# taz.de -- Neue Erzählungen von Lydia Davis: Erotische Kassenstürze
       
       > Die Autorin Lydia Davis muss man einfach verehren. In ihrem nun
       > übersetzten Erzählungsband „Es ist, wie's ist“ klickt es oft.
       
 (IMG) Bild: Ihren Ruhm spielt Lydia Davis gern herunter. Mit Katzen lässt sie sich häufiger fotografieren
       
       Meine Bewunderung ist das Problem; wahrscheinlich geht das anderen auch so.
       Man ist eingeschüchtert von diesen makellosen [1][Geschichten der Lydia
       Davis], die einen Satz oder ein paar Seiten lang sein können, und das
       eigene Reden darüber kommt einem plump und aufdringlich vor.
       
       Geholfen habe ich mir, abgesehen von der wiederholten Lektüre, mit Videos
       auf Youtube. Mit Lesungen, Preisverleihungen und einem sehr schönen
       Gespräch, das der dänische Kurator Christian Lund mit Lydia Davis im August
       2014 auf dem Louisiana Literature Festival führte.
       
       Außerdem, und das war vielleicht das Hilfreichste, habe ich auf dem Blog
       ihres Sohnes, Theo Cote, ein knapp einminütiges Video gefunden, das Lydia
       Davis, die für viele zu den bedeutendsten Erzähler:innen gehört, aus
       respektvoller Entfernung zeigt. Im Wald auf einem kleinen Erdvorsprung
       sitzend. Sofort dachte ich, dass das der richtige Abstand ist. Dass man
       näher nicht herangehen darf.
       
       Sie trägt eine dunkle Hose, Daunenjacke und ein Barett, beides in Violett,
       einer Farbe, die sie offensichtlich mag. Es muss ein kalter Frühlingstag
       gewesen sein; man hört den Wind in den jung ausschlagenden Bäumen. Die
       Dichterin sitzt sehr gerade, die Hände seitlich abgestützt.
       
       Dann schaut sie nach oben und lehnt sich etwas zurück. Nicht weit, aber
       doch so, dass man merkt, etwas geht in ihr vor. Es ist, als würde Lydia
       Davis in einer Geschichte von Lydia Davis auftreten. Was sie, ohne Namen zu
       nennen, immer wieder tut.
       
       ## Wie teuer ist eine Affäre?
       
       Eine Frau freut sich darauf, im Alter komische Kleider zu tragen. Sie ist
       in ihren „früheren mittleren Jahren“ und nimmt, während sie neben einem
       Freund auf der Parkbank sitzt, Jahrzehnte vorweg und wieder zurück. Eine
       andere (oder dieselbe) Frau denkt darüber nach, ob sie ihr Mann, während
       sie auf ihn gewartet und er angerufen hat, um ihr zu sagen, dass er noch zu
       tun habe, betrogen hat.
       
       Sie denkt darüber nach, ob sie es jemals wissen kann, ob er sie betrogen
       hat oder nicht. Ob er in der Lage ist, sie zu betrügen, „nach der Tat im
       Darüber-Reden“. Ein Mann berechnet die Kosten für zehn Tage Affäre und
       kommt zunächst auf 100 Dollar pro Fick. Der Mann findet, dass sei teuer,
       doch mit jedem Satz löst sich die Rechnung weiter auf.
       
       „Es ist, wie’s ist.“ So heißt dieser erotische Kassensturz; es ist zugleich
       der Titel des Buchs. Im Literaturverlag Droschl und in der Übersetzung von
       Klaus Hoffer ist es gerade erschienen. Die Originalfassung ist bereits
       1986, und zwar unter dem Titel „Break it Down“ publiziert. Sie brachte
       Lydia Davis auf die Shortlist des „PEN Hemingway Award“. 1976 hatte sie mit
       „The Thirteenth Woman, and Other Stories“ als Erzählerin debütiert. Aber
       das zu wissen ist vielleicht gar nicht wichtig.
       
       ## Wege eines Gefühls erforschen
       
       Die Geschichten sind unempfindlich gegen die Chronologie und gegen das
       Altern. Das hat mit ihrer Geschlossenheit zu tun, mit der Zeit, die diese
       Erzählerin braucht, um den Weg eines Gedankens oder eines Gefühls, einer
       Beobachtung zu erforschen. „Die Leute wussten nicht, was sie wusste: dass
       sie in Wahrheit keine Frau war, sondern ein Mann, oft ein dicker, aber
       wahrscheinlich öfter noch ein alter Mann.“
       
       Mit jeder Lydia-Davis-Zeile ist man in einem Jetzt, gleichgültig ob das
       Verb in die Vergangenheit weist oder auf die Zukunft spekuliert; und diese
       Gegenwart ist aufregend und interessant wie ein echtes Geheimnis. „It
       clicks“, sagte Lydia Davis im Gespräch mit Christian Lund. Wenn eine
       Geschichte richtig zusammengesetzt sei, passiert es, paradoxerweise ohne
       dass jemand sagen könnte, wie.
       
       Sie selbst hat das Geheimnis an Kafka und Beckett studiert, an den
       Dichtern, in deren Texten sie, so Davis, niemals auch nur einen einzigen
       Satz gefunden habe, der nicht gut ist. Sie empfiehlt ihren Studenten, sich
       Kafka-Sätze aufzuschreiben und alles an ihnen ganz genau zu untersuchen.
       Die Adjektive. Die Verben. Wie ist der Satz gebaut? Wie ist der Klang der
       Wörter?
       
       ## Lust an der Form und am Denken
       
       Bevor sie angefangen hat zu schreiben, studierte sie Geige und Klavier. Sie
       hat eine Zeit lang in Frankreich gelebt, zusammen mit ihrem ersten Mann,
       [2][Paul Auster.] Sie hat Proust und maßgeblich „Madame Bovary“ von
       Flaubert übersetzt und dafür den französischen Orden „Chevalier des Arts et
       des Lettres“ erhalten. Sie glaube nicht daran, sagte sie auf einer Lesung
       an der University of California, dass man durch das Schreiben Gefühle
       loswerden könne. Man könne sie nur in eine Form bringen, die einem gefällt.
       
       Dieses Vergnügen, diese Lust an der Form und am Denken könnten einem zuerst
       einfallen. Dazu kommt wahrscheinlich so eine Art absolutes Gehör.
       Jedenfalls kann man der Autorität dieser Erzählerin – und jetzt würde ich
       fast sagen – „blind“ vertrauen.
       
       ## Mit Männern auf der Bühne
       
       Sie selbst spielt ihren Ruhm herunter und mag, wie sie in einem Interview
       sagte, keine Hierarchien. Ihre Geschichten verdanken sich in den meisten
       Fällen alltäglicher Anschauung; ein Satz wie „Ich kann nicht allein leben“,
       unüberhörbar ausgesprochen von einer Frau am Nachbartisch eines
       Restaurants, ist unwiderstehlich. Wenn sie mit Männern auf der Bühne sitzt,
       erröten diese manchmal und strengen sich an, ihr zu gefallen.
       
       Nach dem öffentlich zugänglichen Bildmaterial zu urteilen, besitzt sie kein
       Kleid. Als sie 2013 die Dankesrede für die Verleihung des Man Booker
       International Prize hielt, hatte sie eine graue Strickjacke an und ein
       einmal um den Hals gewickeltes Seidentuch in sehr dunkel changierendem
       Rosa. Schon das Finale erreicht zu haben sei eigentlich genug gewesen,
       sagte sie, und dass sie wirklich überrascht sei.
       
       18 Sep 2020
       
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