# taz.de -- Spanische Filme in Berlin: Blinde Flecken im Selbstbild
       
       > Im Zeughauskino läuft eine Filmreihe über den großen spanischen
       > Produzenten Elías Querejeta, dessen Wirken in der späten Franco-Zeit
       > begann.
       
 (IMG) Bild: Löste beim Erscheinen einen Skandal aus: „La prima Angélica“ von 1974
       
       Vier Männer auf der Jagd. Drei von ihnen, Paco, Josè und Luis, teilen eine
       gemeinsame Geschichte. Der vierte, Pacos Schwager Enrique, steuert den Jeep
       bei, mit dem die Männer anreisen und blickt mit Unverständnis auf das
       angespannte Verhältnis der drei. Während die Männer unter der brennenden
       Sonne den Kaninchen auflauern, verschärfen sich die Spannungen zunehmend.
       
       Carlos Sauras’ „La caza“ zeigt eine Gemeinschaft, die weder von den
       geteilten Geheimnissen der Vergangenheit noch von den gemeinsamen
       Erlebnissen zusammengehalten wird, und durch sie zugleich unfähig ist, die
       Konflikte der Gegenwart zu lösen. Die Männergesellschaft des Films kann
       ihre Unzulänglichkeiten im Umgang mit ihren Problemen und dem Scheitern
       ihrer Freundschaften nur noch mit Saufen, Ballern und dem Geifern über
       nackten Frauenkörpern in Zeitschriften überdecken.
       
       Obwohl die Handlung des Films 1966, zehn Jahre vor Francos Tod, als
       Gesellschaftsbild erkennbar war, wurde der Film zur Vorführung auf
       Festivals im Ausland freigegeben, wohl auch um die Vermarktung spanisches
       Film im Ausland zu fördern. Auf der Berlinale 1966 gewann Sauras Film den
       Silbernen Bären. Der Film eröffnete am Freitag die Retrospektive „La
       factoria Querejeta“ zum Werk des spanischen Filmproduzenten Elías
       Querejeta, die das Zeughauskino schon im März begonnen hatte, dann jedoch
       coronabedingt abbrechen musste.
       
       ## Franquistische Familie
       
       Elías Querejeta begann Anfang der 1960er Jahre als Produzent zu arbeiten
       und wirkte schon bald an einigen der wichtigsten Filme des neuen spanischen
       Kinos mit. Er produzierte bis in die 2000er Jahre, die Reihe konzentriert
       sich jedoch weitgehend auf jene Filme, die noch während der Franco-Diktatur
       entstanden, ergänzt um einige Ausläufer aus den 1980er und 1990er Jahren.
       
       Zu den bemerkenswertesten Filmen der Reihe gehört ein Dokumentarfilm von
       Jaime Chávarri. „El desencanto“ (The Disenchantment), entstanden im
       Todesjahr Francos 1976, zeigt die Familie des Dichters Leopoldo Panero. In
       Gesprächen mit der Familie des Franco-Unterstützers entsteht das
       Familienbild einer großbürgerlichen Familie von der Zeit des Bürgerkriegs
       bis in die Gegenwart des Films. Zwischen den jeweiligen Spleens der
       Hinterbliebenen treten die Konflikte und blinden Flecken der
       Selbsterzählung der Familie zu Tage (13. 10., 19 Uhr).
       
       ## Politisches Erdbeben
       
       Mit dem Eröffnungsfilm „La caza“ beginnt die Reihe von Frühwerken Sauras,
       die sich durch die Filmreihe zieht. 1970, vier Jahre nach „La caza“ wendet
       sich Saura der Gesellschaftssatire zu: „El jardin de las delicias“ (The
       Garden of Delights) zeigt einen Geschäftsmann der nach einem Autounfall im
       Rollstuhl sitzt und sich an nichts erinnern kann. Um an seine
       Geschäftsgeheimnisse zu kommen, inszenieren der Vater und die Frau des
       Geschäftsmanns Ereignisse aus der Vergangenheit (24. 10., 21 Uhr).
       
       1974 löste „La prima Angélica“ (Cousine Angélica) ein politisches Erdbeben
       aus. Das Begräbnis der Mutter führt für Luis zur Wiederbegegnung mit seiner
       Lieblingscousine Angélica, von der in den Zeiten des Spanischen
       Bürgerkriegs getrennt wurde. Die spanische Rechte versuchte Vorführungen zu
       verhindern, in einem Kino explodierte sogar eine Bombe (18. 10., 18.30
       Uhr). Kurz nach Francos Tod stellt Saura „Cria cuervos“ fertig, der den
       Zerfall einer Familie zeigt. Die junge Ana gibt ihrem Vater die Schuld am
       Krebstod ihrer Mutter und vergiftet ihn (31. 10., 21 Uhr).
       
       Die von Petra Palmer zusammengestellte Retrospektive „La factoria
       Querejeta“ führt am Beispiel Querejetas, die Bedeutung von Filmproduzenten
       für die Entstehung der diversen neuen Wellen des europäischen Kinos hervor.
       Zugleich erinnert sie einen zentralen Akteur des spanischen Kinos der
       späten Franco-Zeit und der ersten Jahre nach dem Ende der Diktatur, der
       außerhalb Spaniens nicht mehr allzu geläufig ist.
       
       Die Reihe zudem bietet die Gelegenheit, nach längerem wieder einige
       Klassiker des spanischen Kinos auf der großen Leinwand zu sehen. Neben den
       Filmen aus dem Frühwerk Sauras beispielsweise Chávarris „A un dios
       desconocida“ von 1977 (15. 10., 19 Uhr) und Victor Erices „El espiritu de
       la colmena“ (The Spirit of the Beehive) von 1973 (17. 10., 21 Uhr), die
       sich beide auf sehr unterschiedliche Weisen des Bürgerkriegs und seiner
       Folgen annehmen.
       
       12 Oct 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Tietke
       
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