# taz.de -- Oscar-Verleihung und Vorbilder: Ein Schlag ins Gesicht
       
       > Das Video von der Ohrfeige bei der Oscar-Verleihung macht immer noch die
       > Runde, als Unterhaltungseinlage in Endlosschleife. Das ist sehr
       > bedenklich.
       
 (IMG) Bild: Voll uncooles Herumschlägern
       
       In der U 5 kracht es. Mitten im Waggon hebt jemand blitzartig die Hand und
       erteilt eine Backpfeife. Sein Gegenüber taumelt und torkelt wie ein
       angeknockter Boxer. Es wird schallend gelacht.
       
       Diesmal handelt es sich weder um BVG-Geldeintreiber*innen, die auf eigene
       Faust unterwegs sind, noch um andere Berufshooligans. Die Attacke findet
       zudem auf einem 6-Zoll-Display statt. Zwei Schwarze Männer im Smoking sind
       aneinandergeraten. Vier Schüler, höchstens 15 Jahre alt, hocken vor dem
       Handy und ergötzen sich, während Superstar Will Smith dem
       Hollywood-Kollegen Chris Rock in die Fresse haut.
       
       [1][Nach dem Eklat bei den Oscars] wurde Will Smith für zehn Jahre aus der
       Academy ausgeschlossen. Das Video macht allerdings immer noch die Runde,
       und zwar als Unterhaltungseinlage in Endlosschleife. Sehr bedenklich.
       
       Denn die von dem 53-jährigen Schauspieler begangene Handgreiflichkeit
       beinhaltet eine Straftat. Von Notwehr kann hier keine Rede sein, [2][und
       mit Beate Klarsfeld] ist Will Smith nicht gleichzusetzen. Der Comedian
       Chris Rock ist auch nicht Kurt Georg Kiesinger. Rock teilt eher das
       Schicksal seines Komikerkollegen Oliver Pocher, der einen Tag zuvor in
       Dortmund wortwörtlich übers Ohr gehauen wurde. Seither muss Pocher um
       irreparable Hörschaden fürchten. Der Angriff auf Rock war nicht so brutal.
       Aber hat Rock den Schlag überhaupt verdient?
       
       ## Grenzwertiger Witz
       
       Der Witz, den Rock über Smiths Gattin Jada erzählt hat, mag grenzwertig
       sein. Geschmack ist halt Geschmackssache. Zweifelsohne ist die Krankheit
       Alopezie, an der Jada leidet, ein gleichsam haariges Thema.
       
       In „Afro zu tragen ist ein Akt des Widerstandes“, einer 2020 erschienenen
       Dokumentation der Filmemacherinnen Poliana Baumgarten und Elif Küçük,
       beschreibe ich die hohe Bedeutung der Frisur als Ausdrucksmittel des
       Stolzes in der Schwarzen Community. Mitgefühl für Jada ist also
       nachvollziehbar. Sie ist aber keine Geschädigte. Denn kein Verbrechen wurde
       an ihr, sondern an Chris Rock verübt.
       
       Interessanterweise hat ihr Gemahl Will sogar über den Witz gelacht, wie
       zahlreiche andere Scheinheilige im Dolby Theatre. Bis der Leinwandheld sich
       in seiner Maskulinität gekränkt fühlte und seine patriarchalischen
       Ansprüche „bühnenreif“ geltend machte. Er ließ die Sicherheitsleute
       abblitzen, ergatterte seinen Oscar und erhielt Standing Ovations.
       
       Bei aller Liebe, aber toxische Männlichkeit als Tugend zu feiern rettet
       keine Frau. Es ist vielmehr jugendgefährdend. Deshalb enttäuscht es mich,
       dass auch einige Schwarze den Angriff gutheißen. Dazu zählt leider eine
       Berliner Autorin, die zumindest von Weißen als Rassismuskritikerin
       abgöttisch gefeiert wird. Auf Instagram leitete sie Posts, die den Angriff
       verharmlosten oder verherrlichten, zustimmend weiter.
       
       ## Kampf um Aufmerksamkeit
       
       Ich bin, wie jene Person, aktuell [3][mit einem neuen Buch über Rassismus
       unterwegs], und im Kampf um die Aufmerksamkeit ist die Versuchung,
       tagesaktuelle Zwischenfälle zu kommentieren, manchmal groß. Diesmal tappte
       sie jedoch in eine Falle, in der sich keine erfahrene Rassismuskritikerin
       erwischen lassen sollte. Mit ihrem Fangirl-Moment erweckt sie den Eindruck,
       Black-on-Black-Crime sei zu rechtfertigen. Es ginge um den Schutz der Frau.
       
       Na ja, das klingt wie Ritterromane und Rosamunde Pilcher. Fakt ist,
       BIPoC-Jungs, die sich Machos wie Will Smith zum Vorbild nehmen, bekommen
       keinen Oscar, sondern Handschellen, Schusswunden und Särge. Das gilt im
       Bergmannkiez, das gilt in der Bronx. Eine Ohrfeige wird mit Waffengewalt
       erwidert, der Konflikt eskaliert exponentiell. Dann gibt es nur noch
       Blaulicht und Bestatter sowie das Kopfnicken der Rassist*innen, die sich
       über Ehrenmorde in ethnischen Subkulturen auslassen. In der Community
       brauchen wir eine Rosa Parks und keine Rosamunde Pilcher im Blackface.
       Schläge zur Streitschlichtung zu empfehlen, ist in jeglichem Alter
       entsetzlich. Wer für die Gerechtigkeit kämpft, setzt nicht auf Fäuste gegen
       die Meinungsfreiheit, sondern auf Meinungsbildung mit Wortgewalt und
       Weltgewandtheit.
       
       12 Apr 2022
       
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