# taz.de -- Instrumentalisierung von Todesfällen: Rechter Haken ohne Sturm
       
       > Vor einem Jahr starb in Wittenberg ein Deutscher bei einem Streit mit
       > einem Syrer. Bundesweite Aufmerksamkeit fehlte – wieso?
       
 (IMG) Bild: Noch hängt am Tatort keine Gedenktafel, die Stadt will die Ermittlungen abwarten
       
       Wittenberg taz | Das Bild der Überwachungskamera am Eingang des
       Einkaufszentrums Arsenal in Wittenberg ist scharf und in Farbe. Am
       Nachmittag des 29. September 2017, ein Freitag, ist viel Betrieb im
       Arsenal, die Leute gehen vor dem langen Wochenende einkaufen, andere ein
       Eis essen.
       
       Um 14.54 Uhr läuft Marcus Hempel mit einer Freundin ins Bild der
       Überwachungskamera. Sie wollen sich im Einkaufszentrum das Videospiel
       „Fifa 18“ kaufen. Die beiden schieben ihre Fahrräder auf den gepflasterten
       Vorplatz und schließen ab. Am Eingang treffen sie auf eine Gruppe von vier
       jungen Männern.
       
       Es ist ein Video, das einen nicht mehr loslässt. Das zeigt, wie schnell es
       vorbei sein kann. Drei Schläge, ein Sturz. Der Kopf von Marcus Hempel
       schlägt auf dem Boden auf, die Glasflasche in seiner Hand zerbricht. Mit
       dem Rettungswagen wird er ins Paul-Gerhardt-Stift gebracht, dann mit dem
       Hubschrauber ins Klinikum Dessau. Um 23.40 Uhr ist er tot, gestorben an den
       Blutungen in seinem Gehirn.
       
       Immer, wenn in den vergangenen Monaten Flüchtlinge am Tod von Deutschen
       direkt oder indirekt beteiligt waren, gab es einen bundesweiten Aufschrei:
       Die Todesfälle [1][in Kandel], [2][Freiburg] und zuletzt [3][in Chemnitz]
       [4][und Köthen] wurden über Nacht zu medialen Großereignissen. Der Tod von
       Marcus Hempel in Wittenberg nicht.
       
       ## Die Umstände für einen Aufschrei sind gegeben
       
       Dabei sind die Umstände dafür gegeben: Das Opfer ein Deutscher, und Sabri
       H., der zugeschlagen hat, ein Syrer, der 2015 als unbegleiteter
       minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen war. Zudem war Sabri H.
       schon mal durch eine Schlägerei aufgefallen. Trotzdem berichten fast
       ausschließlich lokale Medien über den Fall.
       
       Drei Tage nach der Tat, am Montag, den 2. Oktober, verschickt die
       Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau eine Pressemitteilung. Es ist ein
       Brückentag, deswegen ist nur eine Staatsanwältin im Dienst. Die
       Pressemitteilung schließt mit einem nüchternen Satz: „Aufgrund der
       bisherigen Ermittlungen dürfte derzeit von einer Notwehrhandlung (mit
       tragischen Folgen) auszugehen sein.“
       
       Die taz hat die Ermittlungsakte und das Überwachungsvideo einsehen können,
       das die Tat zeigt. Die Recherche weckt Zweifel an der Darstellung der
       Staatsanwaltschaft.
       
       Im Frühjahr 2018, sieben Monate nach der Tat, sitzt Karsten Hempel in
       seiner Tiefbaufirma in einem grauen Gewerbegebiet außerhalb Wittenbergs.
       Draußen stehen die Bagger und Radlader, drinnen ist Hempel allein am großen
       Konferenztisch, er setzt sich eine Lesebrille auf und hebt den Kopf. „Ich
       habe immer an den Rechtsstaat geglaubt“, sagt er. Jetzt hat er den Glauben
       verloren.
       
       ## Ein Kampf für eine Anklage
       
       Der Rucksack, mit dem Hempel seit Monaten schon herumläuft, ist so voll,
       dass sich der Reißverschluss nicht mehr schließen lässt. Darin Aktenordner
       mit der Ermittlungsakte und seine eigenen Aufzeichnungen, akribisch
       abgeheftet. Er hat bunte Post-its zwischen die Seiten geklebt.
       
