# taz.de -- Corona im Altenheim: Schlamperei bei Pflegeheimkette
       
       > In einem Bremer Pflegeheim der Alloheim-Kette sollen Hygienestandards
       > missachtet und Corona-Infektionen verspätet gemeldet worden sein.
       
 (IMG) Bild: In dem Bremer Pflegeheim sollen zu wenig Desinfektionsmittel zur Verfügung gestanden haben
       
       BREMEN taz | Der Notarzt war schuld. Mit dieser Ausrede versucht ein Bremer
       Pflegeheim, in dem sich mehrere Bewohner*innen offenbar aufgrund von
       mangelhaften Hygienestandards und fehlenden Abstandsregelungen mit dem
       Coronavirus infiziert haben, die Verantwortung von sich zu schieben.
       
       Am Montag musste der Betreiber [1][Alloheim] auf Anordnung der Behörde ein
       externes Qualitätsmanagement in dem Heim einsetzen, um weitere Schäden zu
       verhindern. Die Bremer Staatsanwaltschaft prüft nach Angaben eines
       Sprechers derzeit, ob sie Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung
       und mittlerweile auch fahrlässiger Tötung aufnimmt.
       
       Am Freitag hatte die Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) als
       Aufsicht führende Behörde [2][schwere Vorwürfe gegen die Betreiber eines
       Wohnheims] für Demenzkranke im Stadtteil Osterholz erhoben. Es habe zu
       wenig Desinfektionsmöglichkeiten gegeben, Händehygiene sei vernachlässigt
       und Schutzmaterial „nicht sachgerecht“ eingesetzt worden.
       
       Bis Mittwochabend sind nach Angaben der Gesundheitsbehörde im Haus Holter
       Fleet der Alloheim Senioren-Residenzen SE 19 von knapp 80 Bewohner*innen
       und ein Mitarbeiter positiv getestet worden, am Dienstag verstarb ein Mann.
       34 waren negativ.
       
       ## Der Notarzt soll schuld sein
       
       Dabei wurden nach Darstellung der Behörden nicht nur Regelungen zum
       Infektionsschutz wissentlich missachtet. Auch sei der erste Verdachtsfall
       zu spät gemeldet worden, sagt die Sozialsenatorin Stahmann. Und offenbar
       auch nur, weil die erste Kranke ins Krankenhaus kam.
       
       Laut Stahmann gab es den ersten Verdachtsfall in der Einrichtung spätestens
       am 1. Mai, einem Freitag. Alloheim habe dies aber erst am Montag gemeldet,
       als das positive Testergebnis einer Bewohnerin bereits da war.
       
       An dieser Stelle bringt die Alloheim-Kette den Notarzt ins Spiel. Auf die
       Frage der taz, warum der Verdacht nicht gleich am 1. Mai gemeldet wurde,
       antwortet eine Sprecherin der Kette mit Geschäftssitz in Düsseldorf, dass
       die Bewohnerin an diesem Tag lediglich gestürzt und „notärztlich versorgt“
       worden sei. „Der behandelnde Arzt veranlasste keinen Abstrich“, heißt es
       weiter in der schriftlichen Antwort. Und: „Einen Covid-19-Verdachtsfall zu
       diagnostizieren, fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Pflegekräfte,
       sondern ist ausschließlich den behandelnden Ärzten vorbehalten.“
       
       Schließlich sei der Test im Krankenhaus gemacht worden, „in das die
       Bewohnerin nach einem weiteren Vorfall verlegt wurde“. Wann dieses
       geschehen sei, sagt die Sprecherin auch auf mehrfache Nachfrage nicht. Zum
       Grund der Verlegung macht sie widersprüchliche Angaben.
       
       ## Widersprüchliche Auskünfte
       
       Am Montag schreibt sie der taz in einer Mail: „Wir haben bereits am 6. Mai
       in einer Presseerklärung mitgeteilt, dass aufgrund typischer
       Infektionssymptome eine 79-jährige Bewohnerin nach ärztlicher Rücksprache
       in ein Krankenhaus verlegt wurde.“ Keine zwei Stunden später schreibt sie,
       die Frau sei wegen des „weiteren Vorfalls“ verlegt worden, „nicht wegen
       einer Symptomatik“.
       
