# taz.de -- Krätze in Lüneburg: Der Spiegel der Seele
       
       > Die Kratzmilbe verbreitet sich gerade gehäuft im Nordosten
       > Niedersachsens. Warum ist das so? Eine Betrachtung über Krankheiten.
       
 (IMG) Bild: „Die Hinfälligkeit des Körpers“, so heißt dieser mittelalterliche Stich von Hans Weiditz eines Krätze-Erkrankten
       
       Jede Epoche hat ja so ihre eigenen Krankheiten, unser Zeitalter ist das
       Zeitalter des Sitzens und des Duschens, deshalb sind unsere Füße und
       Rückenmuskeln verkümmert und unsere Haut dünn wie Seide. Wir haben
       Kreislauferkrankungen und sterben am Herzinfarkt. Im Mittelalter war die
       Krätze so normal wie heute Schnupfen, Fußpilz oder Kurzsichtigkeit.
       
       Jeder hatte im Mittelalter ein bisschen die Krätze. Selbst berühmte
       Persönlichkeiten, denn das ist ja das Schöne an Krankheiten, dass sie
       darauf keine Rücksicht nehmen. Krankheiten sind die Demokraten unter den
       Lebenswidrigkeiten, zumindest einige. Napoleon ist ein berühmter
       Krätze-Patient gewesen, Kratzen soll zu seinen Hauptbeschäftigungen gehört
       haben. Man sieht ihn auf vielen Bildern mit der Hand unter der Jacke. Das
       ist vielleicht ein Hinweis.
       
       Es gab das Gerücht, dass die Ursache von Krätze verdorbenes Blut sei. So
       war das im Mittelalter, da war jeder für seine Krankheiten noch selber
       verantwortlich. Da waren die Menschen noch gezwungen, sich moralisch zu
       verhalten, weil sie sonst die Pest kriegten, oder die Krätze, die Auswahl
       an Krankheiten war im Mittelalter groß.
       
       Und ich frage mich manchmal, warum es immer noch so viele Fans dieser Zeit
       gibt? Ist denn das Mittelalter wirklich so ein schöner Zeitabschnitt
       gewesen, mit all seinem Schmutz, der Inquisition und der Pest? Aber nun
       gut, Menschen lassen sich ja auch zum Spaß in Latex einschweißen oder
       Klemmen an die Brustwarzen stecken. Menschen sind einfach verschieden und
       seltsam und man muss sie nicht immer begreifen.
       
       Jetzt jedenfalls können sich die Mittelalter-Fans freuen, denn die Krätze
       ist zurück. Sie können echte Krätze-Patienten in ihre Mittelaltertreffen
       und Mittelaltermärkte integrieren, sich sogar, wenn sie möchten, selber
       anstecken und sich öffentlich der Onanie beschuldigen, oder einer anderen
       Form der Unreinheit.
       
       Verantwortlich für die Krätze ist aber nun, da sind die Wissenschaftler
       sich einig, nicht das unreine Blut, sondern das kleine Krätzmilbenweibchen,
       das Kanäle in die Oberhaut der Menschen bohrt, wo es sowohl seinen Kot als
       auch seine Eier ablegt, und wo dann die kleinen Babykrätzmilbchen
       schlüpfen.
       
       Die weiblichen Krätzmilben sind die Tätigen, die männlichen Krätzmilben
       irren nur auf der Hautoberfläche herum und gieren den Weibern nach. So ist
       das nun mal aufgeteilt. Wäre es nicht so unangenehm, würde man sich
       vielleicht eine kleine Krätzekolonie auf der Haut züchten, um dem eifrigen
       Treiben einmal zuzuschauen.
       
       „Die Krätze erreicht Lüneburg“, titelte die LZonline. Aktuelle Zahlen lägen
       nicht vor, aber es gäbe einen Trend. Aber auch der NDR berichtete: In
       mehreren Landkreisen im Nordosten Niedersachsens sei die Zahl der
       Krätze-Erkrankungen stark gestiegen. Dies käme vor allem von den
       Flüchtlingen. Was natürlich einige freut, die es gerne sehen, dass
       irgendwas Schlechtes von den Flüchtlingen herkommt, damit sie die
       Flüchtlinge noch für was anderes ablehnen können als für ihre Herkunft.
       
