# taz.de -- Ratgeber fürs Segeln: Das Herz schlägt backbord
       
       > Die Vendée Globe hat Segeln auch in Deutschland populärer gemacht. Aber
       > was machen die da eigentlich? taz-Redakteur Sven Hansen klärt ein paar
       > grundsätzliche Fragen.
       
 (IMG) Bild: Der trägt ja gar kein Ringelshirt! Boris Herrmann bei der Zielankunft in Les Sables-d'Olonne
       
       Eine konsequentere Art der Corona-Isolation kann es kaum geben: alleine um
       die Welt segeln, ohne Pause, ohne Landgang. Genau das taten die 33
       Teilnehmer:innen der Regatta Vendée Globe. Mitte der Woche erreichten
       die ersten von ihnen nach 80 Tagen den französischen Zielort Les
       Sables-d’Olonne, unter ihnen der erste Deutsche, der jemals bei dieser
       Regatta gestartet ist: Boris Herrmann (er segelte im August 2019 [1][Greta
       Thunberg über den Atlantik]) belegte [2][nach einem dramatischen Finish]
       den fünften Platz.
       
       Rund um die Regatta ist deswegen hierzulande [3][ein kleiner Segelhype
       entstanden], bei dem wir salzwasserscheuen Landratten von der taz am
       Wochenende auch gern mitschippern möchten. Also haben wir Sven Hansen, den
       größten Segelexperten der Redaktion, gebeten, mal ein paar grundsätzliche
       Fragen zu klären.
       
       taz am Wochenende: Sven, ist „Mast- und Schotbruch!“ ein angemessener Gruß,
       oder macht man sich da lächerlich? 
       
       Sven Hansen: Das ist das „Hals- und Beinbruch!“ des Segelns. Ohne Mast und
       Schot fährt kein Segelboot. Ansonsten wünscht man sich noch „immer eine
       Handbreit Wasser unter dem Kiel“. Ohne das geht es auch nicht.
       
       Was aber, wenn der Mast wirklich bricht? 
       
       Dann bekommt ihn hoffentlich niemand auf den Kopf. Auf hoher See muss man
       sich aus den Resten dann einen Notmast bauen. Meist gibt es zur Not noch
       einen Motor und hoffentlich eine gute Versicherung.
       
       Und wenn der Schot bricht? (Was ist das überhaupt?) 
       
       Die (!) Schot ist die Leine, mit denen der Winkel des Segels zum Wind
       eingestellt wird, quasi das Gaspedal. Die Leine zum Hochziehen der Segel
       ist das Fall. Und die zum flacher oder bauchiger Einstellen des Segels
       heißen Strecker. Total logisch – wenn man es weiß.
       
       Warum braucht man so viele Knoten und warum sind die so kompliziert? 
       
       Segel werden mit Leinen bedient und diese mit Knoten befestigt.
       Seemannsknoten sollen halten, sich aber gleichzeitig auch unter Belastung
       öffnen lassen – ein einfacher Knoten kann das nicht. Mehr als die sieben
       Grundknoten muss man aber gar nicht kennen, ich kann sogar nur sechs, weil
       ich den siebten (Stopperstek) eigentlich nie brauche. Zusätzlich misst man
       in „Knoten“ die Geschwindigkeit von Schiffen. Ein Knoten entspricht einer
       Seemeile, also 1852 Meter, pro Stunde.
       
       Wer steuert das Boot, wenn man schlafen muss? 
       
       Die Nachtwache. Oder der Autopilot – dann müssen aber regelmäßig Kurs,
       Verkehr und Segel überprüft werden.
       
       Wie ist die Toilettensituation auf hoher See? 
       
       Ich bin mit einem Eimer groß geworden. Später kamen Klos mit Ventil und
       Pumpe. Heute gibt es Chemietoiletten. Das Problem ist aber eher,
       rechtzeitig aus der wasserfesten Kleidung rauszukommen – und dass Männer
       beim Pinkeln nicht über Bord fallen. Jollen, also kleine offene Segelboote,
       haben gar kein Klo. Jollensegler tragen Neopren- oder Trockenanzüge, die
       sie während der Fahrt in größter Not einsauen müssen.
       
       Gibt es auch Segler, die seekrank werden? 
       
       Die meisten werden mal seekrank, lernen aber auch, es zu vermeiden.
       
       Ist Segeln elitär? 
       
       Ein Boot ist teurer als ein Fußball, und zweifelsohne gibt es elitäre
       Segler. Man kann ein Boot aber auch mit mehreren teilen, in Vereinen
       günstig leihen, bei Freunden mitsegeln oder sich gleich eins selbst bauen.
       An vielen Küsten ist das Segeln Teil der Kultur, sodass dort nicht nur
       Zahnärzte und Steuerberater segeln, sondern auch Handwerkerinnen und
       Busfahrer. Bisher segeln aber kaum Migranten, und außer im Jugendbereich
       ist es noch viel zu männerdominiert.
       
       Warum segeln so viele Franzosen? 
       
       Frankreich hat lange Küsten, Segeln ist dort Nationalsport und die Vendée
       Globe ist das drittgrößte nationale Sportereignis, quasi die Tour de France
       des Wassers. Auch im Inselstaat Neuseeland ist Segeln Nationalsport,
       bedeutsam ist es außerdem in England, Australien und Dänemark.
       
       Müssen Segler Ringelshirts tragen? 
       
       Das kommt wie die Matrosenanzüge aus der Marine und ist ein Klischee. Heute
       wird meist Funktionskleidung getragen.
       
       Warum haben es Seglerschuhe ins normale Stadtbild geschafft? 
       
       Sie sind praktisch und strahlen Lässigkeit und Eleganz gleichermaßen aus.
       Außerdem kann man bequem rein- und rausschlüpfen.
       
       Warum trinken Segler so gerne Rum? 
       
       Rum ist ein Nebenprodukt der Zuckerproduktion und wurde früher auf
       Segelschiffen aus der Karibik nach Europa gebracht. Heute wird eher Bier
       getrunken, bei Regatten gibt es das „Stegbier“ nach dem Einlaufen in den
       Hafen. Manche trinken vor dem Start auch einen Schluck Sherry.
       
       Ist Backbordextremismus eigentlich genauso schlimm wie
       Steuerbordextremismus? 
       
       Beim Segeln hat Backbordbug Vorfahrt von Steuerbordbug. Da im
       Straßenverkehr aber das allen bekannte „rechts vor links“ gilt, wurde beim
       Segeln vor einigen Jahren die Sprachregelung geändert, nicht die Regel
       selbst. Jetzt heißt es Steuerbordschlag vor Backbordschlag. Backbordbug
       heißt, die Segel stehen auf der linken (Backbord) Seite, Steuerbordschlag
       meint, der Wind kommt von rechts (Steuerbord). Damit sind Backbordbug und
       Steuerbordschlag identisch, denn wenn der Wind von rechts kommt, weht er
       die Segel nach links. Ich bin mit der alten Sprachregelung aufgewachsen und
       mein Herz schlägt schon immer Backbord.
       
       30 Jan 2021
       
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