# taz.de -- Aufarbeitung des DDR-Dopings: Die Bewusstwerdung
       
       > DDR-Sportliebling Frank Ullrich, jetzt für die SPD an der Spitze des
       > Sportausschusses, gerät wegen seiner Vergangenheit stark unter Druck.
       
 (IMG) Bild: „Unbewusst gesteuerter Verdrängungsmechanismus“: Frank Ullrich und die Erinnerung, hier 1979
       
       Als „ein verheerendes Signal und Schlag ins Gesicht der Opfer des
       DDR-Dopings, die noch heute an den gesundheitlichen Folgen leiden“, hat
       kürzlich die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der
       SED-Diktatur, [1][Birgit Neumann-Becker], die Entsendung von Frank Ullrich
       ins Aufsichtsgremium der Nada bezeichnet, der deutschen
       Antidopingagentur. Sie sehe es als notwendig an, dass Ullrich seine
       Verstrickung als Sportler und vor allem als Trainer in der DDR in Bezug auf
       Dopingmittel aufkläre. Zudem wies sie darauf hin, dass Ullrich in der DDR
       NVA-Offizier im Armeesportklub Oberhof, zuletzt im Rang eines Majors, sowie
       SED-Mitglied war.
       
       Dies alles zeige, wie eng er mit dem System verwoben gewesen sei. Sie
       forderte ihn auf, seine Vergangenheit transparent zu machen. Weiter
       kritisiert Neumann-Becker, dass Ullrich sich an der Aufarbeitung des
       Dopings nicht beteiligt habe. Auch [2][die Bundesbeauftragte für SED-Opfer,
       Evelyn Zupke], kritisierte den SPD-Politiker, der seit einigen Wochen den
       Sportausschuss des Bundestags leitet: „Ich vermisse einen kritischen Umgang
       mit seiner eigenen Rolle im DDR-Dopingsystem. Und ich vermisse auch, dass
       sich Herr Ullrich jemals für die Dopingopfer interessiert hat.“
       
       In einer Presseerklärung vom Mittwoch ließ Ullrich nun verlauten, dass er
       ein Angebot der SED-Opferbeauftragten Zupke annehmen werde: „Ich werde mit
       ihr gemeinsam auch den Austausch mit Doping-Betroffenen suchen. Das ist
       letztlich eine Chance, gemeinsam mehr Licht in das DDR-Dopingsystem zu
       bringen und die Rolle, die wir darin gespielt haben.“ Der Obmann der
       CDU/CSU-Fraktion im Sportausschuss, Fritz Güntzler, fordert, dass Ullrich
       sein Amt im Aufsichtsrat der Nada niederlegen müsse. Es sei zu spät, jetzt
       noch glaubhaft für „sauberen Sport im Nada-Aufsichtsrat einzutreten“,
       teilte er mit.
       
       Selbst Ullrichs Fraktionskollegin, die sportpolitische Sprecherin der SPD,
       Sabine Poschmann, findet es angesichts der Vorwürfe „richtig, dass Ullrich
       sein Aufsichtsratsmandat bei der Nada jetzt erst mal ruhen lässt“. Dem
       stellvertretenden Vorsitzenden des Sportausschusses, Philip Krämer vom
       Koalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen ist das nicht genug: „Ich erwarte
       von Herrn Ullrich jetzt, dass er hier ganz klar darlegt, ob er vom Doping
       in der DDR wusste.“ Eine Sitzung des Sportausschusses am Mittwoch
       verpasste Ullrich wegen eines Corona-Positivtests.
       
       ## Belege für Doping im Biathlon
       
       Ullrich, der 1976, 1980 und 1984 an Olympischen Winterspielen teilnahm,
       beharrt weiterhin darauf, in seiner Zeit als Athlet niemals wissentlich mit
       Doping in Kontakt gekommen zu sein. Die FAZ hatte kürzlich aus seit vielen
       Jahren bekannten Stasi-Akten zitiert, die einen gegenteiligen Schluss
       zulassen: In einem handschriftlichen Bericht schrieb der Verbandsarzt des
       DDR-Skiläuferverbandes, Hans-Joachim Kämpfe, der unter dem Decknamen IM
       „Schmied“ auch für die Stasi als Spitzel arbeitete, am 15. März 1984 eine
       „Kurzeinschätzung der Wirksamkeit der UM („unterstützende Mittel“ war das
       Pseudonym für den Einsatz von Anabolika im DDR-Sport; d. Red.) in der
       Vorbereitung der Olympischen Winterspiele 1984 in Sarajevo“.
       
