# taz.de -- Politologin über Frauen und Klimawandel: „Keineswegs geschlechtsneutral“
       
       > Frauen tragen statistisch gesehen weniger zur Klimakrise bei als Männer.
       > Von den Folgen sind sie aber teilweise stärker betroffen.
       
 (IMG) Bild: Eine Frau kocht auf einem Boot während des Hochwassers in Bangladesch 2002 nahe Dhakas
       
       taz: Frau Hummel, steckt das Patriarchat auch im [1][Klimawandel]? 
       
       Diana Hummel: Unsere Forschung hat gezeigt, dass der Klimawandel keineswegs
       geschlechtsneutral ist. Sicherlich sind alle Menschen vom Klimawandel
       betroffen und auch von den Maßnahmen, die ihn bekämpfen sollen. Aber in
       beiden Facetten wirken sich auch Geschlechterverhältnisse aus.
       
       Männer haben zum Beispiel statistisch gesehen einen höheren CO2-Fußabdruck
       als Frauen. Liegt das an individuellen Entscheidungen? 
       
       Nur teilweise, wie bei der Ernährung. Männer essen statistisch gesehen mehr
       Fleisch. Aber oft geht es um strukturelle Fragen, um geschlechtsspezifische
       Rollenzuschreibungen und um Machtgefälle.
       
       Zum Beispiel bei der Mobilität: Frauen übernehmen immer noch einen Großteil
       der Care-Arbeit, das zeigt sich auch in ihrem Mobilitätsverhalten. Sie
       erledigen den Einkauf, begleiten Kinder zur Kita oder Kranke zum Arzt.
       Dabei geht es oft um kürzere, wenn auch vielzählige Strecken, für die es
       sich anbieten kann, zu Fuß zu gehen, das Rad zu nehmen oder die eine
       Station Bus zu fahren. Frauen fahren weniger Auto als Männer.
       
       In Deutschland sind nur 34,2 Prozent der Autos auf Frauen zugelassen. 
       
       Männer haben im Schnitt auch größere Autos, nutzen sie häufiger und für
       weitere Strecken. Ihr Mobilitätsverhalten orientiert sich stärker an der
       Erwerbsarbeit. Das gleicht sich allerdings langsam an – Frauen im mittleren
       Alter fahren häufiger Auto als früher, junge Männer dafür weniger.
       
       In vielen Bereichen gibt es aber eben noch deutliche Unterschiede. Zum
       Beispiel in der Erwerbsökonomie, etwa beim Gender Pay Gap, also
       geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden. Auch sind Rentnerinnen und
       Alleinerziehende überdurchschnittlich von prekären Einkommensverhältnissen
       betroffen.
       
       Einkommen ist ja [2][der beste Indikator für den CO2-Fußabdruck]: Wer viel
       Geld hat, lebt durch Reisen und eine große Wohnfläche meist CO2-intensiv,
       selbst wenn Wissen und politische Einstellung dagegensprechen. Arme
       Menschen können sich das schlicht nicht leisten. 
       
       Und zu denen gehören Frauen häufiger. Diese strukturellen Unterschiede und
       sozio-ökonomischen Ungleichheiten spielen auch bei der Betroffenheit vom
       Klimawandel eine Rolle.
       
       Frauen sind [3][stärker betroffen] als Männer? 
       
       Es gibt sehr interessante Studien zu Hitzewellen, die ja in Deutschland mit
       dem Klimawandel ziemlich sicher zunehmen werden. Die zeigen, dass die
       Sterberate bei solchen Ereignissen bei Frauen höher liegt als bei Männern.
       Da wird als Grund oft pauschal genannt, dass Frauen eine größere
       Lebenserwartung haben.
       
       Also einfach durch ihr hohes Alter anfälliger sind? 
       
       Weil der Anteil von Frauen in den höheren Altersgruppen dadurch größer ist.
       Aber die Forschung zeigt, dass es nicht so einfach ist und soziale Faktoren
       hinzukommen, etwa die ungleiche Zuschreibung von Verantwortung im Bereich
       der Care-Arbeit.
       
       Eine Studie aus den USA hat zum Beispiel ergeben, dass dort Männer bei
       Hitzewellen viel häufiger ins Krankenhaus eingewiesen wurden als Frauen.
       Das deutet darauf hin, dass sie eine bessere Versorgung durch Angehörige
       erfahren und dass für Frauen im Alter oder Krankheitsfall diese
       Unterstützung häufig nicht gesichert ist.
       
       Schließt sich da der Kreis? In heterosexuellen Partnerschaften rufen die
       sorgeerfahrenen Frauen für die Männer eher den Krankenwagen als
       andersherum? 
       
       Ganz genau. Deshalb ist es wichtig, dass Hitzeaktionspläne auch soziale
       Faktoren berücksichtigen wie die häusliche Situation der Menschen.
       
       Ist das ein weltweites Phänomen? 
       
       Durchaus. Um ein weiteres konkretes Beispiel zu nennen: In einem unserer
       Projekte untersuchen wir Genderaspekte von Flutereignissen in Bangladesch.
       Dort zeigt sich, dass Frauen und Mädchen seltener schwimmen lernen. Oder
       sie tragen durch kulturelle Faktoren Kleidung, die ihre Mobilität
       einschränkt. Hinzu kommen Normen, nach denen Frauen teilweise das Haus
       nicht ohne männliche Begleitung verlassen dürfen.
       
       Das alles macht die Flucht vor Fluten schwieriger. 
       
       Zu beachten ist – und dies gilt sowohl für den Globalen Norden als auch den
       Globalen Süden – dass Frauen und Männer keine homogenen Gruppen sind. Neben
       Geschlecht sind auch weitere Faktoren sozialer Ungleichheit zu betrachten,
       wie Alter, Einkommen oder die körperliche Verfasstheit.
       
       In der Präambel des Paris-Abkommens steht, dass Klimaschutz Gender-Aspekte
       berücksichtigen sollte. 
       
       Das war ein großer Erfolg, denn es ist völkerrechtlich verbindlich. Auf
       internationaler Ebene war das Thema relativ früh präsent, die
       Klimarahmenkonvention hat es 2001 zum ersten Mal aufgegriffen. Mittlerweile
       gibt es einen Gender-Aktionsplan, der die Beteiligung von Frauen in
       klimapolitischen Entscheidungsprozessen adressiert, aber auch die
       gendersensible Umsetzung von Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel.
       
       Und in Deutschland? 
       
       Im Umweltbundesamt, das uns schon mit einem Forschungsprojekt zu dem Thema
       beauftragt hat, und bei Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) gibt es
       ein Bewusstsein und Interesse am Thema Geschlechtergerechtigkeit. Dass
       Klimapolitik auch soziale Ziele und damit Gleichstellung berücksichtigen
       muss, wird mehr und mehr anerkannt.
       
       Aber die Praxis lässt zu wünschen übrig? 
       
       Im [4][Klimaschutzgesetz] zum Beispiel hätte das Thema vorkommen müssen, um
       eine stärkere Verbindlichkeit zu schaffen. Unsere Forschung zeigt, dass
       ganz neue Lösungsansätze zutage treten, wenn man die Zusammenhänge von
       Gender und Klima berücksichtigt. Die Problemsicht wird differenzierter. Das
       ermöglicht, verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Damit kann Klimapolitik
       nicht nur gerechter, sondern auch wirksamer werden.
       
       8 Mar 2021
       
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 (DIR) [2] https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/repraesentative-erhebung-von-pro-kopf-verbraeuchen
 (DIR) [3] /Studie-zur-Erderwaermung/!5660937
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