# taz.de -- Fed erhöht Leitzins: Es kann gefährlich werden
       
       > Dass die US-Notenbank Fed den Leitzins angehoben hat, ist riskant. Eine
       > Rezession in den USA kann gravierende Folgen haben – auch für
       > Deutschland.
       
 (IMG) Bild: Diese Entscheidung kann die ganze Welt verändern
       
       Wie lässt sich die [1][Inflation] am besten bekämpfen? Diese Frage stellt
       sich derzeit in allen westlichen Industrieländern, denn der Preisanstieg
       ist historisch beispiellos. Noch nie kamen gleich mehrere „externe Schocks“
       zusammen, auf die die einzelnen Regierungen keinen Einfluss haben. Die
       Coronakrise, der [2][Ukrainekrieg] und die Lockdowns in China haben die
       weltweiten Lieferketten schwer gestört, so dass nun überall Energie und
       Vorprodukte knapp sind, was die Preise rasant steigen lässt.
       
       In den USA liegt die Inflationsrate derzeit bei 8,6 Prozent, in Deutschland
       waren es zuletzt 7,9 Prozent. Die [3][US-Notenbank Fed] hat sich nun zu
       einem radikalen Schritt entschlossen: Die Leitzinsen wurden drastisch nach
       oben gesetzt. Sie stiegen gleich um 0,75 Prozentpunkte und liegen jetzt
       zwischen 1,5 und 1,75 Prozent. Weitere Zinsschritte sollen folgen, so dass
       fürs Jahresende ein Niveau von 3 bis 3,5 Prozent angepeilt wird. Zum
       Vergleich: In der Eurozone liegen die Leitzinsen derzeit noch bei null und
       sollen im Juli nur um 0,25 Prozentpunkte zulegen.
       
       Steigende Zinsen sind immer gefährlich, weil sie das Wirtschaftswachstum
       abwürgen. Diese Delle ist sogar gewollt: Nur wenn der Konsum einbricht,
       sind Energie und Vorprodukte nicht mehr knapp, so dass dann auch die Preise
       nicht weiter steigen. Fed-Chef Jerome Powell verspricht eine „weiche
       Landung“. Er will die Zinsschritte exakt so justieren, dass die hohe
       Inflation endet, ohne dass die Wirtschaft allzu sehr leidet. Leider ist
       jedoch extrem unwahrscheinlich, dass diese weiche Landung gelingt. Denn im
       Detail ist gar nicht vorherzusehen, wie sich die Geldpolitik auswirkt.
       
       Klar ist nur, dass Darlehen teurer werden. Dieser Effekt ist in den USA
       bereits zu beobachten: Die Zinsen für Hypotheken und Konsumkredite steigen.
       Da viele Amerikaner keine Ersparnisse haben und auf Pump leben, können sie
       sich neue Anschaffungen nicht mehr leisten. Zugleich kommen Millionen
       Menschen in Bedrängnis, die bereits Kredite aufgenommen haben und deren
       Darlehen teurer werden, wenn die Zinsbindung ausläuft.
       
       Auf den ersten Blick mag es erstaunlich wirken, dass die neuen Leitzinsen
       von 1,5 bis 1,75 Prozent gefährlich sein könnten, denn früher lagen sie oft
       weit höher. Aber diese historischen Vergleiche hinken, weil es noch nie so
       viele externe Schocks gleichzeitig gab. Dadurch sind die Preise abrupt
       gestiegen, während die Gehälter zurückblieben. Die durchschnittlichen
       US-Stundenlöhne haben im vergangenen Jahr um 6,2 Prozent zugenommen.
       
       ## Deutschlands wichtigster Exportpartner
       
       Da die Inflationsrate bei 8,6 Prozent lag, ist die reale Kaufkraft um 2,4
       Prozent gesunken. Wenn jetzt zudem die Kreditzinsen steigen, bleibt den
       verschuldeten Amerikanern noch weniger Geld übrig, um ihre Ausgaben zu
       bestreiten. Die USA könnten also demnächst in eine Rezession abgleiten,
       weil viele BürgerInnen plötzlich eisern sparen müssen.
       
       Die Börsen preisen jedenfalls ein, dass es zu einer Wirtschaftskrise kommen
       könnte: Am Freitag fielen die Aktienkurse weiter, nachdem die Fed ihren
       Zinsentscheid bekannt gegeben hatte. Seit Beginn des Ukrainekriegs hat der
       US-Börsenindex Dow Jones bereits um 15 Prozent nachgegeben.
       
       Für Deutschland kann es gravierende Folgen haben, dass die Fed die Zinsen
       hoch setzt und damit eine Wirtschaftskrise riskiert. Denn die USA sind der
       wichtigste Kunde im Ausland. Waren im Wert von 122 Milliarden Euro haben
       deutsche Firmen 2021 nach Amerika exportiert. Eine Flaute in den USA würde
       die hiesige Konjunktur sofort belasten.
       
       Noch bedrohlicher könnten die weltpolitischen Konsequenzen sein: Im
       November wird in den USA gewählt, und US-Präsident Joe Biden könnte seine
       Mehrheiten im Kongress verlieren, wenn die Wirtschaft allzu stark abkühlt.
       Die Ukraine hat aber nur eine Chance, sich gegen den russischen Angriff zu
       verteidigen, wenn die USA verlässlich Waffen liefern. Bisher war der
       Kongress sehr großzügig, aber das könnte sich nach den Wahlen ändern.
       
       Es klingt wie eine harmlose Nachricht, dass die Leitzinsen in den USA auf
       1,5 Prozent steigen sollen. Aber diese Entscheidung kann die ganze Welt
       verändern.
       
       18 Jun 2022
       
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 (DIR) Ulrike Herrmann
       
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