# taz.de -- Erstes Pauli-Heimspiel nach Coronapause: Sieg am Geistertor
       
       > Der FC St. Pauli ist gegen Nürnberg mit 1:0 erfolgreich – auch ohne Fans.
       > Viele AnhängerInnen wollen lieber einen Saisonabbruch als leere Ränge.
       
 (IMG) Bild: Desinfektion hat Priorität: Ein Mitarbeiter wischt den Spielball ab
       
       Hamburg taz |„Das Millerntor ist mal wieder komplett ausverkauft.“ Die
       obligatorische Ansage von Stadionsprecherin Dagmar Hansen bleibt beim
       ersten Heimspiel nach der Coronapause aus – wie vieles, was sonst zu einer
       Zweitligapartie des [1][FC. St. Pauli] gehört. Keine Einlaufkinder, keine
       Fangesänge, keine Stadiondurchsagen, keine Pyrotechnik. Und als die Spieler
       des FC Nürnberg am gestrigen Sonntag die Rasenfläche betreten, tragen sie
       tatsächlich Mundschutz, den sie erst zum Warmmachen ablegen.
       
       Für die wenigen Offiziellen und Medienvertreter, die sich auf der
       Haupttribüne verteilen, ist die Maske Pflicht. Wer sie nur kurz abnimmt,
       wird ermahnt. Es ist der 26. Spieltag der Zweiten Bundesliga, das erste
       Geisterspiel am Hamburger Kiez. Nur ein einziges Transparent ziert die fast
       leeren Ränge der Haupttribüne: „Der Fußball lebt durch seine Fans!“
       
       Die Entscheidung, die Saison ohne ZuschauerInnen zu Ende zu spielen, um den
       Vereinen die Fernseheinnahmen zu retten, wird begleitet von massiver Kritik
       der AnhängerInnen des Zweitligisten. In einer Umfrage auf einem
       Vereinsforum haben sich über 80 Prozent für einen Abbruch der Saison
       ausgesprochen. Und die Pläne des Bezahlsenders Sky, seinen AbonentInnen
       eine [2][Tonspur-Option mit eingespielter Stadionathmosphäre und
       aufgezeichneten Fangesängen] anzubieten, löst auch in der
       St.-Pauli-Gemeinde einen Shitstorm aus.
       
       ## Im Kern geht es um die Entwertung der Fankultur
       
       Im Kern geht es um die Entwertung der Fankultur. Spieler und auch
       Präsidenten kommen und gehen, Sponsorengelder und Fernseheinnahmen sind nur
       ein Zusatzgeschäft, die Fans sind aber in ihrer Eigenwahrnehmung durch die
       bedingungslose Unterstützung des eigenen Teams der Nabel und das Herz des
       Profifußballs zugleich. Dass die Saison nun einfach in leeren Stadien
       weiterläuft, ist für einige ein Zeichen, „wie weit sich der Kommerzfußball
       schon von der Gesellschaft abgekoppelt hat“, wie es in einem [3][Fanforum]
       heißt.
       
       Und wenn plötzlich die Spieler, die noch vor Wochen behauptet haben, sie
       hätten „ohne die grandiose Unterstützung der Fans das Spiel niemals
       gewonnen“ nun berichten, sie seien „so auf das Spiel fokussiert, dass man
       das Drumherum ja kaum wahrnimmt“, wird der fehlende Fan-Support zur
       Randnotiz degradiert.
       
       Fußball mit nur einer Handvoll Zuschauer – für alle Teams, die in der
       Bezirksklasse, im Jugend- oder Seniorenbereich spielen, Alltag – wird im
       Bezahlfußball zum Zeichen einer totalen Kommerzialisierung.
       
       Das Dutzend zugelassener Journalisten (nein, es haben keine weiblichen
       Kolleginnen in die Endauswahl geschafft) erwartet nach umfangreicher
       Desinfektion und Fieberkontrolle vor allem eine besondere Akkustik. Die
       leeren Betontribünen reflektieren jeden Ton – und verschluckt das
       vollbesetzte Stadion sonst die Rufe der Spieler fast komplett, hört man nun
       genau, wie sich die Spieler permanent anfeuern und korrigieren. Es klingt
       eher nach Bolzplatz als nach Bundesliga.
       
       ## Rote Karte für den Torwart
       
       Die aber muss nun auf Biegen und Brechen ihre Saison abschließen. St. Pauli
       und Nürnberg, beide kurz vor der Abstiegszone in der Zweitliga-Tabelle,
       brauchen dringend einen Sieg, um den Klassenerhalt zu sichern. Mehr als 50
       Minuten dominieren die Gäste aus Franken, während die Hamburger kaum ins
       Spiel kommen und bei der Manndeckung auf Mindestabstand schalten.
       
       Erst als in der 53sten Minute Gästetorwart Christian Mathenia eine Rote
       Karte bekommt, weil er Pauli-Stürmer Henk Veermann nur noch mit einer
       Notbremse stoppen kann, dreht sich die Partie. Die Hamburger setzen sich im
       Strafraum der Gäste fest und warten auf die Lücke in der gegnerischen
       Abwehr. In der 84. Minute schießt der eingewechselte Viktor Gyökeres ins
       lange Eck zum 1:0-Siegtreffer.
       
       17 May 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.fcstpauli.com/news/cheftrainer-jos-luhukay-ueber-die-aktuelle-situation-rund-um-die-corona-pandemie/
 (DIR) [2] https://www.prisma.de/news/Bundesliga-201920-Sky-bietet-fuer-Geisterspiele-Fangesaenge-vom-Band,26258194
 (DIR) [3] https://www.stpauli-forum.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marco Carini
       
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