# taz.de -- Kolumne Bauernfrühstück: Viele Kreuze im Brandenburger Sand
       
       > Immer wieder kracht es im Verkehr, auch in der Kleinstadt sterben dabei
       > Menschen. Doch Empathie ist des Provinzlers Sache nicht.
       
 (IMG) Bild: Wer mannhaft beim Motorradfahren stirbt, dem wird in der Kleinstadt Respekt gezollt
       
       Uns KleinstädterInnen wird ja ein handfestes Verhältnis zur Realität
       nachgesagt. Große Gefühle haben wir zwar; aber wen interessieren die schon.
       Es gilt, das Leben zur Kenntnis zu nehmen und seine mitunter grausamen
       Ratschlüsse zu verwinden.
       
       Allenthalben hallen die Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften
       durch die uns in der Provinz umgebenden Wälder, weil wieder mal jemand
       gegen einen Baum gefahren ist. Gerade kürzlich erst ist ein Bekannter auf
       diese Weise verstorben, ein Mann von fünfzig Jahren, den viele nun
       schmerzlich vermissen. Von Beileidsbekundungen am Grab bat die Familie
       Abstand zu nehmen. Wie gesagt: Man versucht klarzukommen.
       
       Immer wieder kracht es. Menschen verletzen, töten einander. Es ist schon
       erstaunlich, wie wir uns daran gewöhnt haben, dass in unserer Gegend
       motorisierter Individualverkehr [1][als alternativlos gilt]. Wen wundert’s,
       durch unseren Weiler fährt zum Beispiel nicht nur selten ein Bus, sondern
       exakt gar keiner. Zum 18. Geburtstag bekommen unsere Kinder die Fahrschule
       geschenkt; als Eltern möchten wir ihrem Fortgehen hinaus in die Welt auf
       keinen Fall im Wege stehen.
       
       Wer mannhaft [2][beim Motorradfahren] stirbt, dem wird hernach ein Altar
       errichtet. An meinem Ortsrand wurden im zurückliegenden Sommer zwei neue
       Holzkreuze in den Brandenburger Sand gerammt. Tag und Nach blinken nun
       Grablichter im Bankett, die Blumen werden regelmäßig erneuert. Und als
       letzter Gruß steckt auf jedem Kreuz der leere Helm des Verstorbenen. Es ist
       ein Jammer.
       
       ## Zuweilen wenig Empathie
       
       Was dann aber doch verwundert, ist die Klassifizierung in erst- und
       zweitklassige Opfer. Anfang dieses Jahres wurde an der Kreuzung, die
       hinüber in die Kreisstadt führt, eine Frau totgefahren. Es war grausam: Ein
       Lkw hatte sie überfahren und mitgeschleift, die Frau starb vor aller Augen.
       Sie war noch nicht mal unter der Erde, da entbrannte in der örtlichen
       Facebook-Gruppe ein so herzloser wie rechthaberischer Streit über folgende
       Fragen: Was hat eine 59 Jahre alte Frau auf dem Fahrradweg zu suchen? Wie
       traurig ist jetzt der Lkw-Fahrer? Und was für Idioten sind Radler
       insgesamt?
       
       Wie gesagt, Empathie ist des Provinzlers Sache mitunter nicht. Aber wir
       können auch anders. Ein örtliches ADFC-Mitglied lackierte flugs ein Fahrrad
       mit weißer Farbe und stellte es an der Unfallstelle auf. Zum stillen
       Gedenken kamen dann doch erfreulich viele, und zwar nicht nur die
       zugezogenen Holzhaus-Hipster.
       
       Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Und was soll ich sagen? Kürzlich hat
       irgendjemand auf das laminierte Schild am weißen Rad „Selbst schuld“
       geschrieben. Und damit klar ist, wer gemeint ist: „Der Trucker konnte
       nichts dafür.“ Vier Ausrufezeichen. Der getöteten Frau konnte das nichts
       mehr antun. Aber auch nur ihr. Am nächsten Tag war die Schmiererei zum
       Glück wieder weg.
       
       11 Nov 2018
       
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