# taz.de -- Goldbergs Holocaust-Äußerung: Ebony and Ivory
       
       > US-Schauspielerin Whoopi Goldberg deklarierte den Holocaust als ein
       > nichtrassistisches Ereignis. Diese Haltung ist symptomatisch für eine
       > Entwicklung.
       
 (IMG) Bild: Whoopi Goldberg mit Patrick Swayze im Film „Ghost“
       
       In ihrer besten Rolle spielt [1][Whoopi Goldberg in dem Film „Ghost“] eine
       Geisterbeschwörerin. Das ist ein Beruf, für den es Einfühlungsvermögen und
       gewisse Kenntnisse der jüngsten Vergangenheit braucht. Beide Tugenden
       [2][ließ die Schauspielerin neulich schmerzlich vermissen], als sie den
       Holocaust als ein nichtrassistisches Ereignis deklarierte, da es sich um
       Mord unter weißen Menschen gehandelt habe („[3][This is white people doing
       it to white people]“).
       
       Das wäre nur ein weiterer Beleg von Dummheit in einem Metier, in dem
       gemeinhin Texte nachgesprochen werden, die andere geschrieben haben, wäre
       diese Haltung nicht symptomatisch für eine Entwicklung, die den wahren
       Kampf gegen Rassismus schwächt, in Zeiten, in denen eine Verwirrung der
       Begriffe und eine Banalisierung der Diskurse überhandnehmen.
       
       Entweder man geht davon aus, dass es essenzielle Unterschiede zwischen
       Ethnien gibt, oder aber, dass grundsätzliche Differenzen stets konstruiert
       sind – im Dienst bestimmter politischer Ziele. Erstere Auffassung ist durch
       die Genetik widerlegt, was viele Idioten nicht daran hindert, weiterhin
       daran zu glauben. Zweitere scheint in Vergessenheit zu geraten. Momentan
       haben einfache Welterklärungen Konjunktur, die mit dem Muster „Rassismus =
       Weißsein“ historische Wahrheiten auf den Punkt zu bringen meinen.
       
       Das ergibt jedoch nur Sinn, wenn es essenzielle Unterschiede zwischen
       „weiß“ und „schwarz“ gibt. Sollten sie konstruiert sein, sind sie
       logischerweise die Folge und nicht die Erklärung eines grundlegenderen
       Übels. Insofern dienen Rundumschläge à la „die Weißen sind stets die
       Unterdrücker“ kaum der Erkenntnis, was nicht zuletzt Antisemitismus und
       Shoah beweisen: Viele der Ermordeten hierzulande waren deutscher als ihre
       Mörder, kulturell gewandter, sprachlich kompetenter und anhand des
       Aussehens von den vermeintlichen Ariern nicht zu unterscheiden.
       
       Es braucht für rassistische Ausgrenzung keine offensichtliche Differenz, ja
       nicht einmal eine tatsächlich existierende. Behauptung und Einbildung
       genügen. Der Wahn nährt sich selbst. Im Krieg in Ex-Jugoslawien haben
       „Weiße“ aus brutalem Rassismus heraus andere „Weiße“ umgebracht, darunter
       viele Menschen, die aus „gemischten“ Ehen stammten und selbst gar nicht
       wussten, zu welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen sollten.
       
       Und wer – wie der Autor dieser Zeilen – aus dem Balkan stammt, der kennt
       Kolonialismus (fünf Jahrhunderte lang) als Unterdrückung durch Machthaber
       aus dem Osten, die dunkelhäutiger waren als die Einheimischen. Rassistische
       Kategorien waren und sind Instrumente von Herrschaft, strukturell in dem
       Sinn, dass sie den jeweiligen Macht- und Kapitalinteressen dienen.
       „Weißsein“ wurde zu Beginn des Kolonialismus erfunden, um die Unterdrückung
       anderer Völker als zivilisatorische Mission auszugeben.
       
       Rassismus wurde zu einer pseudowissenschaftlichen Theorie (etwa 1850 in dem
       Buch „[4][The Races of Men]“ von Robert Knox), um die imperiale Ausbeutung
       der eroberten Gebiete ideologisch abzusichern. „Stammesidentitäten“ wurden
       bürokratisch festgeschrieben, um die Kolonialisierten untereinander zu
       spalten. Viele der „Stammesnamen“ bedeuten nichts anderes als „Mensch“ in
       der jeweiligen Sprache.
       
