# taz.de -- Urbane Kämpfe und Digitalisierung: Der Turmbau zu Berlin
       
       > Amazon will den Berliner Standort ausbauen. Dagegen formiert sich
       > Widerstand. Könnte es gerade in Berlin gelingen, den Tech-Riesen
       > aufzuhalten?
       
 (IMG) Bild: So soll er aussehen: der Glasturm
       
       Der Turm wackelt einmal, er wackelt zweimal, dann kippt er um. Der Bär und
       die Superheldin mit Boxhandschuhen reißen die Arme zur Siegerpose in die
       Luft. K.o. in der ersten Runde! Sie treten noch mal nach, die Bestandteile
       des Turms fliegen über den Boden. Zwölf Pappkartons, jeder bedruckt mit dem
       Logo eines der berühmtesten Unternehmen unserer Zeit: der zum Lächeln
       gebogene Amazon-Pfeil – nur dass hier die Mundwinkel nach unten zeigen.
       
       Was sich an diesem vorweihnachtlichen Samstag hier auf dem Mittelstreifen
       der Warschauer Straße kurz vor der Warschauer Brücke in Friedrichshain
       abspielt, gehört zur [1][ersten öffentlichen Protestaktion] gegen den
       sogenannten Amazon Tower. Im Oktober wurde bekannt, dass der
       Versandhandelsriese 28 von 35 Stockwerken in einem 140 Meter hohen Büroturm
       beziehen will, der bis 2023 an der Warschauer Brücke entstehen wird.
       
       3.400 Amazon-Angestellte sollen hier arbeiten. Der „Edge East Side“
       betitelte Turm bildet eine Art Finale des Investorenprojekts Mediaspree,
       die in den 1990er Jahren erdachte Umgestaltung des Spreeufers zugunsten der
       Ansiedlung großer Medien- und Unterhaltungskonzerne.
       
       Die Simulationen, auf denen der fertige Turm zu sehen ist, wirken
       unwirklich, wie ein abgedrehter Kleine-Jungs-Traum von Singapur in Berlin.
       Doch während hier auf dem Mittelstreifen der Warschauer Straße die
       Pappkartons fliegen, ragen 300 Meter weiter zwei sonnengelbe Seilbagger in
       die Luft: Die Untergrundarbeiten für den Turmbau haben bereits begonnen.
       
       Florian Schmidt, grüner Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, hatte im
       Herbst noch versucht, einen Neustart für das Projekt zu erreichen: Die
       eingereichten Pläne für die Gestaltung des Turms wichen deutlich von den
       ursprünglichen Vereinbarungen ab, warf er den Bauherren vor. Doch Schmidt
       wurde vom Senat zurückgepfiffen: Für eine nachträgliche Entziehung des
       Baurechts fehle “die Rechtsgrundlage“. Spätestens seit dieser Ansage ist
       klar: Der Turm kommt.
       
       Bleibt die Frage, wer dort einzieht.
       
       An einem Mittwochabend Ende November findet das erste öffentliche Treffen
       der neuen Kampagne „Berlin vs Amazon“ statt, im Hinterzimmer einer Kneipe
       auf dem RAW-Gelände drängen sich rund 50 Menschen. Eine Frau mit kurzen,
       platinblonden Haaren stellt die Pläne für den Turm vor, ein Mann in
       rot-weißer Trainingsjacke berichtet von Protesten gegen Amazon in New York
       und London, es gibt einen Vortrag über das Konzept „Webtech-Urbanismus“. Am
       Ende werden Terminkalender gezückt, Verabredungen getroffen und
       Arbeitsgruppen gegründet.
       
       Auf einem der abgewetzten Ledersofas sitzt Laura Wadden und hört aufmerksam
       zu. Wadden, die vor sieben Jahren aus den USA nach Berlin zog, hatte schon
       die [2][Proteste gegen den Google-Campus] in Kreuzberg 2018 verfolgt. An
       denen gegen Amazon will sie sich selbst beteiligen. „Es gibt ungefähr eine
       Million Gründe, warum dieses Unternehmen böse ist“, sagt die 32-Jährige.
       