       ## Milbenhüllen aus dem Mittelalter
       
       Manche Menschen würden, glaube ich, aus reiner Bosheit sich und ihre ganze
       Familie mit Krätze anstecken, nur um der Welt beweisen zu können, dass
       Flüchtlinge die Deutschen ins Grab bringen. Die Krätze bringt aber kaum
       jemanden ins Grab. Das besorgt schon eher der Straßenverkehr und der
       Feinstaub.
       
       Lüneburg ist eine sehr alte Stadt mit einem hübschen mittelalterlichen
       Stadtkern. Die Krätze ist da schon so oft zu Hause gewesen, dass es diesen
       alten Häusern so vorkommen muss, als wäre sie nie weg gewesen. In manchen
       Fachwerkritzen liegen vielleicht immer noch ein paar vertrocknete
       Milbenhüllen aus dem Mittelalter. Was sind schon fünfhundert oder Tausend
       Jahre?
       
       Jetzt allerdings sind wir aufgeklärt und haben Salben und Ratgeberbücher
       und, vor allem, Hautärzte. Die Haut ist ein Spiegel der Seele, sagte meine
       Mutter immer. Aber meine Haut war immer in Ordnung, ich hatte nicht mal in
       der Pubertät Pickel, aber mit meiner Seele sah es anders aus. So ist es ja
       mit Weisheiten im Allgemeinen, sie treffen nur da zu, wo sie wirklich
       zutreffen.
       
       ## Hat sie einer, haben sie alle
       
       Die Krätze trifft aber ziemlich wahllos auch seelisch vollkommen Gesunde.
       Die kleinen Milben nehmen, was sie kriegen können. „Krätze, mein Weg aus
       der Verzweiflung“, heißt ein 2018 erschienenes Ratgeberbuch. Am Aufkommen
       solcher Ratgeberbücher kann man seismographisch ablesen, was die
       Gesellschaft bewegt.
       
       In Hamburger Kindergärten soll die Krätze sich auch schon breitgemacht
       haben, erzählte mir ein Elternteil. In Kindergärten ist das Ausbreiten
       sicherlich schwer zu verhindern, ähnlich wie das Ausbreiten von Läusen. Hat
       sie einer, haben sie alle.
       
       Die Kinder liegen ja in Kindergärten übereinander, in Haufen gestapelt, sie
       kugeln und raufen sich, sie stecken ihre Köpfe über dem Lego zusammen, da
       können die Krätzmilbchen ganz einfach von Wirt zu Wirt spazieren. Bei
       Erwachsenen stelle ich mir das weniger einfach vor. Aber, wie mir ein
       Lüneburger Student erklärte, der selbst unter der Krätze zu leiden hat: Der
       Student an sich lebe ja in der WG, und da sei es ähnlich wie im
       Kindergarten, auf die körperliche Nähe bezogen. Da säßen auf einem Sofa für
       drei auch mal zehn junge Menschen zusammen.
       
       ## Fünf bis zehn neue Fälle pro Tag
       
       Er selbst hätte es erst gar nicht bemerkt, dass er die Krätze hatte. Dann
       sei er zum Hautarzt gegangen und der hätte nur gefragt: „Kuwi oder Uwi“?
       Kuwi – das ist der Studiengang Kulturwissenschaften, und Uwi – so nennt
       sich wohl der Studiengang Umweltwissenschaft an der Lüneburger Leuphana
       Universität.
       
       Von dort hatte dieser Lüneburger Hautarzt einen ganzen Haufen
       Krätzepatienten, und meinen Studenten ja auch. Fünf bis zehn neue Fälle
       hätte er am Tag, erklärte der Arzt. Breitet sich eine Epidemie aus? Werden
       dies die Zeiten, wo mittelalterliche Krankheiten und Seuchen unsere
       Gemeinschaft wieder überschwemmen? Ist es am Ende eine göttliche Strafe,
       weil wir nur noch dem Konsum huldigen? Man weiß es nicht. Die göttliche
       Strafenzeit ist ja eigentlich vorbei.
       
       Was unternimmt man, wenn man die Krätze hat? Das ist wohl eine der
       interessantesten Fragen, wenn man betroffen ist. Den Rest interessiert es
       nur am Rande, ähnlich wie es kaum jemanden interessiert, wie man Nagelpilz
       behandelt, bis man ihn einmal selber hat. Da gibt es Foren, da kann man
       stundenlang stöbern und diskutieren. Da geht es ins Detail, mit prächtigen
       Makroaufnahmen von Zehennägeln, und in so einer Gemeinschaft fühlen sich
       die Menschen verstanden und geben einfach nicht auf.
       