       Hempel kämpft dafür, dass gegen Sabri H. Anklage erhoben wird. Nach dem Tod
       von Marcus Hempel wird Sabri H. vernommen, aber keine Untersuchungshaft
       beantragt. Die erste Einschätzung der Staatsanwaltschaft ist, dass Sabri H.
       in Notwehr handelte. In diesem Fall muss sie keine Anklage erheben.
       
       Hempel hat sich das Video, in dem sein Sohn tödlich verletzt wird, über
       hundert Mal angeschaut. Er hat eine Mission. Das hilft ihm, das Unfassbare
       zu bearbeiten.
       
       Der Zeitstempel des Videos zeigt 14.54 Uhr. Sabri H. steht mit drei
       Freunden vor dem Eingang des Einkaufszentrums und wartet. Marcus Hempel
       läuft mit einer Freundin ins Bild. Sabri H. geht an den beiden vorbei und
       zeigt ihnen den Mittelfinger. Das Video hat keinen Ton, aber zu diesem
       Zeitpunkt reagieren weder Hempel noch seine Freundin auf ihn. Sabri H.
       dreht wieder um und wartet in einigen Metern Entfernung.
       
       ## Drei Schläge, dann hält er inne
       
       Nachdem sie ihre Fahrräder angeschlossen haben, gehen Hempel und seine
       Freundin zum Eingang des Einkaufszentrums. Plötzlich drehen sie um und
       gehen zur Gruppe der Syrer. Sie streiten, Hempels Freundin steht zwischen
       den Männern und gestikuliert. Sabri H. schubst, Hempel schubst zurück.
       Wieder stellt sich Hempels Freundin dazwischen. Dann schlägt Hempel als
       Erster zu, über die Schulter seiner Begleiterin, und trifft Sabri H. im
       Gesicht. Es sieht nicht nach einem platzierten Schlag aus.
       
       Sabri H. reagiert schnell. Er schlägt zurück, Hempel taumelt nach hinten.
       Sabri H. schlägt noch mal zu, Hempel wehrt sich nicht, er taumelt weiter,
       etwa drei Meter über den Vorplatz. Dann schlägt Sabri H. ein drittes Mal
       zu. Hempel schlägt mit dem Kopf auf und bleibt liegen. Sabri H. geht auf
       den am Boden Liegenden zu, setzt zu einem weiteren Schlag an, hält dann
       aber inne. Er lässt von ihm ab, hebt seine Kappe auf, die auf den Boden
       gefallen ist, und verlässt den Tatort.
       
       In der Pressemitteilung schildert die Staatsanwältin den Vorgang anders.
       Demnach sei die Aggression von Marcus Hempel ausgegangen: „Im weiteren
       Verlauf versetzte der 30-Jährige dem Syrer erneut einen Faustschlag,
       woraufhin Letzterer unmittelbar reagierte und den 30-Jährigen seinerseits
       mit einem Faustschlag am Kopf traf.“
       
       Laut Staatsanwaltschaft soll Hempel zweimal zugeschlagen haben, Sabri H.
       einmal. Im Video sieht man aber nur einen Schlag von Hempel und drei
       Schläge von Sabri H. Dass dieser als Erster schubst, erwähnt die
       Staatsanwaltschaft nicht, genauso wenig, dass Sabri H. Hempel vorher
       möglicherweise erkennt und den Mittelfinger zeigt.
       
       ## Polizist schrieb richtigen Bericht
       
       Schon am Samstag, einen Tag nach der Tat und zwei Tage vor der
       Pressemitteilung, wertet ein Polizist das Überwachungsvideo aus. Das geht
       aus der Ermittlungsakte hervor. Der Polizist schreibt einen Bericht, er
       zählt die Schläge richtig, er schreibt auch, dass zuerst Sabri H. schubste,
       dass Hempel nur einmal zuschlug und Sabri H. dreimal. Warum die
       Staatsanwältin die Tat nach dem Polizeibericht anders darstellt, ist
       unklar.
       
       In der Wittenberger Polizei wundert man sich über das Verhalten der
       Staatsanwaltschaft. „Skurril“ sei die Pressemitteilung gewesen. Öffentlich
       sprechen will aber niemand. Aus Kreisen der Polizei heißt es, man sei „sehr
       sauer“. Immer wieder würden Bürger die Beamten auf den Todesfall
       ansprechen.
       
