# taz.de -- Westsahara-Konflikt: Vergessen in der Wüste
       
       > Die Westsahara ist das letzte nicht entkolonialisierte Gebiet in Afrika.
       > Spanien und die UNO dulden seine Besetzung und Ausbeutung durch Marokko.
       
 (IMG) Bild: Seit dem 13. November herrscht in der der Westsahara wieder Krieg (Aufnahme von 2016)
       
       Afrikas letzte Kolonie ist wieder im Krieg. Seit dem 13. November greift
       die Befreiungsbewegung der Westsahara, die Frente Polisario, immer wieder
       Stellungen der marokkanischen Besatzer entlang eines 2.700 Kilometer langen
       Sandwalls an, der die besetzten Gebiete von denen unter der Kontrolle der
       sahrauischen Exilregierung trennt. Der Lärm der Waffen verschafft einem
       vergessenen Konflikt wieder Aufmerksamkeit.
       
       Die Westsahara ist das letzte Gebiet in Afrika, das nie richtig
       entkolonialisiert wurde. Die einstige spanische Kolonie – ein Landstrich
       etwas größer als die alte Bundesrepublik an Afrikas Westküste gegenüber der
       Kanarischen Inseln – wurde 1975 von Spaniens Diktator Franco an Marokko und
       Mauretanien abgetreten. Die Befreiungsbewegung Polisario, die zuerst gegen
       die Spanier gekämpft hatte, nahm den Befreiungskrieg gegen die neuen
       Besatzer auf. Die Polisario besiegte Mauretanien 1979. Marokko rückte in
       die südlichen Gebiete nach. Im Jahr 1991 vermittelten die Vereinten
       Nationen einen Waffenstillstand, der jetzt beendet wurde.
       
       Die neuen Kriegshandlungen sind eine Reaktion der Polisario auf
       Provokationen seitens Marokkos. Die Besatzer räumten am 13. November eine
       friedliche Demonstration am Grenzübergang zu Mauretanien. Obwohl dieses
       Gebiet laut Abkommen nicht zur marokkanischen Zone gehört und als
       entmilitarisiert gilt, hat Marokko hier einen Grenzübergang eingerichtet.
       Das verstößt gegen den Waffenstillstand, der nur die Grenzübergänge
       zulässt, die es 1991 bereits gab. Die UNO schaute dennoch zu, wie Marokko
       eine Straße asphaltierte und Grenztruppen in das Gebiet schickte.
       
       Das im Waffenstillstandsabkommen festgeschriebene Referendum über die
       Unabhängigkeit der Westsahara fand nie statt. Marokko drängte darauf,
       Stämme von außerhalb in die Wählerliste aufzunehmen. Die Polisario weigerte
       sich. Der Prozess kam Anfang der 2000er Jahre endgültig zum Erliegen.
       
       Die UNO hat längst resigniert. Seit Jahren ist bei den Vereinten Nationen
       nicht mehr von einem Referendum die Rede. Stattdessen sollen beide
       Konfliktparteien in direkten Verhandlungen eine Lösung finden. Marokko will
       einen Autonomiestatut für die [1][Westsahara], die Polisario lehnt dies ab.
       Die Besatzung durch Marokko wird so Jahr für Jahr fortgeschrieben. Die
       UN-Blauhelmmission Minurso überwacht nur noch diesen ungerechten Status
       quo. 170.000 Sahrauis leben vergessen von der Weltöffentlichkeit in
       Flüchtlingslagern in der algerischen Wüste unweit der Garnisonsstadt
       Tindouf sowie in den befreiten Gebieten jenseits des Sandwalls, und weniger
       als 100.000 in den besetzten Gebieten. Marokko profitiert von dem Scheitern
       der UNO. Hunderttausende Marokkaner wurden in die besetzten Gebiete der
       Westsahara umgesiedelt, um so Tatsachen zu schaffen. Viele genießen
       Sozialleistungen, wie es sie sonst in Marokko nicht gibt. Sie erhalten
       Arbeit und Genehmigungen, Geschäfte zu eröffnen, während die einheimische
       Bevölkerung unter einer Art Apartheid leidet. Die Sahrauis, die Hassani
       sprechen, ein Arabisch, das dem in Mauretanien mehr ähnelt als dem in
       Marokko, werden ausgegrenzt und leben unter ständiger Überwachung durch
       Polizei, Armee und marokkanischer Bevölkerung. Mit brutaler Repression wird
       jeder Protest im Keim erstickt. Internationale Beobachter werden kaum
       vorgelassen.
       
       Marokko plündert die Westsahara gezielt aus. Staatliche Unternehmen bauen
       Phosphat ab. Europäische Unternehmen, darunter auch Siemens, errichten
       Windparks im Norden, die den Strom dafür liefern. Sand aus der Westsahara
       wird in Zementfabriken in Spanien verarbeitet. Die Regierung in Rabat
       handelte mit der EU mehrere Fischereiabkommen aus. Nutznießer der
       Fangrechte sind zum Großteil Schiffe aus Spanien – aus dem Land, das nach
       internationalem Recht weiterhin „Verwaltungshoheit“ über das Gebiets hat.
       
       Während die Polisario und ihre sahrauische Exilregierung vor allem auf
       Algeriens Unterstützung setzen kann, hat Marokko mächtige Freunde, allen
       voran Frankreich. Paris wacht über seinen Einfluss in Nordafrika und macht
       immer wieder im UN-Sicherheitsrat zugunsten von Marokko von seinem
       Vetorecht Gebrauch. Für die USA ist Marokko am Eingang zum Mittelmeer von
       entscheidender strategischer Bedeutung. Noch nach den verlorenen Wahlen
       unterzeichnete [2][Präsident Trump] eine Erklärung, die die Souveränität
       Marokkos über die Westsahara anerkennt. Als Gegenleistung nimmt Rabat volle
       diplomatische Beziehungen mit Israel auf.
       
       Spanien hat sich auch nach dem Ende der Diktatur seiner Verantwortung für
       die Westsahara nie gestellt, anders als etwa das benachbarte Portugal, das
       mit Osttimor und Indonesien ein ähnliches Problem hatte. Während die
       Solidarität mit den Sahrauis in der spanischen Bevölkerung hoch ist, lassen
       die Regierungen, egal welcher Couleur, Polisario und die Sahrauis im Stich.
       Man will Rabat nicht verärgern.
       
       Marokko ist einer der größten Abnehmer spanischer Waffen und ein wichtiger
       Partner für die Überwachung der EU-Südgrenze. Rabat weiß das und öffnet bei
       jeder politischen Meinungsverschiedenheit die Grenzen:
       [3][Flüchtlingsboote] dürfen von der Küste Marokkos und der Westsahara Kurs
       auf Spanien und die Kanarischen Inseln nehmen. Auch dieser Tage kommen
       wieder mehr Boote an.
       
       Während der kleine Koalitionspartner in der spanischen Regierung, die
       linksalternative Unidas Podemos, ein Referendum anmahnt, will das von
       Sozialisten geführte Außenministerium die UNO „bei ihren Anstrengungen“
       unterstützen, wissend, dass die nichts unternimmt. Der Griff zu den Waffen
       ist der verzweifelte Versuch der Polisario, ihr Anliegen mit Gewalt wieder
       auf die Tagesordnung der Weltpolitik zu bringen.
       
       14 Dec 2020
       
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