# taz.de -- Möglicher Kretschmann-Nachfolger: Die grüne „Büroklammer“
       
       > Wer könnte den grünen Erfolg in Südwest fortführen, wenn
       > Ministerpräsident Kretschmann einmal aufhört? Der 41-jährige Andreas
       > Schwarz hat Ambitionen.
       
 (IMG) Bild: Beileibe kein Charismatiker: Möglicher Kretschmann-Nachfolger Andreas Schwarz
       
       Karlsruhe taz | Wenn [1][Winfried Kretschmann] am Sonntag die Wahl gewinnt,
       macht er dann trotz seine Alters noch einmal die vollen fünf Jahre? Und
       wenn nicht, wer kommt dann? Der 72-Jährige hat seine Standard-Antwort auf
       die für ihn leidige Nachfolgefrage gefunden. Er sei nicht „der König von
       Württemberg“, sagt er dann gerne, den nächsten grünen Spitzenkandidaten
       bestimme die Partei, den nächsten Ministerpräsidenten die Wähler.
       
       Bei der Gelegenheit gibt Kretschmann noch der CDU eins mit: Dass
       Nachfolgeregelungen in einer Partei nicht funktionieren, habe man ja
       zuletzt bei Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer gesehen.
       
       Das mag auch eine Lehre aus der politischen Entwicklung von Boris Palmer
       sein. Der Oberbürgermeister von Tübingen galt lange als politischer
       Ziehsohn von Winfried Kretschmann, hat sich aber nach der
       Flüchtlingspolitik [2][auch jetzt in der Coronakrise auf Kosten der
       Landesregierung profiliert] und gilt nach Äußerungen zu Flüchtlingen und
       People of Colour in der Partei längst als unvermittelbar.
       
       Dass sich Kretschmann nicht um seine Nachfolge sorgte, ist allerdings
       höchstens die halbe Wahrheit. Denn die Frage danach begleitet ihn seit
       seinem Amtsantritt 2011. Schon am Tag danach hatten die Journalisten wissen
       wollen, wer ihm in der Partei nachfolgen könne.
       
       ## Andreas… wer?
       
       Über die Jahre hat er immer wieder verschiedene Namen ins Spiel gebracht.
       Die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer etwa, die sich fachlich in der
       ersten Amtszeit bundesweite Achtung erworben hat, allerdings mit mehreren
       Personalquerelen an Hochschulen als angeschlagen gilt.
       
       Dann lobte er Edith Sitzmann, die zuletzt als Finanzministerin beachtliche
       Arbeit geleistet hat, sich jetzt aber aus der Politik zurückzieht. Und dann
       geistert auch immer wieder Cem Özdemirs Name als Kandidat für die Nachfolge
       herum, der allerdings wenig Interesse für Landespolitik zeigt.
       
       Seit etwa einem Jahr fällt bei der Nachfolgefrage immer wieder der Name des
       gerade mal 41-jährigen grünen Fraktionsvorsitzenden Andreas Schwarz.
       Befeuert von Kretschmann selbst. Die meisten Ministerpräsidenten seien ja
       immerhin davor Fraktionschefs gewesen, erklärt Kretschmann. Und Schwarz
       habe seinen Job die letzten fünf Jahre hervorragend gemacht.
       
       Andreas… wer? Die Frage dürften sich viele Grünen-Mitglieder gestellt
       haben, als sie den Fraktionschef beim Sindelfinger Parteitag 2019 nichtmal
       ins Parteipräsidium wählten. Schwarz hat eine kurze aber steile Karriere
       hinter sich. Schon als 18-Jähriger wurde er als jüngster Kandidat 1999 in
       den Stadtrat seiner Heimatgemeinde Kirchheim Teck gewählt und mit 36 als
       Jüngster aus dem Rat verabschiedet. Daneben studierte er Jura und arbeitete
       als Wirtschaftsjurist und Arbeitsrechtler bei Unternehmen.
       
       ## Bürgerlich und trocken
       
       Keine Friedensdemos, keine Baumbesetzungen. Damit hat Andreas Schwarz einen
       noch bürgerlicheren Lebenslauf als [3][Winfried Kretschmann], der sich in
       seiner Jugend wenigstens mal in eine K-Gruppe verlaufen hatte.
       
       Und [4][dieses Grün-Bürgerliche] strahlt der Familienvater Schwarz auch
       aus. Er gilt in seiner Fraktion als umgänglich, aber politisch wenig
       profiliert. Aus seinen Reden streiche er alle Pointen, die seine
       Mitarbeiter setzen, wieder raus, heißt es.
       
       Und auch bei Leuten, die ihn lange kennen und schätzen, fällt der Begriff
       „trockene Sachlichkeit“ und „Büroklammer“, wenn sie ihn charakterisieren
       sollen. Er sei ein Freund von rationalem Denken, wolle versöhnen. Vom
       Auftreten eines Joschka Fischer oder Herbert Wehner ist er weit entfernt.
       
       Kretschmann, der nicht viel von Charismatikern in der Politik hält, dürfte
       all das eher als Qualitätsmerkmal sehen. Und er schätzt, dass Schwarz fünf
       Jahre lang die Koalition mit der CDU stabilisiert und die recht heterogene
       Grünen-Fraktion hinter dem Ministerpräsidenten zusammengehalten hat. Ob das
       reicht?
       
       ## Viel hängt an Kretschmanns Person
       
       Andreas Schwarz findet, schon. Kretschmann habe recht, „ohne den
       Fraktionsvorsitzenden gehe nix“, sagt er im Gespräch mit der taz betont
       selbstbewusst. Und der FAZ sagte er, „Ich werde auch in der nächsten
       Legislaturperiode eine sehr verantwortungsvolle Rolle einnehmen, davon
       können Sie ausgehen.“
       
       Wie Kretschmann will Schwarz seine Partei dauerhaft aus ihrer bisherigen
       Nische holen, sieht sie als „Vollsortimenter“, der beim
       Flüchtlingshelferkreis genauso gern gesehen wird wie beim Handwerkstag. Die
       Grünen, nicht mehr die CDU, seien die „neue Baden-Württemberg-Partei“, sagt
       Schwarz.
       
       Ob dieses Programm auch ohne Kretschmann überzeugt, ist aber noch offen.
       Wie viel doch an Kretschmanns Person hängt, zeigt der Vergleich der
       Wahlergebnisse der Grünen bei Land- und Bundestagswahl.
       
       In vielen Gegenden, in denen die Wähler in den letzten beiden
       Landtagswahlen Kretschmann wählten, verhalfen sie bei der Bundestagswahl
       trotzdem dem CDU-Kandidaten zum Mandat. Ob sich das inzwischen geändert
       hat, wird man im Herbst sehen.
       
       12 Mar 2021
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Stieber
       
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