunesien, er selbst wurde in Saint-André an
       der Ostküste von Réunion geboren, in einer der ärmsten Kommunen
       Frankreichs. Heute ist der 30-Jährige selbst Grundschullehrer – eine Art
       Revanche: „Auf dem Collège erklärten uns die Lehrer, Kreol sei ein nicht
       ausgereiftes Französisch. Das ist doch absurd. Unsere Sprache existiert,
       und sie lebt weiter, und in dem Viertel, in dem ich unterrichte, können wir
       mithilfe des Kreol die vielen Kinder integrieren, die von den Komoren oder
       Mayotte hierherkommen“, erzählt er.
       
       ## Kreol endlich ganz normale Unterrichtssprache
       
       Das Kreol, eine lange geächtete Sprache, die im 18. Jahrhundert ihre
       Wurzeln hat, erfährt immer mehr Akzeptanz als Unterrichtsfach, von den
       Eltern wird es teilweise sogar eingefordert: In einer aktuellen Umfrage
       sprachen sich 81 Prozent „für Kreol in der Schule“ aus, 2009 waren es noch
       61 Prozent. 85 Prozent meinten, Kreol sei eine Sprache, genauso wie
       Französisch; das glaubten 2009 erst 74 Prozent. Im Jahr 2000 wurde Kreol
       als „offizielle Regionalsprache“ anerkannt und seit Einführung der
       Lehramtsprüfung für die Sekundarstufe (Capes) 2001 an den Collèges immer
       häufiger als Zusatzfach angeboten. In der Primarstufe sind derzeit jedoch
       nur 450 der 8000 Lehrkräfte als Kreol-Lehrer:innen ausgebildet.
       
       Francky Lauret begann als Dichter, wurde dann Journalist und mit 42 Jahren
       erster staatlich geprüfter Lehrer für Kreol: „Die Klischees gibt es immer
       noch, aber die sogenannte Diglossie, also die Ausdifferenzierung in Hoch-
       und Volkssprache, entwickelt sich weiter. Wenn die Bürgermeisterin von
       Saint-Denis ihre Reden auf Kreol hält, ich meine Dissertation auf Kreol
       verteidigen durfte und an der Rathaustür ein Schild hängt: ‚Mi koz creol‘
       [‚Hier wird Kreol gesprochen‘], dann merkt man, dass wir heute wirklich
       frei sprechen können.“
       
       In den Bildungseinrichtungen sieht man das genauso. Die neue Schulsenatorin
       Chantal Manès-Bonisseau hat seit August 2020 das Lehrangebot für
       Landesgeschichte an den Collèges und Lycées erheblich erweitert und
       unterstützt die Auffassung, dass die Sprachen sich gegenseitig befruchten.
       Wer gut Kreol kann, lernt auch leichter Französisch. Paradoxerweise
       profitiert die Anerkennung der Sprache von der Entpolitisierung des Themas.
       
       In den 1950er Jahren gehörte bei den Kommunisten der Kampf um Kultur und
       Sprache und der Kampf für Autonomie beziehungsweise Unabhängigkeit
       untrennbar zusammen, berichtet Aribaud, der auch beim Verein Lantant LKR
       mitmacht. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Die seit 2021 amtierende
       Regionalpräsidentin, Ex-Kommunistin Huguette Bello, arbeitet einvernehmlich
       mit der eher konservativen Département-Verwaltung zusammen. Auf dem Forum
       der Mehrsprachigkeit (États généraux du multilinguisme), das im Oktober
       2021 auf der Insel stattfand, einigten sich beide Körperschaften auf ein
       Abkommen, das auch die gesellschaftliche Bedeutung des Kreol anerkennt.
       
       ## Gelbwesten-Proteste auf der Insel
       
       Als es Ende 2021 in den Übersee-Départements Guadeloupe und Martinique zu
       wochenlangen Protesten gegen die französische Zentralregierung kam, schlug
       der junge Minister für die Überseegebiete Sébastien Lecornu (La République
       en Marche) eine öffentliche Debatte über die Autonomie der Gebiete vor. In
       Réunion steht dieses Thema gar nicht mehr auf der Tagesordnung – dazu fühlt
       man sich trotz der erheblichen sozialen Probleme immer noch zu sehr mit
       Frankreich verbunden.
       