       In der Tat gibt es wenige Firmen, die so oft [3][in der Kritik stehen] wie
       Amazon. Und das für eine ganze Palette von Punkten von der [4][Missachtung
       von Arbeitsschutzgesetzen] über die [5][Vernichtung von Neuwaren] bis hin
       zu [6][Steuervermeidung im großen Stil] oder der [7][Zusammenarbeit mit
       Abschiebebehörden]. Für die Aktivist:innen der Kampagne Berlin vs Amazon
       genug Gründe, den geplanten Einzug des Versandhandelskonzerns in den Turm
       an der Warschauer Brücke verhindern zu wollen – die befürchteten
       Aufwertungsprozesse für die angrenzenden Kieze kommen noch hinzu.
       
       ## Vom Silicon Valley nach Berlin
       
       Ihr Vorhaben, gegen dieses Unternehmen selbst aktiv zu werden, hat Wadden
       ein paar Woche nach dem Treffen in die Tat umgesetzt: Sie ist die Frau, die
       als Superheldin verkleidet den Pappkarton-Turm erledigt; in der übrigen
       Zeit des Aktionstags steht sie am Infotisch, verteilt Broschüren an
       interessierte Passanten.
       
       Für das Gespräch mit der taz schlägt Wadden, dunkle Haare, dunkler
       Lippenstift, den Besprechungsraum der Neuköllner Co-Working-Etage vor, in
       die sie sich eingemietet hat. „Die gute Art von Co-Working“, sagt sie bei
       der Begrüßung schnell und lacht, wissend um den Gentrifizierer-Ruf, den
       solche Orte in Berlin haben.
       
       „Als ich von den Plänen für den Amazon Tower gelesen habe, stieg eine Art
       Panik in mir hoch“, sagt Wadden. Bevor die 32-Jährige nach Berlin zog,
       studierte sie an der Stanford Universität, direkt im Silicon Valley. „Ich
       habe gesehen, was es mit einer Stadt macht, mit einer ganzen Region, wenn
       diese Unternehmen übernehmen.“
       
       Laura Wadden wohnte damals in San Francisco in einer zum Zimmer
       umfunktionierten ehemaligen Speisekammer in einem Hausprojekt. Dafür zahlte
       sie 500 Dollar im Monat und wohnte damit rund 50 Prozent günstiger als die
       meisten ihrer Freunde. „Die wenigen verbliebenen Hausprojekte gehören zu
       den letzten Orten in San Francisco, wo Wohnen noch erschwinglich ist“, sagt
       Wadden.
       
       Während ihrer Zeit in der Stadt spitzte sich der Konflikt um die
       [8][Verdrängungsprozesse in der Bay Area] immer weiter zu. In San Francisco
       sei durch ihren eigenen Freundeskreis eine Linie verlaufen, mal mehr, mal
       weniger sichtbar: „Es war immer klar, wer zu denen gehört, die in der Stadt
       bleiben können, und wer zu denen, die über kurz oder lang wegziehen werden
       müssen.“
       
       Dabei sei sie selbst wie auch ihr Freundeskreis noch vergleichsweise
       privilegiert gewesen. Die Entwicklung in der Bay Area sei so absurd, dass
       man es sich von außen kaum vorstellen könne: „San Francisco ist eine Stadt,
       in der die Angestellten des Rathauses morgens um drei Uhr aufstehen müssen,
       weil sie aufgrund der Mieten so weit weg wohnen, dass ihr Arbeitsweg
       mehrere Stunden dauert.“
       
       Wadden ist selbst Software-Entwicklerin, und gerade deswegen überzeugt,
       dass es Alternativen zu den großen Monopolisten braucht. „Im Moment ist es
       fast unmöglich, an Amazon und Google vorbeizukommen, selbst wenn man es
       möchte. So, wie diese Unternehmen Städte übernommen haben, haben sie auch
       das Internet übernommen.“
       
       Mit einer Freundin hat Laura Wadden in diesem Jahr ein eigenes Unternehmen
       gegründet: LaceWing Tech bietet technische Infrastruktur für kleine und
       mittlere Unternehmen und Teams, die Wert auf Datensicherheit bei
       gleichzeitiger Benutzerfreundlichkeit legen – ohne Google & Co.
       