       Zudem sei es seit Jahren üblich, dass Polizei und Staatsanwaltschaft eine
       gemeinsame Pressemitteilung veröffentlichen. Die Staatsanwaltschaft
       Dessau-Roßlau bestätigt dies auf Anfrage der taz. Warum es in diesem Fall
       anders gehandhabt wurde, wollte die Staatsanwaltschaft nicht herausfinden.
       Das sei „zu zeitaufwendig“. Dass der Tatverlauf anders als im Video
       dargestellt wird, begründet die Staatsanwaltschaft damit, dass eine
       Pressemitteilung nur Wesentliches mitteile.
       
       Was ist Notwehr? Das ist juristisch nicht eindeutig. Dass Sabri H. häufiger
       und heftiger zuschlug als Marcus Hempel, beweist nicht, dass er nicht aus
       Notwehr handelte. Auch ein Gegenangriff kann juristisch unter Notwehr
       fallen. Aber Sabri H. wurde von mehreren Freunden begleitet, deshalb ist
       zweifelhaft, ob er sich so heftig wehren musste. Zudem könnte sein Motiv
       eine Rolle spielen: Wenn Sabri H. aus Hass oder Rachsucht gehandelt haben
       sollte, wäre Notwehr unwahrscheinlich. Klären kann das nur ein Gericht.
       Aber dafür bräuchte es eine Anklage.
       
       ## Streit wegen eines Hundes
       
       Später agiert die Staatsanwaltschaft defensiver. Die Ermittlungen seien
       nicht abgeschlossen, man ermittle wegen des Verdachts auf Körperverletzung
       mit Todesfolge. Dabei wurde nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit die
       Notwehrthese vertreten, sondern auch in der Ermittlungsakte. Dort heißt es
       unter anderem, eine Altersfeststellung bei Sabri H. sei nicht nötig, da von
       Notwehr ausgegangen werde.
       
       Karsten Hempel weist die Staatsanwaltschaft immer wieder darauf hin, dass
       sich sein Sohn und Sabri H. gekannt hätten. In Pratau am Rande Wittenbergs
       wohnten beide nur wenige Häuser voneinander entfernt. Die Freundin von
       Marcus Hempel sagte der Polizei, dass Marcus auf einem Spielplatz in der
       Nähe der Häuser Streit mit einem Syrer gehabt hätte, wegen eines Hundes.
       Falls es sich bei dem Syrer um Sabri H. gehandelt hat, könnte das erklären,
       warum er vor dem Einkaufszentrum Marcus Hempel den Mittelfinger zeigt. Dann
       hätte Sabri H. ein Motiv.
       
       Im Februar bekommt Karsten Hempel einen Termin beim Wittenberger
       Oberbürgermeister, dem parteilosen Torsten Zugehör. Er bittet darum, an dem
       Ort, an dem sein Sohn starb, eine Plakette anbringen zu dürfen, nichts
       Großes, zehn mal zehn Zentimeter. Zugehör habe ihm versprochen, dass sich
       der Ältestenrat kümmern werde, sagt Hempel, im März oder April gebe es eine
       Entscheidung. Hempel wartet bis heute.
       
       Der Pressesprecher des Bürgermeisters sagt dazu auf Nachfrage der taz, dass
       der Eigentümer einem Gedenkstein zustimmen müsse. Die Managerin des
       Einkaufszentrums dagegen sagt, dass der Tatort städtisches Gebiet sei.
       
       ## Neonazis werden aufmerksam
       
       Karsten Hempel fühlt sich allein gelassen, von der Justiz und der
       Wittenberger Politik. Dafür werden in Wittenberg lokale Neonazis auf den
       Tod seines Sohns aufmerksam. Ein Bericht des MDR zeigt, wie drei Wochen
       nach der Tat einige Dutzend Rechte durch die Innenstadt ziehen, am
       Einkaufszentrum vorbei, vor dem Marcus Hempel starb. „Gerechtigkeit“
       fordern sie und rufen: „Überfremdung stoppen!“
       
       Die lokale Mitteldeutsche Zeitung wird mit Nachrichten überschüttet, warum
       sie die Tat verschweigen würde. Als die Zeitung doch berichtet, muss der
       Online-Kommentarbereich unter dem Text zwischenzeitlich abgeschaltet
       werden.
       
