# taz.de -- Besserer Sex in den Wechseljahren: Auf der Leiter nach oben
       
       > Über das Klimakterium kursieren einige Mythen, was daran liegt, dass kaum
       > jemand offen darüber spricht. Kein Wunder, ist es doch negativ
       > konnotiert.
       
 (IMG) Bild: Klimakterium ist irgendwie auch wie: Auf der obersten Sprosse stehen
       
       „Jessi“, sagte ich vor Monaten [1][zu meiner Friseurin], „wir müssen über
       die Wechseljahre sprechen.“ Hier, vor aller Welt. „Nur zu“, sagte sie und
       hängte mir das Maskenbändchen hinter das Ohr.
       
       Wir waren uns einig, irgendjemand musste die Bildungslücken stopfen. Gut,
       die klaffen überall auf, wo es um Frauenkörper geht. Ich habe auch erst vor
       Kurzem verstanden, wie groß meine Klitoris ist und dass das, was ich
       jahrzehntelang „Scheide“ nannte, [2][jedenfalls teilweise eine Vulva ist].
       
       Darüber zu schreiben ist unter Feminist:innen gerade schwer angesagt.
       Ist ja auch relativ sexy. Im taz-Redaktionssystem gab es hingegen bis vor
       Kurzem noch nicht einmal einen Hashtag „Wechseljahre“, dafür
       #Tierpräparation, #Spaghettimonster und #Männer-Bashing. Kein Witz.
       
       Mich wundert das nicht, werden die Wechseljahre doch mit Verfall, Schwäche
       und Asexualität assoziiert und deshalb höchstens im Privaten thematisiert –
       mitsamt Weitergabe aller Fehlinformationen. Menopause etwa ist kein anderes
       Wort für Wechseljahre, sondern für die letzte Regelblutung. Und das
       Klimakterium (wenn Synonym, dann dieses) beginnt bei den meisten sehr viel
       früher als viele denken, nämlich in den 40ern.
       
       ## „Alles eine Frage der Einstellung“
       
       „Sie sind doch viel zu jung dafür“, sagte mir eine Hautärztin, als ich mich
       über Pickel beschwerte und die Wechseljahre dafür verantwortlich machte.
       Sie war etwa so alt wie ich, Ende 40, das Durchschnittsalter für den Beginn
       der Wechseljahre. Dasselbe hörte eine Freundin. Von ihrer Gynäkologin.
       
       Vielleicht sollten sie das mal googeln, obwohl das auch nicht viel weiter
       hilft. Denn einerseits lauern im Internet Gruselgeschichten über
       Schlafstörungen und monströse Übellaunigkeit, die niemand lesen will, die
       (noch) nicht davon betroffen ist. Andererseits erleben Frauen diese Phase
       offenbar grundverschieden, sodass es kaum verallgemeinerbare Aussagen zu
       geben scheint. Oder es wurde zu wenig geforscht – wäre jetzt auch keine
       Überraschung.
       
       Jessi zum Beispiel hatte gerade erst Abbitte dafür leisten müssen, sich
       Zeit ihres Frisörinnen-Daseins über Kundinnen mokiert zu haben, die über
       Hitzewallungen klagten. „Ich kriege das nicht“, hatte sie stets gesagt,
       nach dem Motto: „Alles eine Frage der Einstellung.“ Nur um dann zu erleben,
       wie es ist, mehrfach in der Stunde einmal alle Klamotten durchgeschwitzt zu
       haben.
       
       Dabei muss ich gestehen, dass ich auch lange aus einer nie gelesenen Studie
       zitiert hatte, nach der Asiatinnen seltener über Wechseljahresbeschwerden
       klagen als Deutsche. Jüngst las ich, [3][dass sie vermutlich dieselben
       Beschwerden haben] – aber nicht die Erlaubnis, darüber zu klagen.
       
       Und über all das schreibe ich erst jetzt, Monate nach der Ankündigung. Weil
       es mir unangenehm ist. Weil ich „damit“ nicht in Verbindung gebracht werden
       möchte. Weil ich doch noch viel zu jung dafür bin.
       
       Das Verrückte: Mir geht es besser denn je. Klar, so mittenmang bin ich noch
       nicht, da kann, wenn ich Pech habe, noch was kommen. Aber weil über diese
       Phase, die immerhin die Hälfte der Menschheit erlebt, der Mantel peinlichen
       Schweigens gelegt wird, war ich nicht darauf vorbereitet, das sie auch
       positive Seiten haben kann.
       
       ## Lauter Höhepunkte
       
       Von wegen asexuell! Mehr Lust + geringere Wahrscheinlichkeit, schwanger zu
       werden = ganz großes Tennis. Und schließlich geht Klimakterium auf „Klimax“
       zurück, was „Höhepunkt“, „Steigerung“ bedeutet und ursprünglich im
       Griechischen – [4][so lerne ich im Internet] – „eine schräg ans Haus
       gelehnte Leiter“ bezeichnete, „um in die oberen Räume zu gelangen“.
       
       Dort oben kann frau sitzen und sich darüber wundern, dass sie 30 Jahre
       ermuntert wurde, täglich Hormone einzunehmen, damit ihre Partner kein
       Kondom beim Sex tragen müssen. Und dass sie jetzt gefragt wird, ob sie sich
       umbringen wolle, wenn sie sich in der unangenehmsten Phase der Wechseljahre
       Hormone verschreiben lässt.
       
       6 Mar 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Leben-als-weiblich-gelesene-Person/!5809086
 (DIR) [2] /Biolehrerin-ueber-veraltete-Schulbuecher/!5830756
 (DIR) [3] /Menopause-der-Frau/!5797600
 (DIR) [4] https://www.dwds.de/wb/Klimakterium
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eiken Bruhn
       
       ## TAGS
       
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