       Mit den Entwicklungen in der Bay Area, die Wadden selbst zu spüren bekam,
       beschäftigt sich Katja Schwaller seit vielen Jahren. Die Schweizer
       Stadtforscherin promoviert an der Stanford University, im Juni 2019 hat sie
       unter dem Titel „Technopolis – Urbane Kämpfe in der San Francisco Bay Area“
       [9][einen Sammelband herausgebracht], der in Deutschland bei Assoziation A
       erschienen ist.
       
       „Die Bay Area kann als warnendes Beispiel dienen“, sagt Schwaller. „Statt
       den Tech-Giganten den roten Teppich auszurollen, gilt es, ihren Expansions-
       und Vereinnahmungsgelüsten schnell und resolut entgegenzustehen.“ Hoffnung
       mache ihr die wachsende internationale Vernetzung der Protestbewegung, die
       auch Aktivist:innen in Städten wie San Francisco oder Seattle Auftrieb
       gebe, Orte also, in denen nicht wenige den Kampf schon verloren glaubten.
       
       Und: Zunehmend werde der Protest gegen das Gebaren der IT-Monopolisten von
       Menschen außerhalb und innerhalb der Tech-Branche gemeinsam getragen: etwa
       wenn der Kampf gegen Verdrängung und der für faire Arbeitsbedingungen
       innerhalb der Unternehmen verbunden werden oder wenn die Angestellten
       gemeinsam mit antirassistischen Gruppen gegen die Kooperation ihrer
       Arbeitgeber mit der amerikanischen Immigrationspolizei ICE protestieren.
       
       Genau in dieser Solidarisierung zwischen verschiedenen Gruppen –
       spezialisierten IT-Fachkräften, den oft schlecht bezahlten übrigen
       Angestellten, Anwohner:innen, politischen Aktivist:innen – könnten die
       Protestbewegungen ihr größtes Potenzial entfalten, glaubt Schwaller. Auch
       Wadden, die die Berliner Tech-Szene gut kennt, hofft auf eine Politisierung
       dieser Branche: „Es geht nicht darum, dass Tech-Angestellte sich
       individuell schuldig fühlen müssen, weil sie in diesen Jobs arbeiten“, sagt
       sie. „Aber ich hoffe, dass mehr und mehr von ihnen den größeren Kontext
       ihrer Arbeit sehen und anfangen, solidarisch zu handeln.“
       
       ## Schulterschluss zwischen Tech-Arbeiter:innen und Bewegung
       
       Bisher war von einem solchen Schulterschluss in Berlin allerdings wenig zu
       sehen. So [10][erfolgreich die Proteste gegen den Google-Campus] in
       Kreuzberg waren, gingen sie doch weitestgehend von den üblichen Kreisen der
       Antigentrifizierungsbewegung aus – ein Brückenschlag zu den
       Google-Mitarbeiter:innen selbst oder zur Tech-Branche insgesamt wurde nicht
       versucht.
       
       Überhaupt: Tech-Szene und Berliner Mietenbewegung – auf den ersten Blick
       passt das nicht so recht zusammen. Das hat schon damit zu tun, dass Erstere
       sehr viel internationaler ist als Zweitere: Obwohl unter den vielen
       Menschen, die in den vergangenen Jahren nach Berlin gezogen sind, auch
       viele linke Aktivist:innen sind, bleiben die Szenen oft noch merkwürdig
       getrennt, ist die Recht-auf-Stadt-Bewegung meist mehrheitlich deutsch. Die
       manchmal etwas unterkomplex daherkommenden Beißreflexe des
       Antigentrifizierungsprotests gegenüber „englischsprachigen Hipstern“ mögen
       daran ihren Anteil haben.
       
