# taz.de -- Konzertempfehlung für Berlin: Streik Is Not Dead!
       
       > Eine Gruppe Berliner Bühnenarbeiter*innen will ab heute mit einer
       > Konzertreihe zu Arbeitskämpfen den Punk zurück an die Volksbühne bringen.
       
 (IMG) Bild: Britischer Bergarbeiterstreik 1984/1985
       
       Am Anfang war ein Dartturnier, erinnert sich Paul Flagmeier, einer von fünf
       Bühnenarbeitern der Berliner Volksbühne, die heute an ihrem Haus eine neue
       Konzertreihe einleiten: „[1][Vergessene Arbeitskämpfe – Ein Punkabend]“.
       Drei sollen es insgesamt unter diesem Titel werden; dass die Initialzündung
       dazu von einem Präzisionssport kam, der wahrscheinlich aus den
       nordenglischen Pubs des späten 19. Jahrhunderts stammt, passt schon mal.
       
       Flagmeier und Kollegen anderer Berliner Theater hatten sich im vorigen Jahr
       am Ende der Spielzeit zu einer abendlichen Meisterschaft getroffen, dabei
       ausgiebig zeitlosen Punk gehört – „Musik, die wir lieben“, sagt er – und im
       Juni mit der Arbeit begonnen.
       
       In ihrer Freizeit, das war die Bedingung der Intendanz, die sie ansonsten
       schnell von ihrem Vorhaben überzeugen konnten. „Die Resonanz hat uns selbst
       überrascht“, meint Flagmeier, die Idee sprach sich herum, und irgendwann
       waren aus den fünf Leuten 14 geworden.
       
       Den musikalischen Teil des Eröffnungsabends werden zwei Berliner Bands
       bestreiten: Da sind einmal [2][Hyäne], ein Trio, das auf seiner
       Debütsingle im Titel „Stillstand“ sagt, worum es in Punk eben nicht geht
       und was Flagmeier und seine Mitstreiter nicht wollen: „In Geiselhaft der
       Bequemlichkeit / Man beklagt sich gern wenn wieder nichts passiert /
       Komfortzonenaufstand, radikal auf der Jacke / Die Hülle verrät, was du
       gerne wärst.“
       
       Ein anderer Hyäne-Song heißt „Sortiermaschine“, und da wird tatsächlich aus
       einem Begriff aus der Arbeitswelt eine politische Metapher. Der Sound dazu
       ist der einer düster wütenden Dampfmaschine. Ihr Albumdebüt haben Hyäne im
       vorigen Sommer herausgebracht, „Demontage und Zerfall“, auch so ein Titel,
       der Industrielles und Soziales gleichermaßen auf den Tisch bringt. Die
       Musik dazu fällt deutlich diffiziler aus.
       
       Ebenfalls heute Abend zu hören sein werden [3][Imbiß], ein
       Powerpop-Punktrio aus Neukölln. Davor, danach und zum Geleit gibt es
       Schallplattenunterhaltung mit Schnürmeister Kåks, klassischen Schmutz der
       Jahre 1976 bis 1984. Ein ganz normales Punkkonzert soll es dann doch nicht
       werden, aber was war und ist schon normal an Punk?
       
       Zu der Arbeitsgruppe „Punk und Arbeitskämpfe“ gehören mittlerweile auch die
       Volksbühnendramaturgin [4][Sabine Zielke] und die Schriftstellerin Anna
       Tüne. Im Zuge eines jeden Konzerts wird eines Streik gedacht werden, die
       Redaktion dafür hat Tüne übernommen.
       
       An den Anfang hat sie eine jüngere, sehr aktuelle Auseinandersetzung aus
       Frankreich gesetzt: die Proteste gegen die Werksschließung des
       Automobilzulieferers GM&S in der zentralfranzösischen Kleinstadt La
       Souterraine, deutsch „Die Unterirdische“.
       
       In den siebziger Jahren hatten dort zeitweise 600 Menschen für die Konzerne
       PSA (u. a. Citroën und Peugeot) und Renault geschraubt, jetzt sind es
       gerade mal noch 140. Dazwischen liegen die Ausschlachtung des Werks durch
       wechselnde Besitzer seit den frühen Neunzigern und dagegen immer wieder
       Streiks der Belegschaft.
       