       Doch Genozide schaffen eigene Bruchlinien: Im unabhängigen Simbabwe etwa
       verübte die Regierung Mugabe einen Massenmord an den Ndebele im Süden des
       Landes mithilfe einer von Nordkoreanern ausgebildeten Brigade. Wir sollten
       die Schrecken von Herrschaft und Terror nicht durch simple Erklärungen
       banalisieren.
       
       ## Weder weiß noch warm
       
       Auch die These von essenziellen Opfergruppen hilft kaum weiter. Ist Tidjane
       Thiam, jahrelang Vorsitzender der Geschäftsleitung der Credit Suisse,
       Nachfahre einer ivorischen Herrscherin und Verwandter des Diktators
       Houphouët-Boigny, wirklich ein Opfer „weißer Herrschaft“, profitieren die
       Bulgarinnen und Rumäninnen hingegen, die unter menschenunwürdigen
       Bedingungen in der deutschen Fleischindustrie schuften, tatsächlich von der
       „weißen Herrschaft“?
       
       Und wie lässt sich der [5][Genozid, den die chinesische Diktatur an den
       Uigurinnen] verübt, unter diesem Schema subsumieren? Wie schön, dass
       [6][MarsGlobal seine M&Ms „inklusiver“ gestaltet, während das Unternehmen
       zugleich die Winterspiele 2022 sponsert]. Die Verwirrung zeigt sich auch an
       dem Begriff „PoC“ (Person of Colour). Als jemand, der in Südafrika gelebt
       hat, stolpere ich über diese Bezeichnung, weil „coloured“ ein hässliches
       Wort aus der Nomenklatur der Apartheid ist.
       
       Ich akzeptiere es, in einer intelligenten und sinnvollen Definition, die
       auf Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung beruht und nicht auf
       Aussehen. Denn ein blonder Flüchtling aus Aleppo kann mehr PoC sein als
       eine Diplomatentochter aus Nigeria. Wohlhabende Freunde aus Kenia steigen
       etwa zu Besuch in Europa absichtlich in den teuersten Hotels ab, weil sie
       dort gemäß ihrer Kreditkarte behandelt werden, nicht ihres Äußeren.
       
       James Baldwin betont in seinen scharfsichtigen Essays immer wieder „die
       Lüge des Weißseins“, die uns alle daran hindere, Rassismus zu bekämpfen:
       „Amerika wurde weiß – die Menschen, die, wie sie behaupten, das Land
       besiedelten, wurden weiß […]. Männer – zum Beispiel aus Norwegen, wo sie
       ‚Norweger‘ waren – wurden weiß, indem sie das Vieh abschlachteten, die
       Brunnen vergifteten, die Häuser abfackelten und die amerikanischen
       Ureinwohner massakrierten, schwarze Frauen vergewaltigten.“
       
       Erst durch sein Handeln wird der Einzelne somit Teil einer Tradition von
       Gewalt und Raub, die sich selbst historisch als „weiß“ rubriziert hat.
       Davor ist er weder weiß noch warm, weder kalt noch schwarz, sondern nur
       Mensch. Anstelle des Mumpitzes von der universellen „weißen Herrschaft“
       sollten wir, wiederum mit den Worten von Baldwin, „etwas noch nie
       Dagewesenes tun – uns selbst erschaffen, ohne es für nötig zu halten, einen
       Feind zu erschaffen.“
       
       16 Feb 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=6MXvC0l3LUs
 (DIR) [2] /Bemerkung-zum-Holocaust/!5829607
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=AhITfM4bqO8
 (DIR) [4] https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.32044004820817&view=1up&seq=7
 (DIR) [5] /China-und-die-Uiguren/!5642452
 (DIR) [6] https://www.newsweek.com/un-watchdog-slams-inclusive-mms-campaign-while-parent-company-sponsors-china-olympics-1671785
       
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 (DIR) Ilija Trojanow
       
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