       Doch es gibt auch dazu gegenläufige Entwicklungen: Die Aktivist:innen
       gegen den [11][Immobilienkonzern Akelius] beispielsweise haben längst
       festgestellt, dass es sich lohnen kann, die von Verdrängung bedrohten
       Altmieter:innen der Akelius-Wohnungen mit denen zusammenzubringen, die
       frisch aus dem Ausland nach Berlin gezogen, in einer der luxussanierten
       Immobilien des Konzerns gelandet sind. Denn auch wenn diese Neumieter
       vergleichsweise viel verdienen – etwa als gut bezahlte
       Software-Entwickler:innen –, sind [12][längst nicht alle glücklich damit,
       Mieten von 20 Euro pro Quadratmeter zu bezahlen]. Manchmal sind es auch
       Unkenntnis und Überforderung durch den Berliner Wohnungsmarkt, die frisch
       Zugezogene in diese Abzocke-Wohnungen treiben.
       
       Und auch in der Berliner Tech-Szene bewegt sich etwas. Einer, der dafür
       verantwortlich ist, sitzt an diesem Montag im Dezember vor einer dampfenden
       Schale chinesischer Nudelsuppe, im Rücken die Backsteinwand des
       Restaurants in der Brunnenstraße in Mitte. Yonatan Miller kam vor vier
       Jahren aus New York nach Berlin, heute arbeitet der Software-Entwickler
       gleich um die Ecke für einen Carsharing-Anbieter.
       
       „Ich war schon in New York weitgehend desillusioniert, was die glänzenden
       Versprechungen der Branche angeht“, sagt Miller, der auch schon für
       Facebook gearbeitet hat. „Hinter den ganzen funkelnden Apps steckt eine
       Menge Arbeit, die eintönig ist, kräftezehrend oder schlecht bezahlt.“
       
       Yonatan Miller ist 26 Jahre alt, er wirkt deutlich älter, was damit zu tun
       hat, wie er sich ausdrückt, in wohlüberlegten, reflektierten Sätzen
       nämlich, die er mit leiser Stimme vorbringt. Politisch aktiv sei er schon
       lange, erzählt Miller, in den USA sei er Teil der Solidaritätsbewegung für
       die [13][Whistleblowerin Chelsea Manning] gewesen. Weil er auch die
       technische Seite der Geschehnisse rund um die Wikileaks-Informantin
       verstehen wollte, lernte er programmieren.
       
       Im Jahr 2014 gründeten die Cafeteria-Mitarbeiterin Rachel Mendeles und der
       Entwickler Matt Schaefer die [14][Tech Workers Coalition] in San Francisco.
       Schon im Namen der Organisation liegt ein Angriff auf die Ideologie des
       Silicon Valley, die den IT-Spezialist:innen das Gefühl vermitteln soll, sie
       seien eben keine Arbeiter, sondern nähmen an einer Art hochbezahltem
       Kreativworkshop teil – ganz im Unterschied zu den tausenden Menschen im
       Silicon Valley, die dafür sorgen, dass die Fitnessräume und Büros sauber,
       die Bedienung in der Cafeteria schnell oder der Süßigkeitenautomat stets
       gefüllt sind.
       
       Nach der Bay Area, Seattle oder Boston sowie Chat-Gruppen mit mehreren
       tausend Mitgliedern gibt es seit Juni 2019 auch einen Ableger der Tech
       Workers Coalition in Berlin – ins Leben gerufen von Yonatan Miller. Er holt
       sein Handy raus und liest die lange Liste von Anliegen vor, die die Gruppe
       schon bei ihrem ersten Treffen gesammelt hat: Arbeitsausbeutung in
       Start-ups, Diskriminierung muslimischer Programmierer, befristete Verträge,
       Mobbing. Mehr als 20 Punkte umfasst die Liste.
       
       Eine anonymisierte Abfrage der Nettogehälter der Teilnehmer:innen habe
       eine Bandbreite von 38.000 bis 78.000 Euro Jahreseinkommen ergeben. „Es
       gibt in der Tech-Branche enorme Unterschiede, nicht nur zwischen
       Programmierern und sonstigen Angestellten, sondern auch innerhalb der
       IT-Arbeiter“, sagt Miller.
       
