# taz.de -- Die Kanzlerin auf Abschiedstour: Merkels langer Schatten
       
       > Zum letzten Mal gibt die Kanzlerin ihre Sommerpressekonferenz. Der
       > Auftritt illustriert: Ihren Stil wird man vermissen – ihre Politik nicht.
       
 (IMG) Bild: Offenbar zum Scherzen aufgelegt: Merkel am Donnerstag bei ihre letzten Sommerpressekonferenz
       
       Angela Merkel hat es achselzuckend zugelassen, dass die Ungleichheit in den
       letzten 16 Jahren gewachsen ist. Das ist mehr als nur ein
       Gerechtigkeitsproblem. Zu viel Ungleichheit bedroht die Demokratie.
       
       Merkels Bilanz ist nicht so bonbonfarben, wie sie in vielen Würdigungen,
       die demnächst erscheinen, gemalt wird. Und doch werden wir, [1][wie ihre
       letzte Sommerpressekonferenz hübsch illustriert], etwas vermissen, wenn sie
       weg ist. Sie verbindet gelassene Sachkenntnis – egal, ob es um den Konflikt
       zwischen Griechenland und der Türkei oder um die energetische
       Gebäudesanierung geht – mit Understatement. Erst das Amt, dann die Frau.
       Die Macht war in der Bundesrepublik nie prunkvoll, zeremoniell oder darauf
       aus, Untertanen zu beeindrucken. Doch so zivil und zurückhaltend, ja fast
       bescheiden wie unter Merkel war die Selbstinszenierung der politischen
       Macht nie.
       
       Das hat auch damit zu tun, dass sie ihre Rolle mit sehr wenig Ich
       ausgefüllt hat. Sie schien ihre biografischen Markierungen – eine
       ostdeutsche Frau – in einem von Westmännern geprägten Arbeitsbereich
       wirksam zum Verschwinden zu bringen. Und sogar kurz vor dem Abschied fällt
       ihr zum Osten nur schmallippig ein, dass ihre Herkunft sie geprägt habe.
       Und dass es ihr nicht vergönnt war, eine westdeutsche Schule zu besuchen.
       
       ## Der Vorteil des Nullsatzes
       
       Merkel hat die Kunst, Fragen nicht zu beantworten, perfektioniert. Der
       Vorteil des Nullsatzes ist es, sich unangreifbar zu machen. Das ist eine
       unauffällige, wirksame Technik des Machterhalts. Bei der Kanzlerin prägt
       die Rhetorik des Undeutlichen sogar die Art ihres Redens. Ihre Sätze sind
       oft nicht durch Pausen getrennt, sie fließen ineinander. Schon das macht
       es schwierig, eindeutige Aussagen zu identifizieren. „Wir schaffen das“ war
       in jeder Hinsicht eine Ausnahme.
       
       Dieser rund geschliffene Sound ist erträglich, weil hier und da
       staubtrockener Humor aufblitzt. Nein, Feministin ist sie nicht, aber es
       gebe „bei Frauen tendenziell eine Sehnsucht nach Effizienz“. Anders als bei
       Männern, die, kleine Klischeeumkehrung, einfach zu viel reden. Da mag man
       [2][an Armin Laschet denken], ihren möglichen Nachfolger, der in ihrem
       langen Schatten sehr, sehr klein wirkt. Merkel erwähnte seinen Namen
       auffällig wenig.
       
       Ihre Bilanz? Beim Klima habe sie getan, was möglich war, auch wenn man nun
       schneller werden müsse. Alles getan? Merkel ist in Brüssel als stählerne
       Lobbyistin der deutschen Autokonzerne aufgetreten und hat höhere
       CO2-Grenzwerte verhindert, die Profite von Porsche und BMW gesenkt hätten.
       Ihren Stil – preußisch, sachlich, ironisch – werden wir vermissen. Ihre
       Politik nicht.
       
       22 Jul 2021
       
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