# taz.de -- Scholz will kein Held sein: Held oder Heizung?
       
       > Pinya, Scholz, Selenskyj: Parallelen zwischen literarischen Helden und
       > heutigen Staatschefs.
       
 (IMG) Bild: Olaf Scholz während einer Bundestagsdebatte zum Krieg in der Ukraine Mitte März
       
       Die Geschichte spielt ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Schauplatz
       ist ein zaristisches Gefängnis für politische Häftlinge. Auf der untersten
       Stufe der Gefangenenhierarchie steht der Sozialist Pinya. Er hat vor seiner
       Verhaftung eine Lehre als Blechschmied absolviert und ist von seinem
       Meister regelmäßig geschlagen worden.
       
       Pinya ist jüdisch, klein und schüchtern. Sein Gegenspieler im Knast ist der
       wuchtige Zaletaiev, ein großmäuliger Anarchist. Zaletaiev zerreißt Bücher,
       wenn er wieder mal Papier fürs Rollen seiner Zigarette braucht. Er macht
       sich mit Vorliebe über den kleinen Pinya lustig und schleift ihn
       gelegentlich über den Zellenboden. Die anderen Häftlinge halten Pinya für
       einen Feigling, weil er alle Erniedrigungen einfach nur weglächelt.
       
       Eines Tages müssen die Gefangenen einen neuen Sprecher wählen. Um ihre
       Verachtung für das System zu demonstrieren, nominieren die Anarchisten
       Pinya. Pinya ist entsetzt über die Wahl, aber wie immer akzeptiert er sein
       Schicksal mit einem schüchternen Grinsen.
       
       Und dann, fast über Nacht, erlebt er eine Verwandlung. Er nimmt die neue
       Rolle an. Pinya wird ein Organisationstalent, verteilt die Rationen gerecht
       und setzt durch, dass die Gefangenen einmal im Monat baden dürfen. Er
       schlichtet Streitereien und verschafft sich bei allen Häftlingen Respekt.
       
       Nur sein Gegenspieler Zaletaiev rebelliert gegen dieses neue Idyll. Er
       verlangt von Pinya die sofortige Ausführung eines waghalsigen Fluchtplans.
       Ein Wachmann muss getötet werden, um allen Gefangenen den Ausbruch durch
       einen Tunnel zu ermöglichen. In der entscheidenden Nacht versagen alle
       Beteiligten, nur Pinya nicht. Er ermöglicht den Häftlingen die Flucht und
       bezahlt dafür mit seinem Leben.
       
       ## Schriftsteller und Politiker
       
       „Talisman“ lautet der Titel dieser Kurzgeschichte von Wolodymyr
       Wynnytschenko (1880–1951). Der Ukrainer Wynnytschenko war der Sohn armer
       Landarbeiter und versuchte sich als Politiker, Unabhängigkeitskämpfer und
       Schriftsteller. Seine Familie war nicht jüdisch, und trotzdem schuf er mit
       der Pinya-Figur einen jüdischen Helden, der sogar den Ersten Sekretär der
       KPDSU, Nikita Chruschtschow beeindruckte.
       
       In der Sowjetunion waren zwar die Werke von Wynnytschenko verboten, aber
       Chruschtschow kannte sie aus seiner Jugend. Er verglich sich mehrfach mit
       der mutigen Underdogfigur Pinya. Und tatsächlich hatte Chruschtschow 1956
       einen kurzen Pinya-Moment, als er es wagte, in einer Rede gegen den
       Stalinkult seiner Partei zu rebellieren.
       
       Nur wenige würden heute Chruschtschow als eine Heldenfigur sehen, aber
       eindeutig sind die Parallelen zwischen Pinya und Präsident Selenskyj. Das
       liegt nicht nur an ihrer beiden jüdischen Herkunft. Beide Männer wurden als
       Clowns unterschätzt und wuchsen erst im entscheidenden Moment über sich
       hinaus. Was man nicht unbedingt von anderen Politikern behaupten kann.
       Theoretisch sind der fiktive Pinya und der reale Olaf Scholz beide
       Sozialdemokraten.
       
       Damit hören ihre Gemeinsamkeiten jedoch schon auf. [1][Scholz will kein
       Held sein], er interessiert sich für funktionierende Heizungen. Jedes
       Zugeständnis an die Ukraine muss aus ihm herausgepresst werden. Flankiert
       wird er jetzt von den neuen deutschen Appeasern wie etwa Alice Schwarzer
       und Emma, die in einem offenen Brief den dritten Weltkrieg prophezeien.
       
       ## Keine Appeasementpolitik mehr
       
       Die Briten hingegen lieben ihren Premierminister schon lange nicht mehr und
       offene Briefe dieser Art sind nicht zu erwarten. [2][Obwohl Putin
       angekündigt hat], er könne Großbritannien mit seiner atomfähigen
       Superrakete Satan 2 ab Herbst angreifen, hat man in Großbritannien
       beschlossen, nicht wieder zur Beschwichtigungspolitik von 1938
       zurückzukehren.
       
       Stattdessen schlägt das Satiremagazin Private Eye den russischen
       PR-Beratern jetzt vor, Satan 2 einen positiveren Namen zu geben, vielleicht
       „Liberator 2“ oder „The Big Peace Bomb“?
       
       4 May 2022
       
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