# taz.de -- Die Wahrheit: Killer im Blaumann
       
       > Viele Berufe sind bereits verschwunden, einige werden bald aussterben,
       > einen aber wird es noch in tausend Jahren geben – den Kammerjäger.
       
 (IMG) Bild: „Die Hinfälligkeit des Körpers“, so heißt dieser mittelalterliche Stich von Hans Weiditz eines Krätze-Erkrankten
       
       Neulich die Geigenlehrerin der Tochter begrüßt. Gerade als sie das edle
       Instrument aus seinem Futteral holte, huschte über die blütenweiße
       Tischdecke ein sichtlich verstörter Silberfisch – von der plötzlichen
       Helligkeit allerdings nicht ansatzweise so verschreckt wie die
       Geigenlehrerin durch seine Anwesenheit. Das war der Moment, in dem ich es
       endgültig satthatte. Und den Kammerjäger bestellte.
       
       Böttcher, Wagner oder Scherenschleifer wird man heute auf dem Arbeitsmarkt
       so schwerlich finden wie in wenigen Jahren Briefträger, Flugbegleiter oder
       Zeitungsreporter. Kommt ja derzeit die Digitalisierung über die Berufe wie
       seinerzeit der Komet über die Dinosaurier. Kammerjäger aber gibt es noch,
       sie heißen nur „Hygiene UG“ oder „Kill ’em all GmbH“. Was kreucht und
       fleucht, das widersetzt sich naturgemäß der Ausrottung.
       
       Der junge Mann wirkte so gar nicht wie ein „Ghostbuster“, eher wie ein
       routinierter Auftragskiller im Blaumann, mit einem silbernen Köfferchen
       voller Massenvernichtungswaffen. Weidmannsheil! Während er leutselig ein
       farb- und geruchloses Gel an strategischen Stellen verteilte, fragte ich
       ihn nach seinem Beruf aus: „Was wäre denn der Endgegner? Die Kakerlake,
       oder?“
       
       Die ordinäre Schabe, lernte ich, sei maßlos überschätzt. Nicht einmal einen
       läppischen Atomkrieg würde sie überleben und verschwände vom Angesicht der
       Erde. Die wäre dann übrigens von Katzen bevölkert. „Noch tun sie ganz
       harmlos, aber wenn’s knallt … dann übernehmen sie den Laden hier“, erklärte
       der Meuchler.
       
       Der eigentliche Endgegner für den Schädlingsbekämpfer sei die Bettwanze. Da
       nütze es nichts, die befallene Matratze zu verbrennen. Vielmehr müsse der
       betroffene Raum komplett isoliert und mit speziellen Geräten über mehrere
       Stunden auf eine Temperatur von über 50 Grad erhitzt werden: „Da gerinnt
       dann das Eiweiß, das macht sie fertig!“
       
       Der Silberfisch hingegen sei nicht einmal ein Schädling im orthodoxen
       Sinne. Nur ein „Lästling“, weil es rein ästhetisch lästig ist, wenn er in
       irrsinnigem Tempo auf der Suche nach Hautschuppen und ähnlich
       mikroskopischem Müll durch die Wohnung patrouilliert. „Aber der tut nix“,
       versicherte er und setzte vergnügt einen weiteren Tropfen tödlicher
       Farblosigkeit ins Badezimmer.
       
       Dann ließ er die Verschlüsse seines Köfferchens zuschnappen und sagte: „Die
       Krätze erlebt gerade ein Comeback. Wegen der Flüchtlinge. Die schleppen
       irgendwelche syrischen Milben ein und – zack! – juckt’s überall.“ Meine
       Frage, ob er gegen diese Milben den Einsatz von Chlorgas oder Fassbomben
       befürworten würde, ließ er unbeantwortet. „Achten Sie lieber auf die
       Achtbeinigen“, salbaderte er zum Abschied: „Im Schlaf verschluckt jeder
       Mensch bis zu 50 Spinnen im Jahr!“
       
       Es geht eben nichts über einen Experten im Haus. Kaum war er weg, schrubbte
       ich das Gift für die Silberfischchen aus den Ecken. Soll sich die
       Geigenlehrerin mal nicht so haben.
       
       30 Nov 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arno Frank
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Friseure
 (DIR) Krätze
 (DIR) Kulturgüter
 (DIR) Patriarchat
 (DIR) Starbucks
 (DIR) Chemnitz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Das Haareschneideschlaraffenland
       
       Friseure gibt es in Deutschland wie Butter auf dem Butterberg. Und es
       kommen Tag für Tag immer neue Sahneläden hinzu.
       
 (DIR) Krätze in Lüneburg: Der Spiegel der Seele
       
       Die Kratzmilbe verbreitet sich gerade gehäuft im Nordosten Niedersachsens.
       Warum ist das so? Eine Betrachtung über Krankheiten.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Grüne Soße mit Reggae
       
       Deutsche Neuaufnahmen im bundesstaatlichen Verzeichnis der Immateriellen
       Kulturgüter. Ein Drama aus dem Kanzleramt.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Heteronormativ hüpfen
       
       Das altböse Patriarchat streckt seine Griffel sogar nach Grundschulkindern
       aus. Glücklicherweise haben die ihren eigenen Kopf.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Spiritueller Zucker
       
       Die Frau ist beseelt – von dem Getränk, das sie in der Fremde zu sich
       genommen hat. Was aber, wenn sie die ganze Wahrheit über „Chai Latte“
       erfährt?
       
 (DIR) Die Wahrheit: Die Hässlichkeit im Hass
       
       Manchmal ist es sehr fruchtbar, sich bei Ereignissen wie in Chemnitz dem
       nachrangigen Aspekt der Ästhetik zu widmen, der so nachrangig gar nicht
       ist.