# taz.de -- Kampf gegen Verschwörungstheorien: Eine Impfkampagne genügt nicht
       
       > Verschwörungsideologien sind in ihrer Gefahr nicht zu unterschätzen. Die
       > Bildungsstätte Anne Frank widmet dem Kampf dagegen eine Ausstellung.
       
 (IMG) Bild: Verschwörungsanhänger bei einer Demo gegen die Coronamaßnahmen in Berlin im Sommer 2020
       
       Vielleicht ist Donald Trump ein warnendes Beispiel dafür, wie wichtig eine
       Immunisierung gegen Verschwörungstheorien sein kann. Das sagt jedenfalls
       der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch in einem [1][Video zur
       digitalen Ausstellung „Matter of Fact“] der Bildungsstätte Anne Frank in
       Frankfurt am Main, die am Montag online ging: „Man sieht das in den USA: Da
       kann selbst der Haupt-Verschwörungstheoretiker abgewählt werden. Die
       Verschwörungstheorien verschwinden nicht wieder so schnell.“
       
       Stefanowitsch fordert eine politische Kultur, in der Verschwörungstheorien
       möglichst wenig Platz haben; ein „kritisches Denken“, das „erkennen lässt,
       wann tatsächlich etwas hinterfragt werden müsste und wann nicht“. Dazu
       müsse erreicht werden, dass „dämonisierte Gruppen“ – beispielsweise bei
       antisemitischen Verschwörungserzählungen – in der Erfahrungswelt der
       Menschen vorkommen. Stefanowitsch verspricht sich davon die verbreitete
       Erkenntnis: „Diese Verschwörungstheorien können nicht stimmen. Die
       Menschen, die ich kenne, können kein Teil dieser Verschwörung sein.“
       
       ## „Höchstexplosive Mischung“
       
       Die Ausstellung sucht nach Rezepten gegen eine Gefahr, die aus Sicht von
       Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte, nicht unterschätzt werden darf.
       Die Szene der Verschwörungstheoretiker:innen habe sich in der
       Coronapandemie immer stärker radikalisiert, antisemitische und rassistische
       Ressentiments machten die Runde, global vernetzte
       Geschäftemacher:innen würden „an der Erregungsschraube drehen“.
       Mendel spricht von einer „höchstexplosiven Mischung“ und einem „kaum
       bekannten Aggressionsniveau im Alltag“. Verschwörungsgedanken hätten schon
       vor der Pandemie die „Manifeste“ der Terroristen in Halle und Hanau
       geprägt. Und sie seien auch im September 2021 das Motiv für den [2][Mord an
       dem Tankstellenkassierer in Idar-Oberstein] gewesen, der einen Kunden auf
       die Maskenpflicht hinwies.
       
       „Der Verschwörungsglaube zieht sich durch alle gesellschaftlichen
       Schichten“, sagt der Direktor der Bildungsstätte. Die bisherigen
       Gegenmaßnahmen der Politik jedoch hält er für unzureichend. Mendel spricht
       von einer „nationalen dringenden Aufgabe“. Er erwähnt [3][lobend die
       staatliche Impfkampagne]. Aber: „Es wäre gut, wenn eine Kampagne gegen
       Verschwörungsideologien andockt.“ Die in der Gesellschaft gezogenen
       Vergleiche der Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus mit der Zeit des
       Nationalsozialismus empören Mendel. Er widerspricht namentlich dem
       ehemaligen Tagesspiegel-Kolumnisten Harald Martenstein, der Proteste mit
       „Ungeimpft“-Sternen als „sicher nicht antisemitisch“ bagatellisiert hatte.
       Das Tragen von „Judensternen“ bei Coronaprotesten sei „selbstverständlich
       antisemitisch“, betont Mendel: „Darüber müssen wir nicht diskutieren.“
       
       ## Eine rechtsoffene Mobilisierung
       
       Doch dass Aufklärungsarbeit unter den Demonstrierenden von Querdenken & Co
       gerade in Zeiten der Pandemie dringend Not tut, hat eine in der
       [4][vergangenen Woche vorgestellte Studie] des „Center für Monitoring,
       Analyse und Strategie“ (CeMAS) gezeigt. Dessen Geschäftsführerin, die
       Sozialpsychologin Pia Lamberty, ist auch an der Ausstellung „Matter of
       Fact“ beteiligt. Die Studie untersucht das Protestpotenzial während der
       Covid-19-Pandemie. Die undurchsichtige Gemengelage, unter anderem was die
       Rolle der organisierten Rechten bei den Protesten angeht, habe
       Gesellschaft, Medien und Politik eine Einordnung erschwert und damit auch
       „zu sehr unterschiedlichen Umgangsstrategien“ geführt, analysieren die
       Wissenschaftler:innen.
       
       Sie sehen eine verschwörungsideologische und rechtsoffene Mobilisierung,
       die größere Teile der Bevölkerung anspricht. Zwar haben laut Studie nur 4,3
       Prozent der gut 2.200 Befragten erklärt, schon einmal an [5][einer
       Coronademonstration teilgenommen] zu haben. 11,1 Prozent aber erklären, sie
       wären „auf jeden Fall“ oder „eher“ bereit, an den [6][sogenannten
       Spaziergängen teilzunehmen]. Weitere 7,1 Prozent geben an, zumindest mit
       dem Gedanken zu spielen. 13,7 Prozent der Befragten stimmten der Aussage
       „Die Zeit des friedlichen Widerstandes gegen die Maßnahmen ist vorbei“ eher
       oder völlig zu. Mehr als zwei Drittel der ungeimpften Menschen kann sich
       vorstellen, an Coronaprotesten teilzunehmen, unter Geimpften sind es nur
       12,5 Prozent.
       
       Die Wissenschaftler:innen von CeMAS sehen eine „Dominanz von
       Verschwörungserzählungen im Kontext des Protestgeschehens“. Unter
       Protestierenden und Protestbereiten gibt es demnach überproportional häufig
       demokratiefeindliche Einstellungen. 53,8 Prozent von ihnen sagen etwa: „Das
       Virus wird absichtlich als gefährlich dargestellt, um die Öffentlichkeit in
       die Irre zu führen.“ 43,7 Prozent erklären: „Es gibt viele Impftote, die
       von den Eliten systematisch vor der Gesellschaft verheimlicht werden.“ 37,6
       Prozent behaupten: „Die [7][aktuellen Coronamaßnahmen und die Politik] sind
       mit der Zeit des Nationalsozialismus vergleichbar.“
       
       Sowie immerhin noch 24,2 Prozent der Protestierenden und Protestbereiten
       meinen: „Dunkle Mächte nutzen das Virus, um die Welt zu beherrschen.“ In
       der Gruppe der Menschen mit niedriger Protestbereitschaft bejahen die
       entsprechenden Fragen bloß zwischen 2,5 und 4,9 Prozent.
       
       22 Feb 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://matter-of-fact.bs-anne-frank.de
 (DIR) [2] /Nach-Mord-in-Idar-Oberstein/!5829684
 (DIR) [3] /Links-anarchische-Impfgegnerinnen/!5834381
 (DIR) [4] https://cemas.io/blog/protestpotential/
 (DIR) [5] /Impfgegner-Demo/!5827007
 (DIR) [6] /Proteste-gegen-Coronapolitik/!5832667
 (DIR) [7] /Zum-Umgang-mit-gefuehlter-Wahrheit/!5827365
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Matthias Meisner
       
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