       Für Erstaunen sorgten jedoch die Gelbwesten-Proteste auf der Insel. „Es
       gibt diesen tief verankerten Glaubenssatz, dass unsere Insel dem Vorbild
       einer Republik folgt, in der die Konflikte befriedet sind und das Volk sich
       nicht erhebt, weil es gelernt hat, zusammenzuleben“, erklärt die von
       Réunion stammende Historikerin Françoise Vergès. „Diese Vorstellung beruht
       zu gleichen Teilen auf Mythos und Wirklichkeit“, fährt sie fort und
       verweist auf die Besiedlungsgeschichte der Insel, die bis 1646 unbewohnt
       war. Über die Jahrhunderte haben sich hier Menschen aus verschiedenen
       europäischen und afrikanischen Ländern sowie Indien und China
       niedergelassen und Familien gegründet.
       
       Der für die Karibik so typische Gegensatz zwischen Schwarzen und Weißen sei
       auf La Réunion nicht anwendbar, erklärt der Soziologe Philippe Vitale. Auf
       den Antillen hat die Spaltung zwischen den Békés, den reichen
       Großgrundbesitzern mit weißen Vorfahren, und der schwarzen
       Mehrheitsbevölkerung zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Und während
       der karibische Autor Aimé Césaire (1913–2008) weltberühmt ist, kennen nur
       Eingeweihte den Dichter, Sprachwissenschaftler und réunionischen Aktivisten
       Boris Gamaleya. „Die einheimische Mittelklasse, die nicht nur aus
       Kontinentalfranzosen, sondern auch aus Réunionern bestand, hat dazu
       beigetragen, das Kreol zu unterdrücken und die Forderungen nach
       gesellschaftlicher und kultureller Unabhängigkeit auszulöschen“, erklärt
       Françoise Vergès.
       
       ## Zuzug aus der Métropole
       
       „Willkommen in Zoreyland“, witzeln die Leute in Anspielung auf die
       „Zoreilles“ genannten Französinnen und Franzosen aus Europa, die in den
       Hotels von Saint-Gilles absteigen. In den Ferien tummeln sich in dem
       Hauptbadeort der Insel, 35 Kilometer südwestlich von Saint-Denis, doppelt
       so viele Kontinentalfranzosen wie in Saint-André im Osten und fünfmal mehr
       als in Salazie im Landesinneren. Die Insel ist attraktiv. Während zwischen
       2012 und 2016 durchschnittlich 11 400 Menschen pro Jahr La Réunion Richtung
       Frankreich verlassen haben, nahmen in demselben Zeitraum 10 300 Menschen,
       darunter 3000 Rückkehrer, den umgekehrten Weg: Beamtinnen, Unternehmer,
       Freiberuflerinnen und leitende Angestellte großer französischer Firmen.
       
       Gegen den Zuzug aus der Métropole gibt es regelmäßig Proteste, weil die
       meisten Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge nach wie vor von
       Kontinentalfranzosen geleitet werden. Das verändert sich langsam: Ende 2020
       kamen von insgesamt 31 000 leitenden Angestellten 47 Prozent von der Insel,
       1990 waren es noch 33 Prozent.
       
       Bei den Selbstständigen stellen Kreol:innen allerdings nur ein Drittel
       (19 Prozent der Mediziner und Zahnärztinnen stammen von der Insel) und
       besetzen lediglich 34 Prozent der Führungspositionen. „Die Eingliederung in
       den Arbeitsmarkt geht immer noch mit einem Prozess des ‚Weißwaschens‘
       einher, das heißt, man muss seine Herkunft verleugnen“, berichtet der
       Vereinssekretär von Lantant LKR.
       
       Nicolas Brun erzählt, er fürchtet sich schon heute vor dem Moment, in dem
       er beim Vorstellungsgespräch einem „Métro“ gegenüber sitzt: „Ich kenne so
       viele Beispiele aus meinem Umfeld, wo bei gleicher Qualifikation nie der
       Réunioner die Stelle bekommen hat“. Der 19-Jährige wusste schon immer, dass
       er nach dem Studium zurückkehren wollte. Auch wenn nach wie vor viele die
       Insel verlassen, berufen sich immer mehr auf ihr Recht, „im Land zu leben
       und zu arbeiten“.
       
