# taz.de -- Posttraumatische Belastungsstörung: Wenn alte Ängste lebendig werden
       
       > Bei einem Trauma werden im Körper viele Mechanismen in Gang gesetzt. Das
       > kann bei Triggern dazu führen, dass das Gehirn für permanenten Stress
       > sorgt.
       
 (IMG) Bild: Wenn ich die Nachrichten lese, denke ich: Der permanente Trauma-Loop, er läuft weiter
       
       Zurzeit denke ich oft an das Wort „Trauma“, wenn ich die Nachrichten lese.
       [1][Flutkatastrophen], Kriege, Pandemie, Vergewaltigung, Missbrauch. Alles,
       was im Leben geschieht, kann ein Trauma sein.
       
       Aber was ist das eigentlich, ein Trauma? Ein traumatisches Ereignis
       bedeutet – auf medizinischer Ebene –, dass ein Mensch plötzlich intensivem
       Stress ausgesetzt ist. Der setzt im Körper viele Mechanismen in Gang, auch
       bekannt als Fight-or-flight-Reaktion. Stresshormone wie Cortison und
       Adrenalin werden ausgeschüttet, das Gehirn gibt dazu die Signale.
       
       Wichtig sind neben anderen zwei Gehirnstrukturen: die Amygdala und der
       Hippocampus. Die Amygdala ist im Gehirn für die Angstverarbeitung
       verantwortlich, der Hippocampus für das Gedächtnis. Denn: Gefährliche
       Situationen will sich das Gehirn merken – damit es das nächste Mal besser
       reagieren kann. So weit, so gut.
       
       Problematisch wird es, wenn die Traumareaktion nie richtig aufhört. Wenn
       das Gehirn Jahre später noch auf einen bestimmten Trigger hin wieder in den
       [2][Trauma-Loop] gerät – und sich dadurch in einer permanenten
       Stressreaktion befindet. Der medizinische Fachausdruck: posttraumatische
       Belastungsstörung.
       
       Studien zeigen, dass die Aktivität der Amygdala, des Angstzentrums des
       Gehirns, bei so einer Störung erhöht ist, während das Volumen des
       Hippocampus sinkt. Auch der Körper kann erkranken, denn der ist für
       permanenten Stress nicht ausgestattet.
       
       In den letzten Monaten erlebte ich selbst, was passiert, wenn sich eine
       Stressreaktion verselbständigt. Verschiedene Ereignisse haben ein altes
       schweres Trauma wieder aufleben lassen. Alte Gefühle, alte Ängste wurden
       wieder lebendig. Alles schien grauer, alles schien schwer. Ich erlebte
       dieselben physischen Krankheitssymptome, wie ich sie im Nachgang der
       traumatischen Erlebnisse entwickelt hatte. Nur weil mein Gehirn glaubte,
       die Gefahr sei wieder da.
       
       Ein traumatisches Ereignis endet nicht immer mit dem Ereignis selbst. Eine
       aktuelle Studie zeigt, dass bei [3][Überlebenden der Shoah] selbst 70 Jahre
       später noch Veränderungen im Gehirn nachweisbar sind. Eine Studie aus
       Italien hat gerade gezeigt, dass drei von zehn Covidpatient:innen mit
       schwerem Verlauf ein posttraumatisches Belastungssyndrom entwickeln.
       
       Wir sehen Bilder, wir lesen viel von Traumata. Was hinter einem einzelnen
       Trauma steckt, was es mit dem Leben eines Menschen machen kann, das sehen
       wir oft nicht. Das geschieht Tage, Monate, Jahre später. Es hinterlässt
       Spuren in der Neurobiologie des Gehirns und im ganzen Körper. Trauma,
       Schmerz, ist nie etwas Relatives.
       
       Was den einen Menschen zerstören kann, ist dem anderen nur eine schlechte
       Erinnerung. Das hat nichts mit „Stärke“ zu tun, sondern mit Erfahrungen,
       Erlebnissen – schlicht: den Wunden, die Kindheit, Leben, Beziehungen
       hinterlassen haben. Wenn ich die Nachrichten lese, denke ich: Der
       permanente Trauma-Loop, er läuft weiter.
       
       9 Aug 2021
       
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