# taz.de -- Frieden in Afghanistan nicht in Sicht: Eskalation des Krieges
       
       > Trotz Verhandlungen fordert der Krieg in Afghanistan immer mehr Tote. Die
       > USA werfen mehr Bomben denn je. Das zeigen neue Untersuchungen.
       
 (IMG) Bild: Nach UN-Angaben tobt in Afghanistan auch der weltweit tödlichste Krieg für Kinder
       
       Kabul taz | Zerstörte Häuser, in denen Männer unter einem grauem Himmel
       Schutt wegschaufeln. In bunte Decken gehüllte Leichen, auf hölzernen
       Bettgestellen aufgebahrt. Weinende Dorfbewohner, die sie auf einen LKW
       laden. Die [1][Fotos] und kurzen [2][Handyvideos], die am Mittwoch in
       sozialen Medien auftauchten, zeigen die mindestens sieben zivilen Opfer
       eines Luftangriffs der Streitkräfte Afghanistans, der sich bereits am
       vergangenen Sonntag im Dorf Boka in Nordafghanistan ereignete. Es handelt
       sich um drei Frauen und vier Kinder einer Familie; zwei weitere Menschen
       wurden verletzt.
       
       Hätte es diese Bilder nicht gegeben, wäre das Verteidigungsministerium in
       Kabul vielleicht mit seinem Bericht durchgekommen, dass an diesem Tag in
       Boka bei einem Luftschlag „sechs Taliban“ getötet worden seien, die sich in
       dem Dorf zu einem Angriff versammelt hätten.
       
       Die Regierung hat jetzt eine Untersuchungskommission angekündigt. Ob sie
       Boka erreichen wird, ist fraglich. Das Dorf liegt im Distrikt Balch der
       gleichnamigen Provinz, in dem die Taliban stark sind.
       
       Das ist nur ein Fall, der für die jüngste weitere Eskalation im
       Afghanistan-Krieg steht. Trotz laufender Verhandlungen mit den USA führten
       die Taliban in den letzten drei Monaten des Vorjahres 8.200 Angriffe auf
       die afghanischen Streitkräfte aus. Das ist der höchste Wert im einem
       letzten Quartal, der je ermittelt wurde.
       
       ## Offizielle afghanische Angaben sind notorisch unzuverlässig
       
       Die Angaben stammen aus einem Bericht des [3][US-Sonderinspektors für den
       Afghanistan-Wiederaufbau (SIGAR)] von Ende der Woche. In 40 Prozent der
       Angriffe erlitten die Regierungstruppen Verluste. Auch diese haben sich
       nach SIGAR-Angaben „leicht“ erhöht. Exakte Zahlen werden geheim gehalten,
       dürften sich aber auf mindestens 6.000 belaufen. Nach letzten offiziellen
       Zahlen von 2016 wurden damals 8.100 afghanische Soldaten und Polizisten
       getötet und 14.200 verletzt, Tendenz steigend.
       
       Gleichzeitig seien 2019 etwa 30 Taliban-Kämpfer pro Tag getötet worden,
       hieß es in einem Bericht der New York Times, der sich auf Angaben der
       afghanischen Behörden stützt. Das wären im ganzen Jahr etwa 10.000 tote
       Aufständische. Allerdings sind offizielle afghanische Angaben notorisch
       unzuverlässig. Der Fall des Dorfes Boka zeigt, dass diese Gesamtzahlen auch
       zahlreiche getötete Zivilist:innen enthalten.
       
       Zugleich zeigen am Montag bekanntgewordene Statistiken des Zentralkommandos
       der US-Luftstreitkräfte, dass die US-Streitkräfte 2019 so viele Bomben und
       andere Geschosse bei Luftangriffen – meist zur Unterstützung afghanischer
       Truppen – einsetzten wie nie zu vor in diesem Krieg.
       
       Zusammen mit dem bisherigen Rekordjahr 2018 bombardierten die USA stärker
       als in allen Vorjahren seit 2012 zusammen. Präsident Donald Trump hat also
       vor allem den Luftkrieg in Afghanistan drastisch eskaliert.
       
       ## Verhandlungen treten auf der Stelle
       
       Nach UN-Angaben tobt in Afghanistan auch der weltweit tödlichste Krieg für
       Kinder. Von Januar bis September 2019 wurden dort 2.400 Kinder getötet oder
       verletzt.
       
       Über die genauen Zahlen der Zivilopfer 2019 wird erst ein neuer
       UN-Jahresbericht Aufschluss geben, der Mitte Februar erwartet wird. Die
       afghanische Menschenrechtskommission kritisierte bereits diese Woche die
       eigene Regierung für die Zunahme der von ihr verursachten zivilen Opfer.
       Demzufolge seien 2019 485 Afghan:innen von Kabuls Luftstreitkräften getötet
       und 265 verwundet worden.
       
       Unterdessen treten die [4][Verhandlungen] zwischen den USA und den Taliban
       in Katars Hauptstadt Doha wegen Uneinigkeit um die Modalitäten einer
       Waffenruhe auf der Stelle. Die Taliban hatten sich jüngst noch optimistisch
       gezeigt, dass bis Ende Januar ein Truppenabzugsabkommen unterzeichnet
       werden könnte.
       
       31 Jan 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://twitter.com/Zalmay_Afg/status/1221429820908867584
 (DIR) [2] https://twitter.com/azamweb/status/1221337517783310336
 (DIR) [3] https://www.sigar.mil/
 (DIR) [4] /Verhandlungen-zwischen-USA-und-Taliban/!5657508
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Ruttig
       
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