       ## Waschen, was das Zeug hält
       
       Ich weiß das, denn ich habe jahrelang in solchen Foren gestöbert und bin
       dann selbst auf ein Mittel gekommen, dass ich hier, auch wenn es
       beitragsfremd ist, gerne preisgebe: Essigessenz. Damit kann man nicht nur
       Toiletten säubern.
       
       Ich würde, glaube ich, wenn ich die Krätze hätte, es glatt auch einmal mit
       Essigessenz versuchen. Sollten die Salben nicht helfen, die der Hautarzt
       verschreibt. Ich denke, auch für die Krätze wird es bald Foren geben. „Die
       Krätzis“ vielleicht? Oder: „Kratz dich gesund“.
       
       Das scheint nämlich ein Problem zu sein, dass man die Krätze nicht so
       leicht los wird, wie die Mittel versprechen. Und dann ist es mit der Salbe
       ja nicht getan. Man muss täglich die Bettwäsche wechseln, die Kleidung, man
       muss waschen was das Zeug hält. Das hat mir der junge Student erzählt. So
       was erschwert doch das studentische Leben ungemein.
       
       ## Einfach Liegenlassen
       
       Als ich Student war, habe ich meine Bettwäsche ungefähr einmal im Jahr
       gewechselt. So ist diese Krankheit am Ende auch nicht umweltfreundlich. Es
       wird ja sehr viel Wasser dabei verbraucht. Die Kleidung muss aber nicht
       unbedingt gewaschen werden, habe ich mir sagen lassen, die Kleidung kann
       auch in Plastiktüten verpackt ein paar Tage liegen, denn anders als
       Bettwanzen, die eine Freundin im letzten Sommer aus einem Urlaub
       mitgebracht hatte, und die fast überhaupt nie sterben, überleben die
       Krätzmilben nicht so lange ohne Menschen.
       
       Dieses Liegenlassen scheint mir eine angenehme Alternative. Aber psychisch
       ist das Waschen sicherlich besser. Überhaupt ist die Krätze eine Krankheit,
       die man auch aus Gründen der Stigmatisierung nicht sehr gern an sich hat.
       Dies Gekratze geht ja auch mit dem Ruf der Unsauberkeit einher. Und dies,
       obwohl die Krätzmilben auch auf saubere Menschen klettern. Sie ziehen
       mitnichten die schmutzigen vor.
       
       Aber es gibt ja immer noch die auch bei jungen Menschen beliebte
       Redewendung: „Ich krieg die Krätze.“ Wenn man zum Beispiel einen
       ungeliebten Menschen trifft oder sehr lange in der Telefonhotline ausharren
       muss. Und dann konnte man früher auch noch jemandem „die Krätze an den Hals
       wünschen“. Das habe ich schon länger nicht mehr gehört, aber das wird
       sicherlich wiederkommen.
       
       ## Warum ausgerechnet Lüneburg?
       
       Warum nun in Lüneburg ausgerechnet die Studenten dieser zwei
       Studienrichtungen besonders von der Krätze befallen sind, das konnte ich
       nicht herausfinden. Ein anderer mir bekannter junger Mann mutmaßte, dass
       einige Studierende der Umweltwissenschaften sich viel im Wald aufgehalten
       hätten. Er selbst ist anscheinend noch mal davon gekommen, denn er hat sich
       ja auch dort aufgehalten, im Wald. Im Wald ist das tägliche
       Bettwäschewaschen nicht so ganz einfach, insbesondere wenn die Bettwäsche
       ein Schlafsack ist. Daran kann man sehen, dass es unter Umständen doch
       besser ist, in Wohnungen mit Waschmaschinen zu leben.
       
       Am Ende, möchte ich sagen, sind Krätzmilben auch nur Tiere und nicht so
       tödlich wie Feinstaub und Straßenverkehr. Vielleicht sollten wir ihnen
       sogar ein wenig Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie tun nur ihr Tagewerk,
       zerstören bloß ein bisschen Haut und nicht den Planeten wie wir.
       
       1 Jan 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Seddig
       
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