       Mehr oder wenig sichtbare Spaltungslinien, eine multinationale und stark
       fluktuierende Belegschaft, Outsourcing, Selbstausbeutung, vordergründig
       flache Hierarchien: Es gibt viele Faktoren, die eine Organisation der
       Arbeitnehmer:innen innerhalb der Tech-Branche erschweren. Yonatan Miller
       will es trotzdem versuchen. Auf die deutschen Gewerkschaften könne er dabei
       nicht warten, sagt er: „Ich weiß, dass da ganz langsam etwas in Bewegung
       kommt, aber bislang gibt es kaum Berührungspunkte zwischen der Tech-Szene
       und den klassischen Gewerkschaften in Deutschland.“
       
       Für Miller ist klar, dass die Organisation von Tech-Angestellten selbst und
       der Protest gegen die Auswirkungen der Unternehmen, in denen sie arbeiten,
       zusammengebracht werden müssen. Als die Tech Workers Coalition Ende
       November gemeinsam mit anderen Gruppen zur „1. Berliner Versammlung gegen
       Tech-Kapital“ einlud, war der Veranstaltungsraum am Kottbusser Tor bis auf
       den letzten Platz besetzt. Der wichtigste Tagesordnungspunkt: die Kampagne
       Berlin vs Amazon.
       
       Auch in den zahlreichen Vorhaben der Tech Workers Coalition für das Jahr
       2020 nimmt die Amazon-Kampagne einen wichtigen Stellenwert ein. Miller weiß
       allerdings auch von den schon erwähnten Berührungsängsten zu berichten:
       „Als wir das erste Mal an einem Treffen der Amazon-Gegner teilgenommen
       haben, war der Empfang ziemlich frostig“, sagt er. Junge, US-amerikanische
       Software-Entwickler – das stoße bei einigen Berliner Linken offenbar erst
       mal auf Skepsis.
       
       Mittlerweile sei die Stimmung aber schon freundlicher geworden. Miller
       glaubt, dass die Proteste nur gewinnen können, wenn sie Tech-Arbeiter:innen
       mit einbeziehen. „Es wird zum Beispiel wichtig sein, sich anzuschauen, wo
       Amazon die Angestellten rekrutiert, die in den neuen Tower ziehen sollen“,
       sagt er. „Absageschreiben, die den angebotenen Job mit Verweis auf den
       durch Amazon angerichteten Schaden ablehnen, könnten ein sehr effektives
       Mittel sein“.
       
       Das sieht auch Katja Schwaller so: „Zusammenschlüsse von
       Basisgewerkschaften, kritischen Tech-Arbeiter:innen und
       Antigentrifizierungsaktivist:innen bieten ein großes Potenzial“, sagt die
       Wissenschaftlerin. Das habe etwa der Protest im New Yorker Stadtteil Queens
       gezeigt, wo der Widerstand gegen das geplante Amazon-Hauptquartier so
       massiv war, dass [15][der Konzern seine Pläne im Februar 2019 aufgeben
       musste].
       
       Der erfolgreiche Protest in New York ist auch Vorbild für die
       Aktivist:innen in Berlin. Gerade Menschen wie Laura Wadden und Yonatan
       Miller, die aus dem Ausland hergezogen sind, haben große Hoffnungen in das
       hiesige Widerstandspotenzial: „Wenn es nicht in Berlin funktionieren wird,
       wird es nirgendwo funktionieren“, sagt Miller. Angesichts der vielfältigen
       Protestgeschichte und -szene in Berlin habe sie Hoffnungen, dass die Stadt
       sich im Kampf gegen die Tech-Giganten behaupten werde, sagt Wadden. „Ich
       glaube, dass Berlin ein einzigartiger Ort ist, der eine starke und populäre
       Bewegung gegen diese Entwicklungen hervorbringen kann.“
       
       Dass es ein einfacher Kampf wird, glaubt allerdings niemand: „Amazon ist
       ein sehr mächtiger Gegner“, sagt Miller. Anders als Google, wo das frühere
       Firmenmotto „Don’t be evil“ verdeutlichte, wie wichtig dem Konzern ein
       positives Image ist – was auch den Berliner Aktivist:innen eine
       Angriffsfläche bot –, sei Amazon schlechte Presse längst gewohnt.
       
