# taz.de -- Überleben im Herzen Schleswig-Holsteins: Die A7 in der Blutbahn
       
       > Das Meer ist das Urlaubziel der Reisenden. Ins Niemandsland an der
       > Autobahn will kaum jemand. Dabei ist es da gar nicht schlimm. Oder doch?
       
 (IMG) Bild: Graues Band: die A7 zwischen Bad Bramstedt und Kaltenkirchen
       
       A7 taz | Niemand sollte den Ort kennen, in dem ich aufgewachsen bin.
       Kaltenkirchen, Hamburger Speckgürtel, 23.000 Einwohner:innen, keinerlei
       Sehenswürdigkeiten, es sei denn, man interessiert sich für Gedenkstätten
       von KZ-Außenstellen. Oder die Schule, auf der Beatrix von Storch Abitur
       gemacht hat. Das ist die AfD-Politikerin, die 2016 sagte, man müsse an der
       Grenze nach Deutschland flüchtende Kinder erschießen dürfen. Auch die
       Landschaft bietet keinen Anlass, einen Abstecher in meine
       schleswig-holsteinische Heimat zu machen. Flache Äcker und Wiesen, Knicks,
       bisschen Wald, bisschen irgendwas. Nicht schlimm, aber es gibt
       Aufregenderes.
       
       Und doch, bei vielen klingelt es, wenn sie den Ortsnamen hören, und einige
       wissen auch, warum. „Eine Autobahnabfahrt, oder?“, sagen die Dänemark- und
       Syltreisenden, andere kennen den Shoppingpark Dodenhof oder das Spaßbad
       Holstentherme. Und wer sich für Privatbahnen interessiert, weiß, dass AKN
       der Name der Vorortbahn ist, die ursprünglich mal Altona, Kaltenkirchen und
       Neumünster verbunden hat. Kaltenkirchen hat drei Haltestellen; das Spaßbad
       und eine Großraumdisco bekamen je eine eigene.
       
       Das Städtchen, von Bewohner:innen auch zärtlich Kaki genannt, ist enorm
       erfolgreich im Anwerben von Dienstleistungsunternehmen: 32 Jahre nach
       Schließung der KZ-Außenstelle machte Ikea für knappe zehn Jahre Station,
       als eins der ersten Häuser in Deutschland. Das alles liegt vor allem an der
       Nähe zur Autobahn. Bis ins City Center von Kaltenkirchen sind es keine zwei
       Kilometer. Das Rauschen der A 7 ist der Sound meiner Kindheit und Jugend,
       sie fließt durch meine Blutbahn.
       
       In diesem Artikel könnte es aber auch um Neumünster gehen oder irgendeinen
       der anderen Orte in der Mitte des nördlichsten Bundeslands, also um alle,
       die sich so weit weg von den Küsten oder der Holsteinischen Schweiz mit
       ihren Hügeln und Seen befinden, dass das Stadtmarketing ihre Lage als „im
       Herzen Schleswig-Holsteins“ beschreibt. Wobei das Herz hier im
       Verdauungstrakt liegt.
       
       Das heißt nichts anderes als: Sie wollen überall Urlaub machen, aber ganz
       bestimmt nicht hier. Gut, das denken viele auch über die Nordseeküste.
       Sandstrände hat diese fast nur auf den Inseln (Ausnahme, Achtung:
       [1][Pellworm]), und das, was Theodor Storm über seine Heimatstadt Husum
       dichtete, gilt für die gesamte Nordseeküste. „Am grauen Strand, am grauen
       Meer / Und seitab liegt die Stadt“ ist eine zurückhaltende Umschreibung des
       Sprichworts: „Hier möchte man nicht tot über’m Gartenzaun hängen.“ Aber
       immerhin: das Meer.
       
       ## 150 Kilometer der A 7 verlaufen durch Schleswig-Holstein
       
       Doch nicht einmal das gibt es im Niemandsland entlang und westlich der A 7,
       der längsten Autobahn Deutschlands, die auf 150 Kilometern
       Schleswig-Holstein in der Längsachse durchquert, parallel zum historischen
       Ochsenweg, auf dem unter anderem Vieh von Dänemark in die
       schleswig-holsteinischen Marschweiden getrieben wurde. Eine nennenswerte
       Querverbindung existiert nicht, was auch daran liegt, dass
       Schleswig-Holstein so schmal ist wie ein Reihenhausgarten. Und wer aus der
       Traufe Bordesholm kommt, will ganz bestimmt nicht nach Heide in den Regen.
       
       Mit Ausnahme der Grünen und der Linken glauben aber alle Parteien, dass
       Schleswig-Holstein unbedingt mehr Autobahnkilometer braucht. Deshalb wird
       seit 1998 an der [2][westlichen Fortsetzung der A 20] gebaut. In einem
       großen Bogen um Hamburg herum soll die sogenannte Küstenautobahn Polen mit
       den Niederlanden verbinden, aber seit 2013 ist der Bau kurz vor Bad
       Segeberg gestoppt. Fledermäuse.
       
       Und wenn ich an die A 20 denke, dann werde ich doch ganz schön gallig, weil
       die mitten durchs Schmalfelder Moor gebaut werden soll, ins Kaltenkirchener
       Hinterland. Dort ist es trotz des Autobahnrauschens eigentlich ganz
       reizvoll, und das nicht nur wegen der „Jugend Zauber“, wie sich Storm Husum
       schönredete. Und wenn man mal was anderes sehen will, ist da ja zum Glück
       die A 7. Die ist Teil der Europastraße 45 und verbindet das norwegische
       Alta nördlich des Polarkreises mit Gela an der Südküste Siziliens. Und Kaki
       mittenmang.
       
       5 May 2022
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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