       Im Mai 2017 schließlich [5][zerflexten die Streikenden vor dem blockierten
       Werktor, vor Kameras und Mikrophonen eine gigantische Maschine nach der
       anderen], ließen die Geräte buchstäblich in Feuer zergehen. Dass es sich
       dabei um bereits ausgemusterte, schrottreife handelte, musste in diesem
       Moment erst mal niemand erfahren.
       
       Ihren Produktionsmitteln wären die Leute aus der Unterirdischen, keine
       Maschinenstürmer, nie so zu Leibe gerückt; dafür haben sie mit ihrer Aktion
       gezeigt, welche Wertvernichtung seit Jahren politisch gebilligt und
       gefördert wurde.
       
       Einen Monat darauf kam es im Werksumfeld zu Straßen- und Behördenblockaden;
       Bilder, ähnlich den Protesten der Gelbwesten, die den GM&S-Kollegen wieder
       Mut gemacht haben. Mut, der sie fast schon verlassen wollte, wie Tüne
       bemerkt.
       
       „Es geht um Mut und Wut“, sagt Paul Flagmeier, auch in dem zweiten, weniger
       prominenten Arbeitskampf, der zur nächsten Veranstaltung auf dem Programm
       steht: dem Textilarbeiterinnenstreik von San Antonio, einem Ausstand, der
       von 1959 bis 1963 die texanische Metropole in Atem hielt. „[6][Eine wenig
       damenhafte Angelegenheit, aber bestens angezogen]“ (PDF), diesen Titel hat
       die Wissenschaftlerin Lori A. Flores von der Stanford University ihrer
       diesbezüglichen Arbeit gegeben.
       
       Das Besondere für Flores daran ist, dass es sich hier nicht nur um den
       ersten von einer mexikanisch-US-amerikanischen Aktivistin geführten Streik
       gehandelt habe, sondern um den ersten, bei dem Mexikanerinnen und
       Angloamerikanerinnen gemeinsam Posten bezogen. „Unglaubliche Geschichten“,
       meint Paul Flagmeier. Und fügt an: „Wir schreiben uns nicht auf die Fahne,
       die Welt erklären zu wollen.“
       
       Den Abschluss der Reihe wird der [7][britische Bergarbeiterstreik von
       1984/85] bilden. Punksozialisierten sollte er bekannt sein, denn es waren
       auch Bands und Musiker, die sich dort solidarisch zeigten. So die
       Anarchopunks von [8][Crass] oder die isländische Band [9][Kukl] mit einer
       jungen Sängerin, ihr Name: Björk; beide sind für die Bergleute aufgetreten.
       
       Auch nicht lumpen ließen sich Test Department, die Einstürzenden Neubauten
       Londons, nur dezidiert politischer und kollektivistischer als ihre Berliner
       Kollegen. [10][Test Department] haben damals mit dem South Wales Striking
       Miners Choir das Album „Shoulder to Shoulder“ aufgenommen und schickten
       zwei weitere zum Thema hinterher.
       
       Wer mag, kann darin schon eine Trilogie sehen. Oder die Folkpunks um
       [11][The Mekons] aus Leeds, die mit „Fear and Whiskey“ ein vom Streik
       beeinflusstes Album veröffentlichten. Sowohl von ihnen als auch von Test
       Department stehen im Frühjahr neue Platten an. Das muss kein Zufall sein.
       
       Dieser Text erscheint im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg
       immer Donnerstags in der Printausgabe der taz
       
       14 Feb 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/7336/vergessene-arbeitskaempfe-ein-punk-abend-die-tapferen-kaempfe-in-der-unterirdischen
 (DIR) [2] https://hyaene.bandcamp.com/
 (DIR) [3] http://tanztihrschweine.de/
 (DIR) [4] https://www.volksbuehne.berlin/de/service/team/431/sabine-zielke
 (DIR) [5] /!5408938/
 (DIR) [6] https://static1.squarespace.com/static/55078b91e4b06b38c8c4070c/t/5611912ae4b0671bb4190b2c/1443991850612/AnUnladylikeStrike.pdf
 (DIR) [7] https://de.wikipedia.org/wiki/Britischer_Bergarbeiterstreik_1984/1985
 (DIR) [8] https://web.archive.org/web/20101206011442/http://www.southern.com/southern/label/CRC/
 (DIR) [9] https://de.wikipedia.org/wiki/KUKL
 (DIR) [10] https://testdept.org.uk/
 (DIR) [11] https://en.wikipedia.org/wiki/The_Mekons
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Mießner
       
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