# taz.de -- Fehlendes Schulessen wegen Corona: „Kraftakt, sich gesund zu ernähren“
       
       > Die Schulen sind erneut dicht – und damit bricht vielerorts das Essen
       > weg. Für arme Familien ist das ein zusätzliches Problem. Experten
       > schlagen Alarm.
       
 (IMG) Bild: Nordirland: Verteilung von Schulessen an Grundschulen unter Pandemiebedingungen, Archivbild vom September 2020
       
       Frankfurt am Main taz | Der erneute Coronalockdown [1][inklusive der
       Schulschließung] hat die Familie von Susanne Paulus (*Name geändert) hart
       getroffen: Distanzunterricht, ewiges aufeinander rumsitzen, das alleine ist
       schon anstrengend. Aber für die Familie aus dem Kreis Altenkirchen in
       Rheinlandpfalz ist die Situation nun auch ein handfestes materielles
       Problem: Für Paulus drei Schulkinder fällt mit den geschlossenen Schulen
       auch das [2][kostenlose Schulessen] weg. Das bekommt die Familie mit
       Hartz-IV-Bezug normalerweise kostenlos aus dem Bildungs- und Teilhabepaket.
       
       „Es sind Mehrkosten von circa 100 bis 200 Euro im Monat, je nachdem was man
       an Essen macht“, rechnet ein anderer Familienvater aus Sachsen für seine
       drei Kinder vor. Auch bei ihm ist das Angebot gestrichen worden. Er habe
       mittlerweile zwar wieder Arbeit. Aber gerade mit Hartz IV wäre es knapp
       geworden, wenn eines seiner Kinder nicht noch zusätzliche Leistungen
       bekäme, weil es pflegebedürftig ist, sagt er.
       
       ## Eigentlich Lieferangebote geplant
       
       Dabei sollte es Fälle gar nicht geben. Schon im letzten Jahr verabschiedete
       die Bundesregierung das Sozialschutzpaket 2. Das sieht vor, dass Schulen,
       Kitas und Tagesbetreuungseinrichtungen für [3][Kinder aus armen Familien]
       kostenloses Mittagessen auch im Lockdown zum Mitnehmen oder Ausliefern
       bereitstellen können. Caterern werden sogar die anfallenden Mehrkosten
       bezahlt, wenn sie weniger Portionen als sonst kochen oder das Essen
       ausliefern.
       
       An einigen Orten, wie beispielsweise Leipzig, Potsdam, Oldenburg oder der
       Stadt Offenbach am Main, haben die Kommunen Abhol- oder Lieferangebote
       erarbeitet. Mal gibt es Kochboxen, anderenorts Lunchpakete zum Abholen.
       „Die Leistungen für das Essen werden den Caterern ganz normal weiter aus
       dem Budget des BuT bezahlt“, sagt Susanne Pfau, die Geschäftsführerin des
       kommunalen Jobcenters MainArbeit in Offenbach.
       
       Doch trotz der Möglichkeit – vielerorts scheitert es an der Umsetzung, das
       zeigt eine Recherche der taz. Eltern wie Susanne Paulus aus dem Kreis
       Altenkirchen, aus Neukölln, Voerde, Mainz, Hannover und dem Landkreis
       Barnim berichten, dass es bei ihnen vor Ort dieses Angebot nicht gibt. In
       Berlin hat das Thema sogar den Senat erreicht.
       
       Auf Anfrage bestätigen fast alle genannten Kommunen und Kreise der „taz“
       diese Problematik. Essen gibt es wenn nur für Kinder in der Notbetreuung.
       Das Bezirksamt Neukölln und die Kommune Voerde haben allerdings auch nach
       einer Woche nicht auf die Nachfrage der taz reagiert. In Berlin belegen
       jedoch Medienberichte, dass es eine chaotische Situation in der Stadt gibt.
       
       ## Schelchte Ernährung hat schwerwiegende Folgen
       
       Wie groß das Problem genau ist, ist allerdings schwer zu sagen.
       Landeseweite oder auch nur kommunale Zahlen dazu sind kaum zu erhalten,
       zeigt eine stichprobenartige Abfrage der taz. Das Bildungsministerium in
       Rheinland-Pfalz erklärt beispielsweise, es habe keine Übersicht darüber,
       weil das Thema in der Zuständigkeit der jeweiligen kommunalen Schulträger
       liege.
       
       Doch auch dort herrscht nicht immer Klarheit darüber. Die Stadt Hannover
       erklärt: Das Angebot von Schulmittagessenfrage hänge „von der Entscheidung
       der jeweiligen Schule ab“. Doch ob und in welchem Maß die Schulen davon
       Gebrauch machen, sei dem Schulträger nicht bekannt, „da die Schulen dies
       nicht mitteilen.“ Eine vom Schulträger angebotene Alternative zum
       Mittagessen für BuT-berechtigte Kinder gebe es nicht.
       
       Bei den Tafeln macht sich die lückenhafte Umsetzung schon bemerkbar: „Uns
       ist die Problematik mit den wegfallenden Schulmittagessen durchaus bekannt.
       Das betrifft ja Familien, für die es sonst schon ein Kraftakt ist, sich
       ausreichend und gesund zu ernähren“, sagt der Vorsitzende der Tafel
       Deutschland, Jochen Brühl, gegenüber der taz.
       
       Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucher-Organisation Foodwatch,
       warnt vor den Folgen gegenüber der taz: „Der Hartz-IV-Regelsatz reicht
       ohnehin in seiner Höhe nicht für eine gesunde Ernährung. Das hat auch der
       wissenschaftliche Beirat des Agrarministeriums attestiert.“ Gerade bei
       Kindern habe eine unzureichende Ernährung fatale Folgen für deren
       Entwicklung. „Wenn nun also auch Schulessen wegfällt, ist das ein Problem.“
       
       Schulische Essensangebote im Lockdown seien daher begrüßenswert, wenn diese
       coronakonform angeboten werden könnten. Aber Rücker betont: „Was es vor
       allem braucht, ist mehr Geld. Zum Beispiel ein 100 Euro Sofortzuschlag auf
       den Hartz-IV-Satz. Das hätte einen unmittelbaren Effekt für die Lage der
       Familien.“
       
       Das sieht auch Jochen Brühl so: „Die Krise ist eine enorme Herausforderung
       für arme Menschen und angesichts von Forderungen wie einer
       FFP-2-Maskenpflicht ist dieser Zuschlag akut wie nie.“
       
       Die Chancen darauf haben sich am Freitag zumindest etwas verbessert. Hatte
       Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Frühjahr noch Forderungen nach
       einem Sofortzuschlag abgelehnt, sagte er am Freitag gegenüber der
       Rheinischen Post: Es sei richtig, „jetzt zügig einen Zuschuss für Corona
       bedingte Belastungen zur Verfügung zu stellen“.
       
       23 Jan 2021
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Leimbach
       
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