       Doch ganz egal scheint dem Konzern sein Image nicht zu sein. „Egal wo wir
       tätig sind und in Zukunft tätig sein werden – unser Ziel ist immer, ein
       guter Nachbar zu sein“, sagt eine Sprecherin des Unternehmens auf
       taz-Anfrage. Die Kritik an den Berliner Plänen nehme die Firma ernst, „wir
       möchten, dass mit uns gesprochen wird anstatt über uns“. Amazon sei „ein
       guter Arbeitgeber“, der in Deutschland mehr als 20.000 festangestellte
       Mitarbeiter:innen beschäftige. Und diese wiederum seien gute Menschen:
       „Unsere Mitarbeiter engagieren sich auf vielfältige Weise, etwa in der
       Zusammenarbeit mit lokalen Tafeln und der Arche“, betont die Sprecherin.
       
       ## Berlin setzt auf die Digitalisierungsbranche
       
       Doch die Frage ist nicht nur, inwiefern sich der Konzern selbst empfänglich
       für Kritik zeigen wird. Sondern auch, inwiefern ihm die Stadt „den roten
       Teppich ausrollt“, wie Katja Schwaller es nennt. Dass die Ansiedlung großer
       Tech-Unternehmen von Wirtschaftsvertreter:innen begrüßt wird, ist klar. Als
       Baustadtrat Florian Schmidt sich im Herbst erlaubt hatte, an der
       Berlin-Kompatibilität der Pläne für den Büroturm zu zweifeln, forderte Jan
       Eder, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, der Senat müsse das
       Projekt zur Chefsache machen. „Investoren werden abgeschreckt statt
       begrüßt. Das ist eine wirtschaftspolitische Harakiri-Strategie mit weltweit
       negativer Ausstrahlung“, so Eder [16][damals in der Morgenpost].
       
       Mit Ramona Pop hat Berlin eine grüne Wirtschaftssenatorin – doch ob diese
       in einem solchen Streit der Position ihres Parteikollegen Florian Schmidt
       zugeneigt ist, darf bezweifelt werden. Eine Anfrage der taz dazu, welche
       Strategie die Senatsverwaltung für Wirtschaft bezüglich des Zuzugs großer
       Tech-Unternehmen verfolgt, lässt diese unbeantwortet. Doch Pop hat schon
       oft deutlich gemacht, dass sie in Berlin ganz besonders auf die
       Digitalisierungsbranche setzt.
       
       In einem im November erschienenen [17][Gastbeitrag für die Zeitung Die
       Welt] etwa spricht die Senatorin in den höchsten Tönen von dem „Berliner
       Boom“, davon, wie in Berlin der „Strukturwandel“ gelinge und sich die Stadt
       insbesondere dank Tech- und Start-up-Branche über wirtschaftliches Wachstum
       freuen könne. Am Ende des Textes wird zwar erwähnt, dass diese Entwicklung
       auch Schattenseiten habe: „Höhere Lebenshaltungskosten gefährden einen
       Standortvorteil der Stadt“, heißt es da. Wie genau die Senatorin aber
       wirtschaftlich steuern möchte, um diese Entwicklungen zu verhindern, lässt
       sie offen.
       
       Die überschwänglichen Töne, in denen auch Berliner Politiker:innen die
       Tech-Unternehmen begrüßen, beobachtet Wadden mit Sorge. „Das ist der
       gleiche schreckliche Fehler, den die Demokraten in den USA gemacht haben“,
       sagt sie. „Sie glauben, dass die Tech-Branche zu ihnen passt, weil sie
       [18][die gleichen liberalen Werte] teile. Aber wenn man sich anschaut, wie
       diese riesigen Konzerne funktionieren und was sie anrichten, wird klar,
       dass sie zutiefst antidemokratisch sind.“
       
       Sie betont, wie viel die Stadt zu verlieren habe: „Als ich nach Berlin zog
       und den öffentlichen Nahverkehr hier sah, habe ich gedacht: Oh, diese Dinge
       können also auch tatsächlich funktionieren“, sagt sie und lacht. Sie hofft,
       dass Berlin einen anderen Weg einschlagen wird als Städte wie San
       Francisco, wo die Mitarbeiter:innen der Tech-Unternehmen in privaten
       Shuttle-Bussen zu ihren Arbeitsplätzen gefahren werden, während der
       öffentliche Nahverkehr von Jahr zu Jahr mehr verfällt. Oder Seattle, wo
       die Ansiedlung von Tech-Unternehmen wie Amazon die Mietpreise so
       explodieren ließ, dass heute Mittelschichtsfamilien gezwungen sind, in
       ihren Autos zu leben.
       
