# taz.de -- Wagenknechts Rückzug von „Aufstehen“: Denunziatorische Ausfälle
       
       > Die Bewegung „Aufstehen“ hat sich auf Bundesebene zerlegt. Der grüne
       > Mitgründer Ludger Volmer sucht nach Gründen des Scheiterns.
       
 (IMG) Bild: Da waren sie noch ein Herz und eine Seele: Ludger Volmer und Sahra Wagenknecht im September 2018 in der Bundespressekonferenz
       
       Berlin taz | Er war der Grüne an Sahra Wagenknechts Seite. Gemeinsam mit
       der Vorsitzenden der Linksfraktion präsentierte [1][Ludger Volmer] Anfang
       September des vergangenen Jahres in der Bundespressekonferenz das
       „Aufstehen“-Projekt. Es sollte der Startschuss einer „überparteilichen
       Sammlungsbewegung“ sein. Nicht weniger, als die „die Politik zurück zu den
       Menschen“ und „die Menschen zurück in die Politik“ zu bringen, versprachen
       die GründerInnen. Gut ein halbes Jahr später ist davon nicht mehr viel
       übriggeblieben.
       
       Jetzt hat Volmer, neben Ex-Bundestagsvizepräsidentin [2][Antje Vollmer] das
       prominenteste grüne Gesicht bei „Aufstehen“, eine bittere Bilanz verfasst.
       Ein „sektiererisches Anhimmeln von Sahra durch ihre Boyfans“ habe ebenso zu
       dem Desaster beigetragen wie „strategische Manöver einer Strömung der
       Linkspartei“. Der von Wagenknecht-PrätorianerInnen dominierte
       „Aufstehen“-Trägerverein habe eine „Blockadepolitik bis zur offenen
       Sabotage“ betrieben.
       
       Die mehrseitige Abrechnung des früheren Grünen-Vorsitzenden, die der taz
       vorliegt, ermöglicht einen aufschlussreichen Blick in das Innenleben des
       bisherigen Führungszirkels des Projektes. Volmer gehörte dem zentralen
       Arbeitsausschuss von „Aufstehen“ an, der etwa zwei Dutzend Personen
       umfasste. Auch war er Teil des sechsköpfigen politischen Vorstands.
       
       Neben ihm saßen in diesem provisorischen Gremium noch der aus der SPD
       ausgetretene Bundestagsabgeordnete [3][Marco Bülow], der grüne
       Ex-Bundestagsabgeordnete Hendrik Auhagen und die Düsseldorfer
       Basisaktivistin Sabrina Hofmann. Hinzukamen mit Wagenknecht und dem
       Bundestagsabgeordneten Fabio De Masi zwei Mitglieder der Linkspartei.
       
       Bereits am vergangenen Freitag hatten Volmer, Bülow, Auhagen und Hofmann
       eine noch von sieben weiteren bisherigen „Aufstehen“-AktivistInnen
       unterzeichnete [4][„Erklärung zur Situation von Aufstehen“] veröffentlicht,
       in der sie das Scheitern der Sammlungsbewegung auf Bundesebene verkündeten.
       Nun legt Volmer nach. „Von Blockierern und Blockadebrechern“ hat er sein
       Traktat überschrieben – und lässt keinen Zweifel daran, wer für ihn zu
       Ersteren und wer zu Letzteren gehört.
       
       ## Parteiunabhängig oder Vorfeldorganisation?
       
       Seit Monaten habe es hinter den Kulissen bereits heftigen Streit gegeben,
       der sich darin ausgedrückt habe, „dass die Umsetzung von Entscheidungen des
       pluralistisch besetzten politischen Vorstandes durch den Trägerverein der
       Bewegung – dominiert von Mitgliedern und erklärten Anhängern der
       Linkspartei – blockiert wurde“. So habe denn auch der Rücktritt von Sahra
       Wagenknecht am 9. März die Auflösung des „Aufstehen“-Vorstands „nicht
       eingeleitet, sondern besiegelt“. Danach sei den anderen nur noch der
       politische Abgang geblieben.
       
