# taz.de -- Streit um Tradition in Bayern: Sieg für Memminger Fischer-Frau
       
       > Gleichberechtigung geht über diskriminierende Tradition, hat ein
       > Memminger Gericht entschieden. Christiane Renz darf nun mit in den Bach
       > springen.
       
 (IMG) Bild: Gewonnen: Prozesssiegerin Christiane Renz und ihre Rechtsanwältin Susanne Bräcklein
       
       Memmingen taz | Christiane Renz ist glücklich: „Ich freue mich einfach nur,
       dass ich dieses Recht für die Frauen durchgesetzt habe“, sagt sie. Das
       Landgericht Memmingen hat ihr am Mittwochvormittag bestätigt, dass sie als
       Frau [1][beim traditionellen Fischertag] auch mit in den Stadtbach springen
       und „ausfischen“ darf – gegen den Villen des Vereins, der die Veranstaltung
       organisiert.
       
       Renzs Vater Karl, ein Memminger Urgestein, sagt draußen vor dem Gericht:
       „Die Zeit ist vorbei, das müssen die im Verein endlich mal begreifen.“ Und
       weiter: „Frauen dürfen auch schon lange wählen und müssen nicht mehr den
       Mann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollen.“
       
       Es war ein Gerichtsprozess, der [2][in der Allgäuer Stadt hohe Wellen
       schlug.] Eine diskriminierende Vereinstradition oder Gleichberechtigung –
       was wiegt mehr? Vom Amtsgericht Memmingen hatte Christiane Renz schon 2020
       Recht bekommen. Doch der für den Fischertag – ein feucht-fröhliches
       Feier-Wochenende – zuständige Fischertagsverein wollte das nicht
       akzeptieren und ging in Berufung.
       
       Der Präsident des Landgerichts, Konrad Beß, hat diesen Prozess gleich
       selbst an sich genommen. „Ein denkwürdiges Verfahren“ nannte er es. Beß
       wusste, dass er mit einem Urteilsspruch entweder den Verein mit seiner
       immensen Bedeutung für Memmingen vor den Kopf stößt – oder die konservativ
       geprägte Stadt deutschlandweit an den Pranger gestellt wird, in der sogar
       Gerichte Diskriminierung für zulässig erklären.
       
       ## Endlich „reinjucken“
       
       Es gebe „keinen sachlichen Grund“, Christiane Renz vom Ausfischen
       auszuschließen, meint er nun am Mittwoch. Auf die Tradition könne sich der
       Verein nicht berufen, denn diese wurde im Laufe der Jahre auch an anderer
       Stelle sehr aufgeweicht. So werden beim Ausfischen etwa kaum mehr
       traditionelle Kostüme getragen.
       
       Im Prozess wurde Renz unterstützt von der auf
       Anti-Diskriminierungsverfahren spezialisierten Rechtsanwältin Susanne
       Bräcklein aus Berlin sowie der „Gesellschaft für Freiheitsrechte“.
       
       Renz hat sich mit einem omnipotenten, mit dem mächtigsten Verein in
       Memmingen angelegt. Er besitzt 5.000 Mitglieder, und die Organisation und
       der Ablauf des Fischertags Ende Juli ist ihm eine ernsthafte, ja heilige
       Aufgabe. 30.000 bis 40.000 Besucher kommen zu dem Fest. Der Verein hat
       ganze 37 Untergruppen, die für das genau ausgetüftelte Programm zuständig
       sind. Überall können Frauen mitmachen – nur bisher nicht in der Gruppe der
       Stadtbachfischer. Das sind jene, die zum Ausfischen in den Stadtbach
       springen und Forellen fangen. Wer die dickste erwischt, wird Fischerkönig
       des Jahres – eine unschätzbare Ehre für viele Memminger.
       
       Bis ins Jahr 1465 reicht die Tradition zurück, da war der Stadtbach eine
       Latrine. Einmal im Jahr wurde das Wasser, eine schmutzige Brühe, abgelassen
       und der Kanal gereinigt. Um die Fische darin nicht umkommen zu lassen,
       holte man sie raus. 1900 gründete sich der Fischertagsverein, um die
       eigentlich unbedeutende Tradition wieder aufleben zu lassen. Und 1932
       wurden Frauen per Satzungsänderung vom Ausfischen ausgeschlossen.
       
       Christiane Renz selbst ist 56 Jahre alt und hat seit eh je ihren Wohnsitz
       in Memmingen. Sie ist schon seit über 30 Jahren Mitglied im Verein. Sie
       sieht es so: „Das Ausfischen ist der zentrale Teil des Festes.“ Und schon
       als junges Mädchen wollte sie unbedingt „auch rein jucken“ – so nennen die
       Memmiger das Hineinspringen. 2022 dürfte ihr Traum Wirklichkeit werden, und
       womöglich wird sie dann die erste Fischerkönigin in der Vereinsgeschichte.
       2020 und 2021 war das Fest wegen Corona abgesagt worden.
       
       Der Vereinschef Michel Ruppert gab sich nach dem Urteil wortkarg.
       Ausdrücklich lässt das Gericht eine Revision beim Bundesgerichtshof zu.
       Bestätigt Karlsruhe allerdings die bisherige Rechtsprechung, dann liegt der
       Verein wohl in Trümmern. Ein Sprecher des Vereins sagte dem Bayerischen
       Rundfunk (BR) aber ohnehin, dass man das jetzige Urteil akzeptieren werde.
       
       28 Jul 2021
       
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