       Wadden weiß, dass es in Deutschland [19][mehr Regulierung gibt], mehr
       Mieterschutz, weniger Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge als in
       den USA. Trotz dieser schützenden Faktoren hat sie Angst vor dem, was die
       Ansiedlung großer Tech-Unternehmen auch in Berlin bedeuten könnte. „Deals
       mit diesen Unternehmen zu schließen bedeutet, einen Pakt mit dem Teufel
       einzugehen“, sagt sie. „Sie werden sich nicht um deine Stadt scheren, sie
       werden sich nicht um die Allgemeinheit scheren, sie werden sich um gar
       nichts scheren außer ihren eigenen Profit, egal was sie vorher
       versprechen.“
       
       Dass es nicht leicht werden wird, eine solche Entwicklung aufzuhalten,
       wissen Wadden, Miller und die anderen ganz genau. Versuchen wollen sie es
       umso entschlossener. Der Turm wackelt einmal, er wackelt zweimal, dann
       kippt er um.
       
       14 Jan 2020
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [16] https://www.morgenpost.de/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/article227404009/BerlinFriedrichshain-Florian-Schmidt-Gruene-will-Amazon-Turm-Edge-East-Side-blockieren.html
 (DIR) [17] https://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article203598882/Gastkommentar-Warum-nur-boomt-Berlin.html
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 (DIR) Richtfest für den Amazon-Tower: Von oben sieht man ihn nicht
       
       Berlins höchstes Hochhaus ist im Rohbau fertig. Ende nächsten Jahres sollen
       bis zu 4.000 Amazon-Mitarbeiter einziehen.
       
 (DIR) Künstler*innen über Amazon in Berlin: „Eine komplett neue Erfahrung“
       
       Der Gratis-Audiowalk „Alexa, wo bin ich?“ wirft Fragen um Gentrifizierung
       und Datensicherheit auf. Geführt wird die Tour vom Sprachassistenten Alexa.
       
 (DIR) Rückzug von Amazon-Chef Bezos: Von Roosevelt lernen
       
       Amazon-Chef Jeff Bezos zieht sich zurück. Doch das Problem bleibt. Der
       Onlinekonzern aus Seattle hat zu viel Geld und zu viel Macht.
       
 (DIR) Tech-Worker über Berlin vs. Amazon: „Amazon greift nach Grundrechten“
       
       Alexa, überwachst du uns? Amazon will in Berlin ein Zentrum für
       Abhörtechnik aufbauen. Der Software-Entwickler Yonatan Miller protestiert
       dagegen.
       
 (DIR) Protest gegen Amazon-Tower: Kampf dem Turm
       
       Rund 500 Menschen demonstrieren am Samstag gegen den Bau des
       Amazon-Hochhauses an der Warschauer Brücke. AnwohnerInnen fürchten
       Verdrängung.
       
 (DIR) Protest gegen Luxussanierung: Bezahlbaren Wohnraum zerstört
       
       Ein Haus soll luxuriös ausgebaut werden. Die Baustelle geht Mietern
       gewaltig auf die Nerven – manche ziehen aus. Ein Fallbeispiel aus
       Prenzlauer Berg.
       
 (DIR) Stadtentwicklung und Gentrifizierung: Kein Kampf gegen Windmühlen
       
       Amazon will in das geplante Hochhaus an der Warschauer Brücke ziehen. Die
       Kampagne Berlin vs. Amazon möchte das verhindern.
       
 (DIR) Adventsstreik bei Amazon: Vorweihnachtlicher Arbeitskampf
       
       Mit einer mehrtägigen Arbeitsniederlegung in Rheinberg und Werne versucht
       Verdi, den Onlineversandhändler Amazon unter Druck zu setzen.
       
 (DIR) Sammelband „Technopolis“: Geplünderte Urbanität
       
       Wie verändern sich Kapitalismus und Städte? Das kann man gut im Silicon
       Valley rund um IT-Giganten wie Apple, Facebook und Google beobachten.