# taz.de -- Gespräche mit Möchtegernintellektuellen: Lacrosse und des Teufels Advokat
       
       > Manche Männer geben vor, „Dinge von allen Seiten zu betrachten“. Dabei
       > wollen sie eigentlich, dass es immer um sie selbst geht.
       
 (IMG) Bild: Macht auch kurz mundtot, aber anders als ein Advokat des Teufels
       
       Neulich als ich im Bett lag neben meiner angefangenen Spinat-Tiefkühlpizza,
       mit halboffenem Mund und komplett dumpfem Gehirn durch Twitter scrollte und
       irgendwas Erheiterndes suchte, blieb ich an einem [1][Tweet] hängen: „wh*te
       boys be like yea I played two sports in highschool, Lacrosse and Devil’s
       advocate“. Frei übersetzt: Weiße Jungs so: In der Schule habe ich zwei
       Sportarten ausgeübt, Lacrosse und den Advokat des Teufels spielen.
       
       Ich fühlte mich durch diesen Tweet so was von zurückversetzt in die
       Oberstufe, als Klassen (leider nur Schulklassen) aufgelöst wurden und 70
       Prozent der Elftklässler auf meinem Gymnasium plötzlich eine intellektuell
       anmutende, Indie-Band-liebende Persönlichkeit annahmen. Plötzlich fanden
       alle Helge Schneider witzig, tauschten Eastpaks gegen Umhängetaschen aus
       Lkw-Planen, und statt „Thirstdays“ im E-Dry zu feiern, nahmen sie an Poetry
       Slams in irgendwelchen Kellern teil.
       
       Um diese Zeit herum kristallisierte sich ein besonderer Typus heraus. Der
       weiße, junge Mann, der in vielen Diskussionen den Advokaten des Teufels
       (AdT) spielen musste. Er durfte das, schließlich hatte er Jack Kerouacs
       „Unterwegs“ gelesen, konnte im Philosophieunterricht die Namen der
       Philosophen richtig aussprechen (dachte er jedenfalls) und hat es sich zur
       Aufgabe gemacht, die „Dinge von allen Seiten“ zu beleuchten. Was klingt wie
       ein nobler Vorsatz, entpuppt sich recht schnell als die nervige
       Angewohnheit, andere Menschen auf eine fake-intellektuelle Art mundtot zu
       machen. Alles dreht sich nur um ihn.
       
       Doch AdTs bleiben nicht ein Leben lang im Philosophieunterricht. Sie lassen
       irgendwann die Lkw-Planen-Tasche hinter sich und kaufen sich ein Lederetui
       für Tabak und selbstgedrehte Zigaretten oder vielleicht auch ein Vaper.
       Statt auf Festivals sind sie jetzt viel auf Konferenzen anzutreffen und
       sagen im Anschluss an jeden Vortrag zum Vortragenden (meistens zu Frauen):
       „Das was ich sagen will, ist nicht wirklich eine Frage, sondern eher eine
       Anmerkung.“ Und halten ihre spontane Anmerkung für schlauer als den lange
       vorbereiteten Vortrag.
       
       ## Feminazis und Woody-Allen-Hasser
       
       Advokaten des Teufels erklären dir, warum es unter Umständen okay ist, wenn
       sie als weißer Mann das N-Wort sagen. Und egal, was du entgegnest, du bist
       eh viel zu emotional für so eine rationale Unterhaltung. AdT erklären dir
       entgegen aller Logik und Beweise in aller Ruhe, dass Feminazis eine
       weltweite Zensur wollen und [2][Woody Allen] so Unrecht tun.
       
       Ein AdT sieht sich als netten Mann, der von Frauen übersehen wird, weil
       diese am Ende doch den Macho-Typen wollen. Gegen [3][Feminismus] spricht
       doch schon die Tatsache, dass Frauen und Männer biologische Unterschiede
       aufweisen, die man nicht einfach negieren kann, erklären dir AdT in der
       Bar, weil dein AdT-Frühwarnsystem versagt hat und du dich doch auf einen
       eingelassen hast. Renn! Renn aus der Bar und zurück ins Bett. Jede
       Spinat-Tiefkühlpizza ist besser als diese Unterhaltung.
       
       13 Mar 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://twitter.com/bocxtop/status/1233073478426865664
 (DIR) [2] /Missbrauchsvorwuerfe-gegen-Woody-Allen/!5670005
 (DIR) [3] /Frauenkampftag-in-Berlin/!5666991
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Dushime
       
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