# taz.de -- Filmempfehlung für Berlin: Rundumblick von den Rändern
       
       > Beim Festival „Unknown Pleasures“ werden im Arsenal und im Kino Wolf
       > selten zu sehende US-Independent-Filme älteren und neueren Datums
       > präsentiert.
       
 (IMG) Bild: Elisabeth Moss als Punk-Sängerin in Alex Ross Perrys „Her Smell“ (2018)
       
       Die Freiheitsstatue ist vage am Horizont zu erahnen. José befindet sich
       nicht nur am anderen Ende der Stadt, sondern in einer völlig anderen Welt.
       Sie heißt Brooklyn, aber mit Hipstern in Williamsburg hat sie wenig gemein.
       José ist aus Mexiko gekommen, hat bislang keine Papiere und liefert Essen
       für ein Restaurant namens La Frontera aus.
       
       In Jim McKays Film „En el séptimo día“ ist der siebte Tag, der Sonntag, dem
       Fußball gewidmet. Denn José ist ein begabter Spieler, sein Team hat es bis
       ins Finale eines Lokalturniers geschafft – doch leider gibt ihm sein Chef
       nicht frei. Die Fußballer verbindet indes ein ähnliches Schicksal: Sie alle
       arbeiten für wenige Dollar in Brooklyn, haben mal mehr, mal weniger
       ambitionierte Träume.
       
       „Unknown Pleasures“ sozusagen, womit sich der Film auch auf dieser Ebene in
       das von Hannes Brühwiler zusammengestellte gleichnamige Programm einfügt.
       Zum elften Mal findet „Unknown Pleasures – American Independent Film Fest“
       vom 1. bis zum 16. Januar im Arsenal sowie im Wolf statt und ermöglicht die
       Erkundung von Produktionen, älteren wie neueren Datums, die man
       möglicherweise nicht allzu schnell wiedersehen wird.
       
       ## Beweglicher Protagonist
       
       Ein Film wie „En el séptimo día“ mag für den deutschen Markt zu klein
       sein, doch es gelingt ihm ein genauer, ein randständiger Rundumblick. Denn
       Jim McKay kommt seinen mexikanischen Protagonisten fahrend nahe: José, der
       seine Tage auf dem Fahrrad zubringt, ist die bewegliche Figur des Films.
       
       Mit ihm besucht man nicht nur die Freunde während ihrer Arbeit in Blumen-
       und Gemüseläden (oder einem Geschäft für Erotikartikel samt Videokabinen),
       sondern auch die zu beliefernden Kunden. Unsympathische junge Menschen in
       Start-up-Unternehmen, die ihre Bestellung aus dem Auto aufgeben und nicht
       anwesend sind, wenn Josés Speisen eintreffen – ohne einen Gedanken an den
       Lieferanten zu verschwenden, der im Grunde keine Zeit hat, zu warten. „En
       el séptimo día“ wechselt ganz selbstverständlich die Perspektive, ohne
       beiläufig zu sein.
       
       Eine Aufgabe, die auch Henry Graham (Walter Matthau) in Elaine Mays
       wunderbarem Film „A New Leaf“ (1971) bevorsteht. May, der das Festival mit
       insgesamt vier Filmen einen Schwerpunkt gewidmet hat, spielt in ihrem
       Regiedebüt die Hauptrolle. Sie ist Henrietta Lowell, eine wohlhabende
       Botanikerin, nerdig und unfreiwillig gesellschaftlich unangepasst. Henry
       Graham beschreibt sie so: „Rich, single, isolated.“ Und sich selbst: „All I
       am – or was – is rich. And that’s all I ever wanted to be.“ Aussagen,
       anhand derer klarwerden könnte, was Henry an Henrietta interessiert.
       
       Der deutsche Verleihtitel verrät mehr: „Keiner killt so schlecht wie ich“.
       May, die, bevor sie eine eigene, seltene Karriere als Hollywoodregisseurin
       begann, ein Comedy-Duo mit Mike Nichols („The Graduate“) bildete, beweist
       in „A New Leaf“ nicht nur eine große Begabung für das Schreiben von
       Dialogen – und Walter Matthau ist die perfekte Besetzung für lange,
       komische Lines –, auch ihrem Spiel zuzusehen ist erfrischend.
       
       Die Begegnung der Pflanzenexpertin auf der Suche nach bisher unentdeckten
       Spezies mit dem ewigen Junggesellen Henry, der eigentlich nichts anderes
       möchte, als seinen ausschweifenden Lebensstil fortzuführen, ist eine auf
       Inkompatibilität angelegte Komödie: Der Strumpfhalter tragende Gentleman
       trifft auf die Wissenschaftlerin mit zerwühlter Frisur, die daran
       scheitert, Arm- und Kopfloch ihrer Robe auseinanderzuhalten. Die Entdeckung
       Elaine Mays lohnt.
       
       ## Höhepunkt des Wahnsinns
       
       Ebenso wie Alex Ross Perrys neues Werk „Her Smell“ (2018). Wie schon in
       seinem Film „Queen of Earth“ (2015) brilliert abermals Elisabeth Moss, die
       hier als Mischung aus Courtney Love und Genesis P-Orridge auftritt. Sie ist
       Frontfrau der 1990er-Jahre-Punkband Something She, die nach einer
       Erfolgswelle den Boden unter den Füßen verliert. Einen Boden, den es
       vielleicht nie gab. Perry erwischt sie auf dem Höhepunkt des Wahnsinns, wo
       backstage perfide Streitereien ausgefochten werden, während Schamanen
       Rituale vollziehen. Im Hintergrund stets: tobende Fans.
       
       Perry zeigt das Leben Beckys anhand einiger langer Sequenzen, die alle eine
       andere Facette der Künstlerin (und von Elisabeth Moss’ Talent) hervorheben.
       Das Milieu um die Musikerinnen samt zähnefletschendem Management ist
       anstrengend und fiebrig, und wenn der US-amerikanische Filmkritiker J.
       Hoberman über „A New Leaf“ schreibt, es handle sich um ein „vernichtendes
       feministisches Psychodrama“, so könnte dies bisweilen auch auf „Her Smell“
       zutreffen.
       
       Doch obwohl die Bänder zwischen den Frauen immer wieder reißen, zwirbelt
       Alex Ross Perry Beckys Comeback letztlich doch aus genau diesem Material.
       Und Auftritte von Agyness Deyn und Cara Delevingne tun ein Übriges. „Her
       Smell“ könnte der glitzernde Abgrund dieses vielseitigen und an Abgründen
       reichen Programms sein, das es sich, wie seine Filme, an keiner Stelle zu
       leicht macht.
       
       31 Dec 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Carolin Weidner
       
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