# taz.de -- Soziologin über Homeoffice nach Corona: „Arbeitgeber können viel sparen“
       
       > Aus einem Recht auf Homeoffice könnte schnell eine Pflicht zum mobilen
       > Arbeiten werden, warnt die Soziologin Anke Hassel.
       
 (IMG) Bild: Büro und Kita in einem: Willkommen im Zeitalter des Homeoffice
       
       taz: Frau Hassel, noch arbeiten viele Beschäftigte wegen der Coronakrise im
       Homeoffice. Wird das nach der Pandemie so bleiben? 
       
       Anke Hassel: Das hängt stark von der Branche, vom Beruf, aber auch vom
       Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ab. Es gibt
       Beschäftigte, etwa in der Wissenschaft, die sowieso unabhängig und
       selbstständig ohne direkte Kontrolle durch den Arbeitgeber arbeiten. Aber
       es gibt viele Bereiche in der privaten Wirtschaft, in denen die Arbeitgeber
       viel skeptischer mit Homeoffice umgehen, weil sie den Beschäftigten nicht
       über den Weg trauen. Das sind Arbeitgeber, die eine direkte Kontrolle über
       Beschäftigte ausüben. Sie glauben, alle müssen ins Büro kommen, damit sie
       sie im Blick haben.
       
       Wollen denn die Beschäftigten alle am Homeoffice festhalten? 
       
       Teils, teils. [1][Viele haben gute Erfahrungen gemacht], viele aber nicht.
       Wenn ich in beengten Wohnverhältnissen lebe, die ich mit vielen Leuten
       teile und mich freue, jeden Morgen ins Büro gehen zu können, dann ist
       Homeoffice keine gute Erfahrung. Für Studierende oder Doktoranden zum
       Beispiel, die in WGs wohnen oder nur ein Zimmer haben, ist Homeoffice ganz
       furchtbar. Die sitzen auf dem Bett, schreiben ihre Texte oder nehmen an
       Seminaren teil und kommen aus ihrem kleinen Zimmer nicht mehr heraus. Für
       andere, die vielleicht lange Anfahrtswege haben zum Büro oder Betrieb, ist
       es sehr positiv, dass diese Wegezeit wegfällt. Für viele Menschen ist auch
       der soziale Kontakt im Büro wichtig.
       
       Ist Homeoffice für Frauen mit Kindern mit beruflichen Rückschritten
       verbunden, weil viele von ihnen dann doch mehr für die Betreuung zuständig
       sind als Männer? 
       
       Das ist ein offener Punkt; das werden wir erst in einigen Jahren wissen. Es
       gibt Hinweise, dass Frauen durch die Pandemie, insbesondere Mütter,
       beruflich gelitten haben. Auf der anderen Seite hat die Phase Homeoffice
       auch positive Effekte für manche Familie, weil sie mehr Zeit hatte. Es gibt
       Befragungen, wer wie viel Erwerbsarbeitszeit reduziert und wer die
       Kinderbetreuung übernommen hat. Das ist nicht so geschlechtsspezifisch wie
       allgemein angenommen wird. Väter haben auch einen erheblichen Teil der
       Kinderbetreuung übernommen.
       
       Wie können diejenigen, die positive Erfahrungen mit dem Homeoffice machen,
       das über die Coronakrise hinaus retten? 
       
       Der beste Weg ist, dass sich Arbeitgeber und Beschäftigte auf eine Lösung
       einigen. Befragungen zeigen, dass die meisten nicht komplett ins Homeoffice
       wollen. Sie möchten eine hybride Form des Arbeitens, bei der sie zwei Tage
       die Woche ins Büro kommen, weil sie da die Chefin, die Kollegen treffen und
       besser auf ihre Unterlagen zugreifen können. Aber sie wollen drei Tage in
       der Woche zu Hause arbeiten. Für die meisten ist eine hybride Arbeitsform
       die beste, weil sie damit die Vorteile von beidem verbinden können. Sie
       müssen einen Konsens finden mit dem Arbeitgeber über das mobile Arbeiten.
       Dabei geht es auch um die Ausstattung und die Übernahme von Kosten. Das
       Problem beginnt, wenn sich beide Seiten nicht einigen können.
       
       Die Gewerkschaften fordern ein Recht auf Homeoffice. 
       
       Ich bin da skeptisch. Im Prinzip ist dieses Rechte aus Arbeitnehmersicht
       sinnvoll. Dann kann der Arbeitgeber den Wunsch nicht einfach ablehnen. Auf
       der anderen Seite löst dieses Recht nicht das zugrunde liegende Problem:
       ein tiefes Misstrauen der Arbeitgeber gegenüber den Beschäftigten. Selbst
       wenn man das Recht einfordern kann, zu Hause zu arbeiten, verbessert es
       nicht das Klima im Unternehmen.
       
       Was könnte eine Lösung sein? 
       