       Eigentlich sollte der von Volmer attackierte Trägerverein nur dazu dienen,
       „die Sammlungsbewegung wirtschaftlich und technisch zu unterstützen“. Auf
       der [5][„Aufstehen“-Homepage] ist denn auch zu lesen: „Im Trägerverein
       werden keine politischen Entscheidungen getroffen“. Doch in der Praxis
       scheint der Verein, dessen Vorsitzender der Berliner Dramaturg Bernd
       Stegemann ist, das eigentliche Machtzentrum von „Aufstehen“ zu sein.
       
       Hintergrund des permanenten Konflikts zwischen dem politischen Vorstand und
       dem Trägerverein war laut Volmer, dass es eine Kontroverse gegeben habe,
       „ob Aufstehen eine sich von unten frei entfaltende, parteiunabhängige
       Bewegung mit offener strategischer Zielsetzung oder eine politische
       Vorfeldorganisation einer bestimmten Strömung der Partei Die Linke sein
       sollte“.
       
       Dieser Streit wurde offenkundig mit harten Bandagen ausgefochten. Volmer
       beklagt eine „massive Denunzierung und Beleidigung von Mitgliedern des
       Vorstandes und Arbeitsausschusses“. Der 67-jährige Politpensionär spricht
       von einer „destruktiven Gemengelage“, für die Wagenknecht eine „nicht
       unerhebliche Verantwortung“ trage: „Ein deutliches Wort an ihre Boyfans
       etwa hätte deren denunziatorische Ausfälle stoppen können.“
       
       ## „Widerliche Erfahrung“
       
       Volmers Anschuldigungen ähneln den Aussagen von [6][Florian Kirner], einem
       weiteren inzwischen ehemaligen Mitglied des „Aufstehen“-Arbeitsausschusses.
       Der Liedermacher und Kabarettist, auch bekannt als „Prinz Chaos II.“,
       rechnete bereits am vergangenen Freitag via Facebook ab. „Das Projekt
       Aufstehen, dessen Führung dann noch dazu auf ganzer Linie versagt hat, war
       effektiv auf den Sand des politischen Betrugs gebaut“, wetterte er.
       
       Auch Kirner unterstellt den Linkspartei-Mitgliedern in der Führung von
       „Aufstehen“, dass es ihnen vor allem darum gegangen sei, „sich Hilfstruppen
       für den parteiinternen Fraktionskampf zu organisieren“. Dabei seien sie
       nicht zimperlich gewesen: „Verleumdungen gegen unliebsame Akteure wurden
       gezielt und flächendeckend in Umlauf gebracht.“
       
       Was Wagenknecht anbetrifft, sei ihm „unklar, inwieweit sie all diese
       Machenschaften in ihrem direkten Umfeld klar hat, ob sie das unterstützt,
       einfach laufen lässt, nicht wahrhaben will oder ausblendet“, so Kirner. Für
       ihn persönlich sei „Aufstehen eine schockierende und in weiten Teilen
       widerliche Erfahrung“ gewesen.
       
       Sahra Wagenknecht hat sich bisher nicht öffentlich zu den Querelen
       innerhalb von „Aufstehen“ geäußert. Ihren Rückzug aus der Spitze des
       Projekts begründete sie in einem am 10. März veröffentlichten Statement
       damit, ihres Erachtens sei „der Zeitpunkt gekommen, an dem wir
       Berufspolitiker uns stärker zurücknehmen und denjenigen mehr Verantwortung
       übergeben sollten, die die Bewegung an der Basis ohnehin tragen“. Sie werde
       allerdings „weiterhin am Erfolg von Aufstehen mitarbeiten“.
       
       21 Mar 2019
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [6] https://www.tagesspiegel.de/politik/aufstehen-vor-dem-aus-sahra-wirkte-im-ganzen-irrsinn-voellig-verloren/24111416.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pascal Beucker
       
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