       Nach der ersten Aufregung aber wird es in Wittenberg wieder ruhig, der Fall
       bekommt überregional keine Aufmerksamkeit. Wittenberg wird kein Hashtag.
       Warum?
       
       Wittenberg, das ist so etwas wie das Potsdam von Sachsen-Anhalt. Hier
       arbeitet ein liberales und privilegiertes Bürgertum, rund um die
       evangelische Akademie gibt es zahlreiche christliche Einrichtungen. Es gibt
       eine aktive Zivilgesellschaft, Zehntausende amerikanische Touristen kommen
       im Jahr, das prägt das Klima der Stadt.
       
       ## Fälle werden instrumentalisiert
       
       Ein Anruf bei David Begrich, Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein
       Miteinander e.V. Sucht man nach einem Experten für Neonazis in
       Sachsen-Anhalt, dann sagen alle: Frag Begrich.
       
       Begrich hat mit seinen Kollegen analysiert, wann aus einem Einzelfall ein
       Erfolg der rechten Szene wird, „Mobilizing Resources“ nennt er das. Begrich
       ist überzeugt, dass die AfD und die außerparlamentarische Rechte gezielt
       nach Fällen wie in Chemnitz und in Wittenberg suchen, um diese zu
       instrumentalisieren, spricht von „Eventscouts“ und sagt: „Die Rechte ist
       gerade in einem Rauschzustand.“
       
       Nötig seien drei Bedingungen: Erstens brauche es einen Anlass, der
       skandalisiert werden könne. Zweitens eine handlungsfähige rechte Struktur.
       In Chemnitz waren das die organisierten Hooligans des Chemnitzer FC, die am
       ersten Tag den Mob anführten. „Es reicht aber nicht, die eigene Crowd auf
       die Straße zu bringen“, sagt Begrich. Deshalb brauche es drittens Personen,
       die ein bürgerliches Publikum ansprechen. Das rechte Bürgerbündnis Pro
       Chemnitz legitimierte die Demonstration für Chemnitzer, die sich selbst
       nicht als politisch rechts verstehen.
       
       Zweitens und drittens fehlten in Wittenberg. 86 Teilnehmer zählten
       Beobachter bei der rechten Demonstration nach dem Tod von Marcus Hempel,
       sie erkannten Neonazikader von der NPD und Thügida auf der Straße, von der
       Volksbewegung Sachsen-Anhalt und der sogenannten GHC Crew. Es sind die
       gleichen Gruppen, die ein knappes Jahr später erfolgreich nach Köthen
       mobilisieren sollten. In Wittenberg blieben sie unter sich.
       
       ## Einst eine Hochburg
       
       Seit den neunziger Jahren beobachtet Begrich die Neonazi-Szene in
       Ostdeutschland. Damals war Wittenberg eine Hochburg, die Kameradschaft
       Elbe-Ost hatte das Sagen. Seitdem sei die Szene kleiner geworden. Für viele
       organisierte Neonazis in Sachsen-Anhalt, etwa in Magdeburg, ist Wittenberg
       weit weg, fast in Brandenburg. Nur selten beteiligen sie sich an
       Kundgebungen. Bei Köthen war das anders: Die Stadt liegt in der Nähe von
       Magdeburg, an der Grenze zu Sachsen und Thüringen. Auch die AfD ist hier
       aktiver als in Wittenberg.
       
       Begrich sieht noch einen Unterschied, es ist ein Unterschied in der
       politischen Kultur: In Sachsen-Anhalt sei die AfD zwar mit fast 25 Prozent
       sehr stark im Parlament, aber schwach auf der Straße. In Sachsen dagegen
       sei die Rechte auf der Straße erfolgreich und habe sogar einige
       Unterstützer in der Polizei und anderen Staatsorganen. Das könnte erklären,
       warum sich die Polizei in Chemnitz lange zurückhielt und die Proteste
       größer wurden. In Köthen dagegen war die Polizei präsent und dämmte die
       Proteste ein.
       