       Man könnte zum Beispiel das Recht einführen, dass der Arbeitgeber
       begründungspflichtig wird, wenn er kein mobiles Arbeiten möchte. Damit
       würde eine Pflicht bestehen für den Arbeitgeber, sich mit dem Anliegen
       auseinanderzusetzen und klar zu sagen, warum das nicht geht. Über dieses
       Gespräch könnte eine Diskussion und das Aushandeln über die Bedingungen des
       mobilen Arbeitens entstehen. Wenn das Homeoffice gegen den Willen der
       Arbeitgeber durchgesetzt wird, wird es zu Gegenreaktionen führen. Dann gibt
       es ständig Kontrollanrufe oder Beschäftigte müssen auf Abruf am Computer
       sitzen.
       
       Wer schlechte Erfahrungen mit dem Homeoffice gemacht hat, kann einfach
       zurück ins Büro oder den Betrieb, oder? 
       
       Einige Unternehmen haben erkannt, dass sie viel Geld sparen, wenn die Leute
       zu Hause arbeiten. Denn die meisten haben keinen vom Arbeitgeber super
       ausgestatteten Arbeitsplatz, die finanzieren das privat. Sie bekommen
       vielleicht ein Notebook, aber weder Schreibtisch noch Stuhl noch etwas
       anderes. [2][Arbeitgeber können viel sparen, wenn sie auf Büros und
       Ausstattung verzichten.] Der erste Schritt, der mir schon mehrfach begegnet
       ist, ist zu sagen: Wir machen jetzt Floating Desk, das heißt, unsere
       Beschäftigten haben keine festen Arbeitsplätze mehr, die können ja zu Hause
       arbeiten. Diejenigen, die ins Büro kommen wollen, müssen sich morgens
       umgucken, wo noch ein Schreibtisch frei ist.
       
       Wir brauchen also ein Recht auf den Arbeitsplatz in der Firma? 
       
       Ja. Aber das ist nur schwer mit der Forderung nach dem Recht auf Homeoffice
       zu verbinden. Dass die Arbeitnehmerseite beides bekommt, ist
       unwahrscheinlich. Wenn es ein Recht auf Homeoffice gibt, werden die
       Unternehmen sagen: Okay, dann kriegt ihr auch die Pflicht zum Homeoffice.
       Dann richten wir euch keinen Arbeitsplatz in der Firma mehr ein. Das wollen
       aber die allerwenigsten Leute.
       
       Sie sagen, mobiles Arbeiten kann ein Beitrag sein, um soziale Hierarchien
       abzubauen. Wie? 
       
       Durch die eher distanzierte Art der Zusammenarbeit entstehen neue Regeln im
       Umgang miteinander. Zum einen ist es viel einfacher für Menschen mit
       körperlicher Behinderung, sich am Büroalltag zu beteiligen, weil sie es
       vermittelt über den Computer und durch Online-Meetings leichter haben,
       daran teilzunehmen. Online-Kooperation im Team ist ein ganz anderes Format
       als im Büro, durch die physische Präsenz, aber auch, weil sich Menschen
       anders präsentieren. Platzhirsche, die zehn Minuten zu spät in ein Meeting
       kommen und dann alles an sich reißen, haben es in Online-Meetings schwerer,
       weil die Kommunikationsbasis anders ist. Gruppen, die marginalisiert sind,
       haben die Möglichkeit, in einer anderen Art und Weise teilzunehmen als
       vorher. Sehr eingefahrene Muster von Gesprächsführung lösen sich auf,
       einfach weil man virtuell ganz anders miteinander redet.
       
       Kann man diese Erfahrung in die Nachcoronawelt überführen? 
       
       Nein. Zumindest nicht in die physische Welt. Wenn alle zusammen wieder in
       einem Raum sitzen, werden sich alle wie vorher verhalten. Ich fürchte,
       sobald die Coronarestriktionen vorbei sind, gehen alle zurück in ihre
       Büros, in ihre Konferenzen und machen so weiter wie vorher. Nur wenn man
       bewusst Arbeitsweisen verändert, kann etwas herübergerettet werden, zum
       Beispiel das mobile Arbeiten.
       
       Wie kann das gelingen? 
       
       Die Auswirkungen müssen geklärt werden. Kann man argumentieren: Ja, ich
       will meinen Schreibtisch behalten, aber ich bin nur einen Tag die Woche da?
       Wenn viele die meiste Zeit mobil arbeiten, was bedeutet das für die, die
       sich freuen, wieder jeden Tag ins Büro zu gehen? Die Menschen haben sehr
       unterschiedliche Bedürfnisse. Das Ziel sollte sein, diesen Unterschieden
       gerecht zu werden. Natürlich in einem betrieblichen Kontext, denn der
       Betrieb an sich hat ja auch Bedürfnisse.
       
       Wenn man alles einfach weiterlaufen lässt, vergibt man die Chance, zu einer
       neuen Zusammenarbeit zu kommen.
       
       1 Jun 2021
       
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