# taz.de -- Drohende Leere nach Karstadt-Pleite: Warenhaus packt zusammen
       
       > Die rosigen Zeiten der Warenhauskette Galeria Kaufhof Karstadt sind
       > vorbei. Jetzt stehen viele Filialen vor dem Aus. Was fehlen wird.
       
 (IMG) Bild: Der Letzte löscht das Licht: Karstadt schließt Filialen und Tausende Jobs fallen weg
       
       Hamburg taz | Neulich brauchte ich ein spezielles Backblech. Ich hatte
       meine Versuche, ein knuspriges und zugleich fluffiges Baguette zu backen,
       schon recht weit vorangetrieben. Aber mir wurde klar: Besser wird es nur
       mit besserem Equipment. Ein Backblech aus Metall, mit Antihaftbeschichtung
       und Löchern musste her. Na klar kann man sich das liefern lassen, will ich
       aber nicht – ich gehe lieber zu Karstadt.
       
       Ich freue mich immer, wenn ich solch praktische Dinge brauche – also
       wirklich brauche und nicht nur gern hätte. Gern hätte ich zum Beispiel mal
       einen neuen Pürierstab, bei dem man das pürierende Ende abschrauben und
       ordentlich spülen kann. Aber meiner geht halt nicht kaputt, püriert wie ’ne
       Eins. Dieses Baguette-Backblech war aber wirklich nötig und so fuhr ich in
       die Innenstadt.
       
       Karschi hieß das bei uns früher. Los, auf zu Karschi. Mit Oma, Mama,
       Freundinnen, Freund, allein, egal. Die Innenstädte wechselten, aber Karschi
       blieb mir gleich lieb und teuer. Im Erdgeschoss ist es irre hell, der
       geflieste Boden glänzt, es duftet zu schwer nach Parfüm und es gibt Socken
       – eher teure nach Farben sortiert auf Aufstellern und fünf Paar für vier
       Euro von einem der Wühltische.
       
       Es ist nicht so, dass es bei Karschi Dinge gibt, die es anderswo nicht
       gibt. Aber eben nicht in der Geballtheit unter einem Dach, mit Rolltreppen
       und in einer Innenstadt. Bademantel, Fußmatte, Reißverschluss – gibt es
       alles bei Karstadt oder bei Galeria Kaufhof, für mich ist das einerlei.
       Gehört ja eh zusammen. Ist alles Karschi. Wo ich sonst einen Bademantel,
       also so einen ganz normalen aus weißem Handtuchstoff, herbekäme, wüsste ich
       zum Beispiel auf Anhieb gar nicht recht.
       
       ## Verkäuferinnen materialisieren sich
       
       Dabei ist Bademantel bei Karstadt kaufen auch nicht die pure Freude. Denn
       die Verkäuferinnen (bei den Anziehsachen für Damen, nicht Frauen, arbeiten
       nahezu ausnahmslos Damen) sind entweder unsichtbar oder sie materialisieren
       sich ungefragt. So auch die Verkäuferin, die mich mal bei Karschi in der
       Hamburger Innenstadt beim Bademantelkauf beraten hat.
       
       Ich wollte gar keine Beratung, was gibt’s da auch zu beraten? Aber die
       Verkäuferin erschien wie aus dem Nichts schräg hinter mir, während ich
       einen Bademantel probierend vor dem Spiegel stand – was ja auch schon
       Unsinn ist. Was soll man da schon sehen? „Der ist zu eng“, sagte die
       Verkäuferin neben mir und ich fuhr herum. „Wie bitte?“, fragte ich. Sie
       deutete mit dem Kinn in Richtung meines Hinterns. „Da brauchen sie schon
       was Größeres.“
       
       Das sagte sie noch bei einigen anderen Modellen, am Ende kaufte ich einen
       zu teuren Bademantel, der so groß ist, dass ihn mein Freund bequem tragen
       kann – und der ist deutlich größer und schwerer als ich. Ich stelle mir
       vor, dass die Verkäufer*innen einen Wettbewerb am Laufen haben – und beim
       Betriebsfest wird die oder der mit dem absurdesten Beratungsgespräch
       prämiert.
       
       ## Überholte Rollenbilder sickern ein
       
       Irgendwie hat diese Karschi-Glitzer-Rolltreppen-Atmosphäre was seltsam
       Antiquiertes. Überholte Rollenbilder werden hier ungeniert immer weiter
       fortgeschrieben. So arbeiten beim Geschirr auch immer nur Damen (ich sehe
       da jedenfalls nie Herren). Da verirrt sich höchstens mal ein Verkäufer hin,
       weil auf der gleichen Etage auch Technik verkauft wird, Staubsauger oder
       Kühlschränke zum Beispiel.
       
       Passt man nicht auf, sickert das alles in einen hinein, während man dort
       einkauft. Nur so ist zu erklären, wieso mein Freund während einer
       Bratpfannenberatung bei Karschi, bei der er als Mann von der Verkäuferin
       nicht eines Blickes gewürdigt wurde, zu mir sagte: „Wenn dir die Bratpfanne
       gefällt, dann kaufen wir die.“ Bis heute muss ich manchmal daran denken,
       wenn ich die blaue Bratpfanne aus dem Schrank hole. Ja, sie gefällt mir.
       
       Aber ich nehme Karschi das nicht übel. Es macht mich wehmütig, dass das
       Konzept Warenhaus nicht erst seit der aktuellen Krise auf dem absteigenden
       Ast ist. Nun verschwindet Karschi zum Glück noch nicht ganz von der
       Bildfläche, aber [1][deutschlandweit sollen mehr als 50 der 172 Warenhäuser
       schließen] – mit entsprechend vielen Arbeitsplätzen, die verloren gehen.
       Allein in Hamburg könnte es knapp 600 Beschäftigten den Job kosten.
       
       Ich werde da weiter hingehen, wenn ich ein Puzzle haben will, eine
       Strumpfhose oder Eierlöffel. So lange es eben geht. Für mein
       Baguette-Backblech habe ich den Weg neulich allerdings ganz umsonst auf
       mich genommen. Es gibt bei Karschi Dutzende Backbleche und -formen in allen
       möglichen Materialien und Farben. Aber kein Baguette-Backblech aus Metall,
       mit Antihaftbeschichtung und Löchern. Ich hab’s im Netz bestellt, denn ein
       anderes Geschäft ist mir schlicht nicht eingefallen.
       
       Mehr über Karstadt, Kaufhof und die Bedeutung der Warenhäuser für die
       Innenstädte lesen Sie in der gedruckten taz am Wochenende oder an unserem
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       17 Jul 2020
       
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       ## AUTOREN
       
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