       In Wittenberg bleibt es aber auch deshalb ruhig, weil früh der Verdacht im
       Raum steht, dass der Getötete Neonazi gewesen sei. Dazu passt, dass die
       Begleiter von Sabri H. bei der Polizei angaben, Marcus Hempel habe sie
       rassistisch beleidigt. Dann wird die Facebookseite von Hempel öffentlich,
       sie existiert nach seinem Tod weiter. Ihm gefallen die rechtsextremen Bands
       Landser und Nordfront, außerdem die Seite „Jugend wählt NPD“. Polizeilich
       ist er nicht als rechtsextrem bekannt. Auch antifaschistischen Beobachtern
       der Szene ist er kein Begriff.
       
       Dass sein Sohn Neonazi war, streitet Karsten Hempel ab. Hempels Freundin,
       die bei der Tat dabei war, eine Deutsch-Griechin, beschimpfte die
       Teilnehmer bei der Nazidemo in Wittenberg. Eine Kamera des MDR hält fest,
       wie sie auf einen Mann einredet: „Das ist doch der letzte Scheiß, den ihr
       hier macht. Kannte einer von euch den?“
       
       ## Altparteien spielen mit ihren Handys
       
       Während die demokratische Öffentlichkeit sich mit dem Schicksal von Hempel
       und seiner Familie schwertut, versucht die AfD, den Fall für ihre Zwecke zu
       nutzen. Sie beantragt im Mai eine Aussprache im Magdeburger Landtag, der
       Titel: „Gerechtigkeit für Marcus H.“ Der Abgeordnete Mario Lehmann
       behauptet dort, der Tod sei „gedeckelt“ worden. Die Tat störe die
       „Zuwanderungslobby“ beim „Geldverdienen“. Der Tod von Marcus Hempel zeige,
       dass die Bundesrepublik „ideologisch verseucht“ sei.
       
       Karsten Hempel sitzt auf der Tribüne und hört zu. Eingeladen wurde er von
       der AfD-Fraktion. „Das war die größte Demütigung in meinem Leben“, sagt er
       danach. Die Abgeordneten der „Altparteien“ hätten geflachst und mit ihren
       Handys gespielt, der Staatssekretär habe in seinem Stuhl gehangen, als er
       die Fragen beantwortete. Im Protokoll der Sitzung liest sich das so:
       „Heiterkeit bei der Linken“ – „Lachen bei der SPD und bei den Grünen“.
       
       Über die Ausfälle der AfD spricht Karsten Hempel nicht. Er sagt, er stehe
       keiner Partei nahe. Aber er gibt dem rechten Netzwerk Politically Incorrect
       ein Interview, in dem er sagt, dass er bei einer Demonstration der rechten
       Bewegung „Kandel ist überall“ über den Tod seines Sohnes gesprochen habe.
       
       Erst vor Kurzem veröffentlicht das rechte Netzwerk einprozent.de ein Video
       mit der Botschaft „Chemnitz war kein Einzelfall“ über den Tod von Marcus
       Hempel, es wird hundertfach in sozialen Netzwerken geteilt. Auch Hempels
       Vater kommt zu Wort, im Video sagt er: „Es geht einfach um die Art und
       Weise, wie dieser Staat damit umgegangen ist, nicht dass es ein
       Asylsuchender war.“
       
       ## Der Fall wird der Staatsanwaltschaft entzogen
       
       Karsten Hempel bestreitet, dass er politisch rechts steht. Vielleicht hätte
       er sich nicht die falschen Unterstützer gesucht, hätte er sich nicht
       alleingelassen gefühlt. Aber spielt das überhaupt eine Rolle für die Fehler
       der Staatsanwaltschaft und das Desinteresse der Öffentlichkeit?
       
       Im April passiert etwas Ungewöhnliches. Der Fall wird der
       Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau entzogen und von der Staatsanwaltschaft
       Magdeburg übernommen. Offiziell wird das mit dem Umzug des Tatverdächtigen
       begründet. Dabei gilt in Deutschland eigentlich das Tatortprinzip. Doch
       weil Sabri H. bei der Tat noch minderjährig war, kann die zuständige
       Staatsanwaltschaft wechseln – zwingend notwendig ist das nicht.
       
       Wurde der Fall entzogen, weil die Pressemitteilung fehlerhaft war? Die
       Staatsanwaltschaft Magdeburg bestreitet das. Unbestritten ist aber, dass
       der Fall für die Justizministerin Anne-Marie Keding von der CDU seit dem
       Auftritt vor dem Landtag eine politische Dimension hat.
       
