# taz.de -- Zentralbank leitet Zinswende ein: EZB sagt Inflation den Kampf an
       
       > Die Europäische Zentralbank plant die erste Leitzinserhöhung seit elf
       > Jahren. Ein Ende der historisch hohen Geldentwertung erwartet sie 2024.
       
 (IMG) Bild: Hier wurde die Zinswende erdacht: EZB-Zentrale in Frankfurt
       
       Diesel kostet eine gute Woche nach Einführung des Tankrabatts wieder mehr
       als 2 Euro im bundesweiten Tagesdurchschnitt. Der ADAC vermeldete am
       Donnerstag einen Durchschnittspreis von 2,007 Euro pro Liter. Damit droht
       die insgesamt gut 3,1 Milliarden Euro teure Steuersenkung für Diesel und
       Benzin in den Taschen weniger Ölkonzerne zu verpuffen.
       
       Was die Bundesregierung nicht schafft, geht nun die Europäische Zentralbank
       (EZB) an: Ein Abbremsen der Rekordinflation hatte EZB-Präsidentin Christine
       Lagarde im Blick, als sie am Donnerstag in Amsterdam nicht weniger als die
       Zinswende ankündigte.
       
       Nach elf Jahren sollen die Leitzinsen im Euroraum zum ersten Mal wieder
       angehoben werden. Laut Lagarde sollen sie im Juli von derzeit 0 um 0,25
       Prozentpunkte steigen, im September ist eine möglicherweise auch höhere
       Anhebung geplant. Wahrscheinlich auch im September sollen die Negativzinsen
       enden, die Banken für geparkte Gelder bei der EZB zahlen müssen. Zugleich
       beschloss der EZB-Rat bei seiner Sitzung in Amsterdam, die
       milliardenschweren Netto-Anleihenkäufe zum 1. Juli zu stoppen, die bislang
       Unternehmen billiges Geld zur Verfügung stellten, um Investitionen
       anzukurbeln.
       
       Grund ist die historisch hohe Inflation: Im Euroraum lagen die
       Verbraucherpreise im Mai um 8,1 Prozent höher als ein Jahr zuvor, in
       Deutschland sprang die jährliche Inflationsrate mit 7,9 Prozent gar auf den
       höchsten Stand seit fast 50 Jahren. Die US-Notenbank Fed hatte bereits vor
       drei Monaten die Leitzinsen erhöht.
       
       ## Das große EZB-Experiment
       
       Deshalb geht nun die Ära ultrabilligen Geldes zu Ende, mit dem die EZB nach
       der Eurokrise die Konjunktur in Europa gestützt hat. Jahrelang profitierten
       Börsianer, Immobilienbesitzer und Wohlhabende von Niedrigzinsen und der
       Geldschwemme großer Notenbanken. Sparer dagegen bekamen nichts mehr für
       ihre Guthaben – oder mussten sogar Verwahrentgelte zahlen.
       
       Für Kreditnehmer, die etwa in Maschinen oder Immobilien investieren wollen,
       wird es dagegen teurer. Banken und Sparkassen dürften steigende Zinsen an
       Kreditnehmer zügig weiterreichen. Diese Zinserhöhungen erhöhen die Kosten
       für Kredite – und bremsen so die Nachfrage. Darin liegt auch die große
       Gefahr des EZB-Experiments „Zinswende“: dass die Konjunktur abgewürgt wird
       und die Eurozone möglicherweise in eine Stagflation schlittert. So nennen
       ÖkonomInnen einen Mix aus Stagnation und Inflation, also steigende Preise
       plus Flaute.
       
       Das Risiko der EZB ist hoch: Möglicherweise kann sie gar nichts gegen die
       höchsten Inflationsraten seit fast 50 Jahren tun, weil der Krieg in der
       Ukraine, die weltweiten Lieferkettenprobleme oder Lockdowns wegen eines
       erneuten Aufflammens der Coronapandemie die wirtschaftliche Situation
       massiv verändern. Beispiel: Gegen die seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs
       stark steigenden Energiepreise – im Mai lagen sie in der Eurozone fast 40
       Prozent höher als ein Jahr zuvor – sind Europas Währungshüter weitgehend
       machtlos.
       
       Immerhin können sie dazu beitragen, dass sich die Teuerungsrate nicht
       dauerhaft auf hohem Niveau festsetzt. Wenn sich die Inflationserwartungen
       verfestigten, „dann frisst sich das in andere Preise ein“, hatte
       Bundesbankpräsident Joachim Nagel gewarnt.
       
       ## Was tun gegen die Lohn-Preis-Spirale?
       
       Sorgen bereiten den Notenbankern mögliche Zweitrundeneffekte (wenn Händler
       Energiekosten auf ihre Produkte aufschlagen) sowie die sogenannte
       Lohn-Preis-Spirale. Steigen die Löhne als Reaktion auf die hohe Inflation
       zu stark, könnte das Preise weiter nach oben treiben, weil Unternehmen
       gestiegene Löhne als Rechtfertigung für Preiserhöhungen nutzen. Löhne und
       Preise schaukeln sich dann gegenseitig hoch. Bundeskanzler Olaf Scholz
       (SPD) hat in diesem Zusammenhang eine „konzertierte Aktion“ angekündigt,
       also Gespräche mit Arbeitgebern und Gewerkschaften. Ein heikles
       Unterfangen, da in Deutschland die Tarifautonomie, also das Verhandeln von
       Löhnen ohne staatliche Eingriffe, einen verfassungsrechtlich garantierten
       hohen Stellenwert hat.
       
       „Es ist kein einzelner Schritt, wir begeben uns auf eine Reise, um die
       Inflation wieder auf die Zielmarke von 2 Prozent zu bringen“, sagte
       Lagarde. Erst im Jahr 2024 soll die von der EZB gewünschte „Zielinflation“
       erreicht werden.
       
       Die Ampelkoalition denkt zwar nach dem offenbar fehlgeschlagenen Tankrabatt
       über weitere Entlastungen nach, aber Ökonomen sind in Sorge, die
       Geldentwertung werde die soziale Schere weiter öffnen. Immerhin ist die
       Ungleichheit bei den Löhnen in Deutschland deutlich gesunken. Der obere
       Rand der Lohnskala habe 2020 monatlich gut das 4-Fache des unteren
       Segmentes verdient, 2011 war es noch das 11-Fache, zeigt eine Untersuchung
       des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
       
       Ein Grund für die Entwicklung: der gesetzliche Mindestlohn seit 2015. Die
       Inflation werde wohl weiter zu realen Einkommensverlusten verführen, sagte
       DIW-Studienleiter Markus Grabka.
       
       9 Jun 2022
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kai Schöneberg
       
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