       ## Neue Rückkehroptionen?
       
       Die Rückkehroption wurde in der Mobilitätspolitik lange nicht
       berücksichtigt, doch auch das ändert sich gerade. „Mobilität ist ein
       Lebensmodell, aber auch das beste Mittel sich zu bilden, Erfahrungen zu
       sammeln und seine Kompetenzen zu erweitern, um selbstbewusst und stark
       zurückzukehren“, verkündete der Département-Präsident Cyrille Melchior an
       der Seite des Cnarm-Chefs im September 2018 in einer Rede.
       
       Mit der Rückkehroption stelle sich aber auch die schwierige Frage nach der
       regionalen Bevorzugung, der préférence régionale, meint Véronique
       Bertile. „Dieser Begriff ist allerdings heikel, deshalb spreche ich lieber
       von einer Priorisierung des lokalen Arbeitsmarkts“, erklärt die Juristin
       und meint damit natürlich trotzdem, dass Einheimische bevorzugt werden,
       wenn auf der Insel eine Stelle neu geschaffen oder besetzt wird. „Das ist
       ein konkretes Werkzeug zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“, sagt Bertile.
       Nach EU-Recht erlaube die isolierte Lage und das relativ kleine Territorium
       solche Sondermaßnahmen, die in Neukaledonien oder Französisch-Polynesien
       bereits umgesetzt werden.
       
       Da es lange nur eingeschränkt akademische Ausbildungsangebote auf der Insel
       gab, mussten entweder Kontinentalfranzösinnen und -franzosen eingestellt
       oder die Leute nach Frankreich geschickt werden. „Man setzt immer noch mehr
       Gelder dafür ein, die Réunioner aufs Festland zu holen, als hier vor Ort
       ein echtes Angebot zu schaffen“, klagt die Abgeordnete Karine Lebon. Seit
       einem Jahr kämpft die ehemalige Grundschullehrerin für die Einrichtung von
       Studiengängen, deren Absolvent:innen auf der Insel besonders gefragt
       sind: Nachhaltige Landwirtschaft, Agrarwissenschaften, Biodiversität und
       Tropische Ökologie.
       
       ## Stärkere wirtschaftliche Integration der Überseegebiete?
       
       Seit 2015 liegt auch das Projekt eines „Lycée de la mer“ in der Schublade,
       doch die Genehmigung der Region fehlt weiterhin. Wer sich für maritime
       Fächer interessiert, hat im Augenblick nur zwei Möglichkeiten: sich an der
       Seemannsschule in Port zur Matrosin oder zum Matrosen ausbilden lassen oder
       nach Le Havre, Marseille oder Südafrika gehen, um sich für andere Berufe in
       der Fischerei oder im Tourismus ausbilden zu lassen.
       
       „Das Problem ist nicht die Mobilität an sich“, meint Aribaud. „Unsere
       gesamte Entwicklung war immer vollständig auf den europäischen Kontinent
       ausgerichtet. Warum schauen wir nie auf die Länder, die auch am Indischen
       Ozean liegen?“ Ein Parlamentsbericht empfahl 2020 eine größere
       wirtschaftliche Integration der Überseegebiete in die umliegenden Märkte
       und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Häfen.
       
       Von der Straße, die durch den Park Tampon-Bel Air am Fluss Abord
       entlangführt, hat man ein atemberaubendes Rundum-Panorama bis hinauf zur
       Hochebene von Cafres: auf der einen Seite Berggipfel über üppiger
       Vegetation, auf der anderen Seite nichts als der Ozean. La Réunion war nie
       eine nur auf sich selbst bezogene, abgeschirmte Insel. Das haben die
       Aktivistinnen und Literaten der Kreolität in den 1970er Jahren immer wieder
       erklärt, und es schwingt auch in den Worten von Boris Gamaleya mit: „Ein
       wunderbarer Gesang, der die schwarze Nacht vergessen lässt. Es ist dein
       Volk, das spricht. Halt dir nicht länger die Ohren zu.“
       
       Aus dem Französischen von Sabine Jainski 
       
       Margot Hemmerich und Clémentine Méténier sind Journalistinnen.
       
       17 Jun 2022
       
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 (DIR) Parlamentswahlen in Frankreich: Macrons Mehrheit wackelt
       
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       Bündnis des Linken Mélenchon. Die Wahlbeteiligung sinkt auf ein Rekordtief.
       
 (DIR) Musikmesse auf der Insel La Réunion: Am Ende tanzen alle mit
       
       Métissage, Maloya, Misere: Die Messe „Indian Ocean Music Market“ auf der
       Insel La Réunion schafft viele Verbindungen über die Meere in der Musik.