       Genauere Auskunft kann die Bremer Gesundheitsbehörde geben. Das
       Gesundheitsamt habe – wie auch die Heimaufsicht der Sozialsenatorin – die
       Dokumentation des Heims gesichtet, sagt dessen Sprecher Lukas Fuhrmann.
       Danach hatte die Frau am Abend des 1. Mai hohes Fieber, 39,4 Grad Celsius.
       Als nächste Messwerte seien 38,4 und 38,5 Grad Celsius dokumentiert.
       
       „Fieber ist ein bekanntes Symptom für eine Corona-Infektion“, sagt
       Fuhrmann. Anfang April habe das Gesundheitsamt darauf extra bei einer
       Schulung hingewiesen. „Das hätte das Heim melden müssen, spätestens am
       nächsten Tag.“ Stattdessen sei ein Test erst in der Klinik gemacht worden,
       in die sie am Sonntag verlegt wurde, am Montag war das Testergebnis da.
       
       Dabei haben die Betreiber und Mitarbeiter*innen des Heims offenbar schon
       zuvor Hinweise auf ein Infektionsgeschehen gehabt. Aus den Akten gehe
       hervor, dass bereits im April Personen Symptome gezeigt hätten, sagt
       Behördensprecher Fuhrmann. Welche, konnte er nicht sagen.
       
       Bei einem weiteren Heim der Alloheim-Kette, der „Senioren-Residenz“ in
       Bramsche, ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück wegen fahrlässiger
       Tötung in mindestens 25 Fällen, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der
       taz sagte (taz berichtete). Zudem bestätigte er, dass es dort am Mittwoch
       vergangener Woche eine Durchsuchung des Heims gegeben habe. Nicht bei jedem
       Ausbruch von Corona in einem Pflegeheim ermittelt die Staatsanwaltschaft.
       Nur dann, wenn ein Anfangsverdacht vorliegt, dass die Ausbreitung hätte
       verhindert werden können.
       
       Eine Schutzmaßnahme ist zum Beispiel, dass Mitarbeitende nicht in allen
       Bereichen eingesetzt werden und Bewohner*innen sich nicht in allen Teilen
       aufhalten dürfen. Beides sei im Bremer Alloheim nicht geschehen, sagt die
       Sozialsenatorin.
       
       ## Pflege als Kapitalanlage
       
       Alloheim verweist darauf, dass in dem Bremer Heim Demenzkranke betreut
       werden, was den Schutzauftrag erschwere: Die Bewohner*innen könnten „unsere
       Anweisungen, Hinweise oder wie auch immer gearteten Aufforderungen
       krankheitsbedingt weder verstehen noch größtenteils kognitiv erfassen“.
       
       Alloheim ist nach eigenen Angaben mit 223 stationären Pflegeeinrichtungen,
       77 Standorten mit betreutem Wohnen und 25 ambulanten Pflegediensten einer
       der drei größten privaten Anbieter von Altenpflege in Deutschland. Vor zwei
       Jahren wurde das Unternehmen an den schwedischen Private-Equity-Fonds
       Nordic Capital verkauft – der seinen Hauptsitz im Steuerparadies Jersey
       hat. In derartigen Heimen ist der Personalmangel häufig noch größer als
       üblich in der Altenpflege, [3][weil es nur um Gewinnmaximierung geht].
       
       Alloheim steht immer wieder in der Kritik, weil sich Angehörige oder
       Personal über extrem schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen beschweren.
       So hatte die Bremer Sozialsenatorin vor zwei Jahren einen
       [4][Belegungsstopp für eine weitere Alloheim-Seniorenresidenz in Bremen]
       verhängt. Das Heim an der Marcusallee war danach verkauft worden.
       
       13 May 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tarifloehne-in-der-Pflege-in-Bremen/!5514630
 (DIR) [2] https://www.senatspressestelle.bremen.de/detail.php?gsid=bremen146.c.334838.de&asl=bremen02.c.732.de
 (DIR) [3] /Pflegemaengel-in-privaten-Heimen/!5485996
 (DIR) [4] /Interview-Pflegemissstaende-in-Bremen/!5494849
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eiken Bruhn
       
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