# taz.de -- Vor der Parlamentswahl in Kanada: Zitterpartie für Justin Trudeau
       
       > Der Wahlkampf für den einst so beliebten Premierminister läuft alles
       > andere als rund. Trudeaus Verhalten lässt an seinem weltoffenen Image
       > zweifeln.
       
 (IMG) Bild: Justin Trudeau spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung in Hamilton
       
       VANCOUVER taz | Die Wahlkampfhilfe kam [1][per Tweet] von Barack Obama.
       Justin Trudeau sei ein hart arbeitender, effektiver Politiker, meinte der
       frühere US-Präsident und fügte fast flehend hinzu: „Die Welt braucht dieser
       Tage seine progressive Führung, und ich hoffe, unsere Nachbarn im Norden
       unterstützen ihn für eine weitere Amtszeit.“ Das ist nach sechs Wochen
       Wahlkampf in Kanada keineswegs sicher.
       
       Am Montag wird in Kanada ein neues Parlament gewählt, und glaubt man
       jüngsten Daten, wird Trudeaus liberale Partei wohl ihre Mehrheit im
       Unterhaus in Ottawa verlieren. Ob der einst so beliebte Premier danach als
       Chef einer Minderheitenregierung weitermachen kann, ist unklar.
       
       Tatsächlich zeigt der Last-Minute-Tweet Obamas, wie eng es für Trudeau
       geworden ist. Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Vor vier
       Jahren angetreten als liberaler Hoffnungsträger und politischer Sonnyboy,
       der Kanada gerechter, femininer und ökologischer machen wollte, leidet
       Trudeau heute unter der Bürde der großen Erwartungen. Dazu kommen diverse
       Skandale und Zweifel an seinem Charakter.
       
       Diese Zweifel wurden auch im Wahlkampf sichtbar. Für Wirbel [2][sorgten
       Fotos], die Trudeau in jungen Jahren bei einer Party mit brauner Schminke
       im Gesicht zeigen und die er selbst als rassistisch wertete. Seine
       Glaubwürdigkeit als weltoffener Politiker, der für Toleranz und Vielfalt
       steht, hat dadurch deutlich gelitten.
       
       ## Skandale und charakterliche Zweifel
       
       Auch Trudeaus Umgang mit Justizministerin Judy Wilson-Raybould, der ersten
       indigenen Ministerin in diesem Amt, untergrub seinen hohen moralischen
       Anspruch. Trudeau hatte sie unter Druck gesetzt, ein Strafverfahren gegen
       die korrupte Baufirma SNC Lavalin einzustellen, um Jobs in seiner Heimat
       Quebec zu erhalten. Als sie sich weigerte, wurde sie degradiert. Später
       trat sie zurück.
       
       Bei der einzigen englischsprachigen Fernsehdebatte des Wahlkampfes im
       kanadischen Geschichtsmuseum in Gatineau gab Trudeau ein eher blasses Bild
       ab, während sich Kandidaten der kleineren Oppositionsparteien als
       fortschrittlichere Alternativen präsentierten. Seitdem haben sich die lange
       stagnierenden Umfragen merklich verändert.
       
       Laut dem „Poll Tracker“ des Senders CBC, der alle Umfragen zusammenfasst,
       können Trudeaus Liberale nur mit gut 30 Prozent der Stimmen rechnen, fast
       10 Prozentpunkte weniger als 2015. Ebenso viel wird für die Konservativen
       vorhergesagt. Zulegen im Wahlkampf konnten dagegen die Sozialdemokraten,
       die bei knapp 20 Prozent stehen, und der separatistische Bloc Québecois,
       der nur in der französischsprachigen Provinz Québec antritt.
       
       Die beiden letztgenannten Parteien sind wie die unter 10 Prozent liegenden
       Grünen im politischen Mitte-links-Spektrum Kanadas verortet und zehren von
       enttäuschten Ex-Trudeau-Wählern. Die rechnen ihm zwar an, dass er Cannabis
       legalisiert, die Wirtschaft angekurbelt, Minderheiten gefördert und das
       Land offen für Zuwanderer und Flüchtlinge aus aller Welt gehalten hat.
       
       ## Trudeau hielt Versprechen nicht
       
       Doch viele fortschrittliche Kanadier nehmen es Trudeau übel, dass er die im
       Wahlkampf 2015 versprochene Reform des Mehrheitswahlsystems kurzerhand
       absagte, es kaum messbare Verbesserungen für die kanadischen Ureinwohner
       gab und er den Kampf gegen den Klimawandel bestenfalls halbherzig anging.
       
       Zwar führte Trudeaus Regierung eine Steuer auf Treibhausgase und einen
       Zertifikatehandel ein, gleichzeitig stimmte sie aber der Erweiterung der
       umstrittenen Trans-Mountain-Erdölpipeline zu, die von Kanadas Ölsandfeldern
       an den Pazifik führt. Ein Treffen mit der schwedischen Klimaaktivistin
       Greta Thunberg empfanden jetzt viele als anbiedernd.
       
       Bei einem Auftritt im Botanischen Garten in Montréal warnte Trudeau letzte
       Woche seine Anhänger, wer mit kleineren Parteien flirte, werde nach der
       Wahl womöglich mit einer konservativen Regierung aufwachen. „Wir brauchen
       in Kanada eine progressive Regierung und keine progressive Opposition“,
       rief er.
       
       Tatsächlich könnte der konservative Oppositionsführer Andrew Scheer zum
       lachenden Dritten werden. Der 40-Jährige gilt als blass und unscheinbar und
       war im Wahlkampf auch nicht frei von Kontroversen. So besitzt Scheer neben
       dem kanadischen auch einen US-Pass, was Zweifel an seiner Loyalität
       aufkommen ließ.
       
       ## Herausforderer profitiert vom Mehrheitswahlrecht
       
       Wenig mehrheitsfähig in Kanada sind auch seine sozial-konservativen
       Ansichten bei Themen wie Abtreibung oder Homo-Ehe, obwohl er versprach, die
       liberale Rechtslage nicht anzutasten. Doch Scheer profitiert vom
       Mehrheitswahlrecht und den Stimmensplitting im liberalen Lager. Das könnte
       ihm selbst bei einem mittelmäßigen Ergebnis die meisten Sitze bescheren.
       
       Als Spielverderber für Trudeau könnten sich ausgerechnet die Wähler in
       seiner Heimatprovinz Québec erweisen, deren Wahlverhalten traditionell
       stark schwankt. 2015 hatte er dort die meisten Wahlbezirke gewonnen und
       damit den Grundstein für seinen Sieg gelegt. Dieses Mal machten dort vor
       allem die Separatisten von sich reden, die dort mit den Liberalen in
       Umfragen mittlerweile gleichauf liegen.
       
       Das Wahlthema in Québec ist ein Gesetz der Separatisten, das es Beamten und
       Lehrern der Provinz verbietet, bei der Arbeit religiöse Symbole wie den
       Gesichtsschleier zu tragen. Das Gesetz ist in der säkularen Region sehr
       populär. Trudeau hatte als einziger Parteiführer in Aussicht gestellt, sich
       einer Klage von Betroffenen anzuschließen. Das dürfte ihn entscheidende
       Punkte gekostet haben.
       
       21 Oct 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://twitter.com/BarackObama/status/1184528998669389824
 (DIR) [2] /Justin-Trudeaus-Blackfacing/!5627564
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jörg Michel
       
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