       Weiter: „Im Biathlon wurde die Beeinflussung mit OT (Oral-Turinabol; d.
       Red.) nach den in den vorhergehenden Jahren bewährten Prinzipien geplant
       und realisiert.“ Aus dem Jahr 1971 datieren Stasi-Unterlagen des
       DDR-Sportarztes Heinz Wuschech aus Berlin, die belegen, dass die damaligen
       DDR-Skilangläufer Gerhard Grimmer und Gert-Dietmar Klause mit Anabolika
       gedopt worden sind.
       
       Parlamentserfahrung hat der Bundestagsneuling Ullrich bisher kaum, seit
       2019 wirkte er als damals noch Parteiloser im Stadtrat seiner Heimatstadt
       Suhl mit. Seinen Einzug in den Bundestag hatte Ullrich mit den Worten
       kommentiert: „Es fühlt sich wie ein Olympiasieg an.“ Und es sei für ihn
       eine große Ehre, „in der Herzkammer der Demokratie Platz zu nehmen“.
       
       Bereits im Jahr 1991 wurden Dopingvorwürfe gegen Ullrich öffentlich. Der
       frühere DDR-Biathlet Jens Steinigen hatte schon 1991 die in der DDR
       verantwortlichen Biathlontrainer Kurt Hinze aus Oberhof, Wilfried Bock und
       Frank Ullrich belastet, weil sie ihn einst zur Dopingeinnahme überreden
       wollten. Daraufhin wurde Steinigen von Hinze verklagt. Hinze verlor den
       Prozess vorm Landgericht Mainz und musste von seinem Amt als
       Biathlonbundestrainer der Männer zurücktreten.
       
       Im März 2009 hatte der ehemalige DDR-Biathlet Jürgen Wirth den Trainern
       Bock und Ullrich eine aktive Dopingverstrickung vorgeworfen; konkret, dass
       auch Ullrich die Einnahme des Dopingmittels Oral-Turinabol mit angeordnet
       und die Einnahme überwacht habe. Auch die beiden DDR-Biathleten und
       einstigen Mannschaftskameraden von Ullrich, Andreas Heß und Jürgen
       Grundler, hatten gegenüber der ARD-Sportredaktion im Jahr 2009 erklärt,
       dass Ullrich bei einer polizeilichen Vernehmung 1994 die Unwahrheit gesagt
       habe mit seiner Behauptung, „Tabletten, blau, gelb oder rosafarbene, habe
       ich nicht auf den Trainingslagern bekommen“.
       
       Eine Aussage, die die beiden Dopinggeschädigten Heß und Grundler als Hohn
       empfanden. Ullrich hat all die Vorwürfe gegen ihn immer abgestritten und
       stets behauptet, unter der Bezeichnung „unterstützende Mittel“ im
       DDR-Leistungssport habe er Vitamine, Mineralsalze und physiotherapeutische
       Maßnahmen verstanden. Aber wie die Dopingprozesse zum DDR-Sport und auch
       die Stasi-Unterlagen eindeutig belegt haben, waren „unterstützende Mittel“
       überwiegend Anabolika, verbotene Dopingmittel.
       
       Eine vom Deutschen Skiverband eingesetzte Untersuchungskommission urteilte
       so über Ullrich: Wenn er auch heute behaupte, er sei davon ausgegangen,
       dass es sich lediglich um trainingsunterstützende Mittel im legalen Bereich
       gehandelt hätte, so sei das einem „[3][unbewusst gesteuerten
       Verdrängungsmechanismus]“ geschuldet. Das Verdrängte kommt nun zurück.
       
       8 Apr 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://aufarbeitung.sachsen-anhalt.de/
 (DIR) [2] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw23-de-wahl-sed-opferbeauftragter-846292
 (DIR) [3] https://www.deutschlandfunk.de/ein-unbewusst-gesteuerter-verdraengungsmechanismus-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Purschke
       
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