       Im September gibt die Staatsanwaltschaft Magdeburg an, dass weiterermittelt
       werde. Ob das Verfahren eingestellt oder Anklage erhoben werde, sei noch
       nicht entschieden. Dabei schrieb die Polizei schon im März in einem
       internen Vermerk, dass es keine weiteren Anhaltspunkte für Ermittlungen
       gebe.
       
       ## An den Namen des Opfers erinnert er sich kaum
       
       Es ist Mitte September, und Hempel ist gerade auf dem Weg zum Friedhof, als
       er ans Telefon geht. Ob es etwas Neues gebe? Hempel verneint. Dann erzählt
       er, dass sein Sohn heute 31 Jahre alt geworden wäre. Seine Stimme stockt,
       er fängt an zu weinen.
       
       Sabri H. lebt heute in Magdeburg, mit seinen Eltern und Geschwistern, die
       er wenige Monate vor der Tat im Rahmen des Familiennachzugs nach
       Deutschland holen durfte. Er macht eine Ausbildung zum Autolackierer und
       ist im Fußballverein.
       
       Am Telefon bestreitet er, dass er Marcus Hempel vor der Tat gekannt habe.
       Und der „Stinkefinger“ hätte nicht Hempel, sondern seinen Freunden
       gegolten. Er sei nach dem Freitagsgebet zum Einkaufszentrum gekommen, um
       sich mit Freunden zu treffen. Es tue ihm leid, was passiert sei. „Aber wenn
       man geschlagen wird, muss man sich wehren.“ Besonders zu belasten scheint
       ihn die Tat nicht. „Das ist passiert, das ist das Leben.“ An den Namen des
       Opfers kann er sich nicht mehr genau erinnern.
       
       Nach Deutschland gekommen war Sabri H. im Sommer 2015. Er lebte lange in
       einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Pratau.
       Seine ehemaligen Betreuer erkannten keine Anzeichen für eine zunehmende
       Gewaltbereitschaft bei ihm. Ausreichend Plätze für psychologische Betreuung
       gebe es aber nicht.
       
       ## Es fängt an zu brodeln
       
       Die Bewohner von Pratau seien den Flüchtlingen oft feindlich begegnet,
       hätten immer wieder die Luft aus ihren Fahrrädern gelassen. Sabri H.
       erzählt von einem betrunkenen Nachbarn, der ihn geschlagen habe. Er habe
       sich gewehrt, deshalb die Anzeige wegen Körperverletzung.
       
       Für den ersten Todestag an diesem Samstag hat die AfD-Fraktion
       Sachsen-Anhalt zu einer Kundgebung aufgerufen, zu der mehrere Abgeordnete
       und auch der Fraktionsvorsitzende aus Magdeburg anreisen. In der
       Geschäftsstelle der Partei in Wittenberg stapeln sich die Flyer. „Eiskalte
       Hinrichtung“ nennt die AfD die Tat und fordert die Justizministerin zum
       Rücktritt auf. Auf dem Flyer sieht man ein Foto, es zeigt eine Blutlache
       auf dem Boden. Es ist kein Foto vom Tatort, sondern willkürlich ausgewählt.
       
       In der AfD ist man sicher: „Wäre dieser Fall heute passiert, gäbe es hier
       so etwas wie in Köthen.“
       
       Schon Anfang September, eine Woche nach dem Mob in Chemnitz, waren 300
       Demonstranten in Wittenberg auf der Straße. „Warum dauern die Ermittlungen
       so lange? Soll hier etwas unter den Teppich gekehrt werden?“, fragte ein
       AfD-Redner und sagte, dass überhaupt noch ermittelt werde, sei seiner
       Partei zu verdanken. In einer Nebenstraße protestierten 60 Menschen gegen
       die Kundgebung. Der Reporter der Lokalzeitung sagt dazu später: „Hier fängt
       es an zu brodeln.“
       
       29 Sep 2018
       
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       Zur „We’ll come united“-Parade gegen Rassismus werden am Samstag in Hamburg
       25.000 Leute erwartet. Asmara Marap über Motivation und Mobilisierung.
       
 (DIR) Demonstration #Unteilbar in Berlin: Streit um die deutsche Flagge
       
       Am 13. Oktober wollen Tausende für Solidarität statt Ausgrenzung
       demonstrieren – einige allerdings mit Deutschlandfahne. Das stößt auf
       Kritik.