# taz.de -- Ampelkoalition und die Hundefrage: Der erste Vintage-Kanzler
       
       > Olaf Scholz und andere Secondhand-Modelle: Unsere Kolumnistin war Bier
       > trinken mit dem künftigen Kanzler Scholz und einem Labrador.
       
 (IMG) Bild: Was hat der Labrador rotes im Maul?
       
       Die Minderjährige, die zu meiner Infektionsgemeinschaft gehört, findet mich
       verhaltenskonservativ. Warum nicht mal bei einem unbekannten, aber sehr
       coolen [1][Vintage]-Onlineshop in London Klamotten bestellen? Ist total
       vertrauenswürdig, sie kennt ihn nämlich von Instagram! Wieso Müsli zum
       Frühstück verzehren, wenn man auch Eis essen kann?
       
       Und was soll bitte das immer gleiche Nein auf die Frage, ob sie ein
       Katzenbaby haben darf? Schließlich macht eine mehr doch keinen großen
       Unterschied, wenn man ohnehin schon zwei Katzen und einen Hund hat.
       
       Sehr uncool im Übrigen auch, dass ich und meine EC-Karte nur widerwillig
       mit der Minderjährigen durch Secondhand-Läden streifen, wo neuerdings
       altmodische Klamotten völlig überteuert ebenfalls als Vintage veräußert
       werden. Immerhin: Die Wiederverwendung von Kleidungsstücken, die nur einen
       Schritt von weißen Tennissocken in Sandalen entfernt sind, ist wenigstens
       nachhaltig.
       
       Diese Art der Nachhaltigkeit wird derzeit auch in der Politik gepflegt.
       Denn eigentlich war Olaf Scholz schon aussortiert und im hinteren Teil des
       Kleiderschranks verschwunden. Doch als die SPD mal wieder das Problem
       hatte, nichts zum Anziehen zu finden, wurde er hervorgekramt, frisch
       aufgebügelt und dem Wahlvolk als Vintage angeboten. Und siehe da: ein
       Verkaufsschlager!
       
       ## Bierchen mit Olaf
       
       Das erinnert mich an meine erste längere Begegnung mit ihm. Olaf, wie er
       damals von tazler*innen genannt werden wollte, war SPD-Chef in
       [2][Hamburg-Altona] und wollte mal ein Bierchen trinken gehen. Es ergab
       sich, dass ich und meine liebste Kollegin vor dieser Verabredung einen Hund
       besuchten, der als Scheidungstier dringend ein neues Zuhause brauchte.
       
       Als wir aufbrachen, hatte ich eine Leine mit einem liebesbedürftigen und
       verfressenen Labrador namens Paula in der Hand. Wir überlegten kurz, ob wir
       Olaf absagen oder wenigstens über die Hundebegleitung informieren sollten,
       befanden aber, dass er ja nur ein kleines Licht der mächtigen Hamburger SPD
       sei und dankbar zu sein hatte, den Abend mit uns verbringen zu dürfen.
       
       Nun, es stellte sich heraus, dass Olaf sich in Paulas Anwesenheit ungefähr
       so wohl fühlte wie Merkel bei Putin. Er wollte sie trotz guten Zuredens
       weder streicheln noch unter seinem Stuhl Krümel wegschlecken lassen.
       
       Die Hamburger SPD in den 1990ern muss man sich als eine CSU des Nordens
       vorstellen. Olaf gehörte quasi zu den jungen Wilden (!), die sich Rot-Grün
       wünschten. Während er darlegte, wie gut die Milieus von SPD und Grünen
       zusammenpassten, rückte er kaum merklich immer weiter vom Tisch ab, bis er
       sich schließlich fast an die Wand presste.
       
       ## Mettigel-Springer
       
       Seit dieser Woche also sitzt Olaf mit Menschen am
       Koalitionsverhandlungstisch, die in seiner Kernkompetenz Hundeangst eine
       gewisse Milieuferne sehen könnten. Da wäre zum einen [3][Robert Habeck, der
       auf Instagram] so häufig wie kein anderer Hunde gepostet hat. Und Christian
       Lindner, der völlig zu Recht [4][für die Abschaffung der Hundesteuer] ist.
       Es wird also schwierig.
       
       Nach den Erfolgen der SPD wird übrigens auch in der zukünftigen Opposition
       mit Secondhand-Modellen gearbeitet. Die CDU hat aus der Wirtschaft
       Friedrich Merz günstig übernehmen können, um eine Wende zum Vintage
       hinzubekommen. Mehr Helmut Kohl wagen!
       
       Auf diese Weise ließe sich auch wieder harmonisch mit der Bild und Springer
       zusammenarbeiten, dem verhaltenskonservativen Medienhaus, das in seiner
       Mentalität nie aufgehört hat, von gestern zu sein. Man fühlt sich an die
       Pelzmäntel früherer Generationen erinnert, die nun als hip und Vintage
       verkauft werden, aber genauso muffig und nach altem Mettigel riechen wie eh
       und je.
       
       Unterdessen traf die Ware aus London ein, die gegen meinen Willen bestellt
       wurde. Der Postbote wollte sie nur nach der Zahlung von 26 Euro Zoll und 6
       Euro Extraporto aushändigen. Ach wie schön waren doch die Zeiten, als man
       einfach in ein Geschäft ging und eine No-Name-Winterjacke für 40 Euro
       kaufen konnte. Aber was weiß ich schon. Ich hab die Vintage-Klamotten ja
       mal wirklich getragen.
       
       24 Oct 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Secondhand-der-gehobenen-Sorte/!5567096
 (DIR) [2] /Altona/!t5018278
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/p/CTX1WwGoqLE/
 (DIR) [4] https://www.ksta.de/lindner--hunde--und-jagdsteuer-abschaffen-14222646?cb=1634911901019&
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Silke Mertins
       
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