# taz.de -- Mit Ukraine und Russland gut Freund: Pekings doppeltes Spiel
       
       > Chinas Positionierung im Ukraine-Konflikt wird immer undurchsichtiger.
       > Die Führung in Peking möchte sich alle Türen offenhalten.
       
 (IMG) Bild: Vladimir Putin und Xi Jinping bei ihrem letzten offiziellen Treffen in Peking am 04.02.2022
       
       Peking taz | Es mag eine Binsenweisheit sein, doch im Falle Chinas ist sie
       doppelt wahr: Man muss das Land an seinen Taten messen, die Worte der
       Staatsführung hingegen lassen sich getrost als rhetorische Nebelgranaten
       abtun. Die Entwicklungen der laufenden Woche belegen dies eindrücklich:
       Erst am Montag versicherte Fan Xianrong, Pekings Botschafter in Kiew, dass
       man der ukrainischen Bevölkerung „freundlich“ gesinnt sei, [1][das Land
       „niemals angreifen“ werde] und eine „Kraft des Guten“ sei. Doch nur zwei
       Tage später, als der Internationale Gerichtshof in Den Haag Russland zum
       Ende des Krieges aufforderte, [2][stimmte die chinesische Richterin Xue
       Hanqin dagegen].
       
       Auch mehr als drei Wochen nach dem russischen Einmarsch in Richtung Kiew
       ist Chinas Position in diesem Konflikt keineswegs in Stein gemeißelt. Im
       Gegenteil: Xi Jinpings Haltung scheint sich nahezu tagesaktuell an die
       Gegebenheiten anzupassen. Trotz der offensichtlichen Nähe zu Russland
       möchte Chinas Führung sich stets ein Hintertürchen offenhalten.
       
       Wie verwirrend die chinesische Kommunikation bisweilen ist, wird an der
       Berichterstattung des Staatsfernsehens deutlich. Erstmals dulden die
       Zensoren dort auch Videoaufnahmen der vom Krieg verwüsteten Städte in der
       Ukraine, ja selbst von den herben Verlusten russischer Streitkräfte wird in
       den Abendnachrichten mittlerweile berichtet. Gleichzeitig verbreitet CCTV
       zur besten Sendezeit weiterhin Verschwörungstheorien über [3][angebliche
       US-Biowaffenlabore] auf ukrainischem Boden. Die Botschaft, die innerhalb
       der Bevölkerung verfängt, ist widersprüchlich. Nur ein Narrativ bleibt
       konstant: Hinter den Kulissen sind die USA der eigentliche Aggressor.
       
       Wo China wirklich steht, lässt sich anhand der eigenen Propaganda jedoch
       nicht ablesen. Wird Peking vollends auf Russland setzen, um eine neue
       Weltordnung der Autokraten heraufzubeschwören? Oder wird es dem Westen
       gelingen, Xi Jinping dazu zu bringen, [4][mit seinem „alten Freund“
       Wladimir Putin] zu brechen? Beide Szenarien sind Extrempole, die mit
       Sicherheit nicht in dieser Form eintreffen werden. Stattdessen agiert
       Pekings Führung inmitten dieses Spannungsfelds.
       
       ## Wenn zwei kämpfen, sieht am besten zu
       
       „Ein System wie China kennt per Definition keine Freundschaft“, sagte
       unlängst ein hochrangiger, europäischer Diplomat in Peking. Damit spielt er
       auf die interessengeleitete Außenpolitik der Volksrepublik an, die
       ausschließlich auf den eigenen Nutzen ausgerichtet sei. Auf welcher Seite
       dieser liegt, lässt sich jedoch nicht eindeutig beantworten.
       
       Im Westen wird zwar stets angenommen, dass man der Volksrepublik deutlich
       mehr zu bieten hat als ein wenig kaufkräftiges Russland mit einer
       schwächelnden Wirtschaft. Doch aus der Vogelperspektive ergibt sich ein
       anderes Bild.
       
       Von den direkten Folgen des Krieges wird China nämlich unter allen großen
       Volkswirtschaften am wenigsten Schaden nehmen. Laut einer Modellrechnung
       der New Yorker Denkfabrik The Conference Board hat das robuste Reich der
       Mitte maximal einen Einbruch von 0,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts
       zu befürchten. Bei Deutschland wären es im schlimmsten Fall 2,4 Prozent.
       Dementsprechend lässt sich das derzeitige Herumlavieren auch mit einem
       traditionellen Sprichwort umschreiben: Wenn zwei Tiger sich bekämpfen, dann
       schaut man am besten von einem hohen Hügel aus zu.
       
       Zudem hat sich innerhalb der Pekinger Führung längst die Vorstellung
       durchgesetzt, dass es der Volksrepublik langfristig nichts bringt, wenn sie
       auf die Beziehungen zu den USA setzt. Washington würde niemals einen
       Aufstieg Chinas zulassen, glaubt man im Regierungssitz Zhongnanhai. Wieso
       also sollte man seine Energien an eine Beziehung verschwenden, die ohnehin
       unweigerlich auf einen Kollisionskurs zusteuert?
       
       ## China könnte von Spannungen profitieren
       
       Auch spekuliert Peking darauf, dass die derzeitige Geschlossenheit des
       Westens schon bald Risse zeigen könnte. Dann nämlich, wenn [5][die
       Energiepreise in ungeahnte Höhen] schnellen und die [6][ukrainischen
       Flüchtlingsströme] nicht abreißen. Von den sozialen Spannungen würde
       ebenfalls vor allem China profitieren.
       
       Russland ist zudem ein verlässlicher Partner auf diplomatischer Ebene, der
       in fast allen Angelegenheiten Rückendeckung bietet – angefangen von der
       Nato-Expansion in Osteuropa bis hin zum [7][angelsächsischen Militärbündnis
       Aukus im Indopazifik].
       
       Xi Jinping hat also durchaus ein starkes Interesse daran, dass Putin
       weiterhin an der Macht bleibt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er künftig
       stark angeschlagen sein wird. Im Gegenteil, ein schwaches Russland käme
       China durchaus recht: Moskau würde dann nämlich vollkommen von Pekings
       Wirtschaft abhängig und würde dementsprechend günstiges Öl liefern.
       
       Wenn China allerdings bemerkt, dass die europäische Geschlossenheit gegen
       Putin keine Eintagsfliege ist und diesem vielleicht sogar droht, den
       militärischen Konflikt gegen Kiew zu verlieren, wird Xi Jinping seine
       Position grundsätzlich überdenken. Denn die russisch-chinesische
       Freundschaft ist vor allem ein pragmatisches Zweckbündnis. Auf der Seite
       der Verlierer möchte Peking nicht landen.
       
       18 Mar 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.ukrinform.net/rubric-polytics/3430195-china-will-never-attack-ukraine-ambassador-assures.html
 (DIR) [2] https://www.icj-cij.org/public/files/case-related/182/182-20220316-PRE-01-00-EN.pdf
 (DIR) [3] https://www.swr.de/wissen/ukraine-gefahren-von-biolaboren-100.html
 (DIR) [4] https://www.aljazeera.com/news/2022/3/18/personal-ties-that-bind-how-xi-putin-relationship-has-evolved
 (DIR) [5] https://fred.stlouisfed.org/series/PNRGINDEXM
 (DIR) [6] /Krieg-in-der-Ukraine/!5838347
 (DIR) [7] https://orf.at/stories/3238063/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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