# taz.de -- Südkorea nach Politiker-Suizid: Ein Toter mit zwei Gesichtern
       
       > Südkorea streitet, wie es Seouls verstorbenen Bürgermeister erinnern
       > soll: Als progressive Ikone oder mutmaßlichen Sexualstraftäter?
       
 (IMG) Bild: BürgerInnen Seouls am Traueraltar für den gestorbenen Bürgermeister Park Won-Soon
       
       Peking taz | Am Montagmorgen zogen Zehntausende Bürger vor Seouls Rathaus,
       um ihr Beileid zu bekunden. Im Inneren des Gebäudes versammelten sich –
       coronabedingt – 100 Verwandte und Angehörige, um Seouls verstorbenem
       Bürgermeister Park Won Soon zu gedenken. Die Tochter des volksnahen
       Politikers sagte: „Ich konnte die Freude meines Vaters spüren, als ich die
       Bürger einem nach dem anderen getroffen habe.“
       
       Fast zeitgleich konkretisierten die Anwälte von Parks früherer Sekretärin
       bei einer Pressekonferenz ihre Anschuldigungen gegen deren Ex-Chef: Über
       vier Jahre soll er die Frau sexuell belästigt, ihr anzügliche Fotos
       geschickt und sie unsittlich berührt haben. „Ich träume von einer Welt, in
       der ich als menschliches Wesen leben kann“, heißt es in ihrer
       Stellungnahme.
       
       Der Suizid von Südkoreas zweitwichtigstem Politiker schockiert das Land: Am
       letzten Donnerstag sagte Park Won Soon seine Termine des Tages ab und nahm
       in Wanderkleidung gehüllt ein Taxi zu den Bergen nördlich des
       Präsidentenpalastes. Am nächsten Morgen wurde sein lebloser Körper nach
       siebenstündiger Suchaktion mit Helikoptern, Drohnen und Spürhunden
       entdeckt.
       
       Dieses vermeintliche Suizidmotiv wird von koreanischen Medien kolportiert:
       Vergangene Woche hatte seine frühere Sekretärin Anzeige wegen sexueller
       Belästigung eingereicht. Park konnte wohl die öffentliche Scham nicht
       ertragen und versuchte offenbar sich auf tragische Art aus der Affäre zu
       ziehen.
       
       ## Eine der höchsten Suizidraten der Welt
       
       [1][In Südkorea, das unter einer der höchsten Suizidraten der Welt leidet],
       nehmen sich immer wieder Politiker das Leben, um einem öffentlichen
       Tribunal zu entgehen oder um die vermeintliche Familienehre zu retten. Der
       ebenfalls linksgerichtete Ex-Präsident Roh Moo Hyun sprang 2009 von einer
       Bergklippe, nachdem Familienmitglieder der Korruption beschuldigt worden
       waren.
       
       Der verstorbene Park war eine Ikone des [2][progressiven Lagers]. Als
       Menschenrechtsanwalt gewann er unter anderem den ersten Fall sexueller
       Belästigung. Seine aktivistische Ader behielt er auch während seiner
       Politkarriere bei: Er setzte sich gegen die wachsende Ungleichheit im Land
       ein wie gegen die korrupten Beziehungen zwischen der politischen Elite und
       den Konzernvorständen. Und er war starker Unterstützer von Frauenrechten.
       Doch war er offenbar auch Teil des Problems.
       
       ## Erfolg der Me-Too-Bewegung
       
       Die MeToo-Bewegung hat Südkoreas patriarchale Gesellschaft verändert: Ein
       vielversprechender Präsidentschaftskandidat für die Wahlen 2017 landete
       hinter Gittern, Volksliteraten wurden öffentlich angeschuldigt,
       übergriffige Regisseure geschasst.
       
       Park gilt nun als hochrangigster MeToo-Fall. Eine halbe Million Südkoreaner
       unterzeichneten in den letzten Tage eine Petition, um die fünftägige von
       der Stadtregierung angeordnete Trauer für ihn zu untersagen. Sie werfen
       Park Feigheit vor, denn mit seinem Tod wird sein mutmaßlicher
       Belästigungsfall automatisch geschlossen.
       
       Das mutmaßliche Opfer, das bereits jetzt von einem wütenden Internetmob
       diffamiert wird, ist um ihre Stimme gebracht.
       
       13 Jul 2020
       
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 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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