# taz.de -- Nach der Verhaftung Osman Kavalas: Ein Signal an die liberale Türkei
       
       > Mit der Verhaftung des Kunstmäzens Osman Kavala ist nun auch die liberale
       > Kunstszene in der Türkei ins Visier des AKP-Regimes geraten.
       
 (IMG) Bild: Osman Kavala, Vorsitzender des Kultur instituts Anadolu Kültür, während einer Pressekonferenz im EU-Parlament in Brüssel, 2014
       
       Ein feuerroter Drache, der einen Phönix küsst, türkisfarbene Pfauen
       schweben neben Regenbogenschlangen, friedlich umschwirren sich blaue
       Fische, ein gefleckter Panther und ein grün schillerndes Krokodil. Immer
       wieder bleiben Passanten dieser Tage auf Istanbuls Einkaufsmeile İstiklâl
       Caddesi staunend vor dem kunterbunten Zoo aus Stofftieren stehen, der im
       Erdgeschoss des Kunsthauses Arter aufgebaut ist.
       
       „Animal Kingdom“hat die türkische Künstlerin Canan die farbenfrohe
       Installation genannt, die in ihre Schau „Behind Mount Qaf“einlädt.
       Vielleicht ist es die Aussicht auf die Idylle, die so viele Besucher in das
       private Museum lockt. Der Berg aus der persischen Mythologie gilt als
       Ursprung der Erde, der nur nach langer, beschwerlicher Reise zu erreichen
       ist. In der Jetztzeit der türkischen Diktatur wird er plötzlich zum Symbol
       für den Weg vorwärts, aller Verzweiflung zum Trotz.
       
       Denn weiter entfernt von einer Welt, in der Löwen zu Lämmern werden, könnte
       die Türkei derzeit kaum sein. Jüngstes Beispiel: die Verhaftung Osman
       Kavalas Mitte Oktober. Drei Monate sitzt der bekannte türkische Kunstmäzen
       nun schon in Untersuchungshaft. Ein Schicksal, das er mit vielen türkischen
       Intellektuellen teilt. Doch nach dieser Verhaftung macht sich niemand mehr
       Illusionen über den Ernst der Lage. Denn Kavala ist nicht irgendwer.
       
       Der 1957 geborene Ökonom und Erbe eines Firmenimperiums gehört zu den
       wichtigsten Intellektuellen des Landes. 1999, nach dem schlimmen Istanbuler
       Erdbeben, entschied sich Kavala, nur noch als Philantrop zu wirken. 2002
       gründete er die Stiftung Anadolu Kültür, die sich besonders der Kultur der
       Minderheiten in der Türkei widmet. Sie unterhält Filialen in der
       armenischen Stadt Kars und im kurdischen Diyarbakır.
       
       ## Der Kunstbetrieb im Visier
       
       2008 folgte das Istanbuler „Depo“. Das alte Tabakwarenlager, einen
       Steinwurf von Istanbuls Galata-Turm entfernt, fungiert als
       Ausstellungshalle. Hier arbeiten aber auch Menschenrechtsgruppen, die die
       Gewalt gegen die kurdische Zivilbevölkerung im Südosten aufarbeiten. Hier
       dokumentiert die Organisation Siyah Bant (Black Tape) Zensurfälle in der
       Türkei.
       
       Im Hinterhof des historischen Gebäudes, 2005 erstmals von der
       Istanbul-Biennale als Kunst-Raum genutzt, umgeben von Teestuben, Dönershops
       und kleinen Handwerkern, funkt das Açık Radyo. Der 1995 gegründete,
       mehrfach ausgezeichnete Non-Profit-Sender war durch seine unabhängige
       Berichterstattung über den Gezi-Aufstand aufgefallen.
       
       Schon lange hatte man sich gewundert, dass ausgerechnet dieser Verbund der
       ästhetisch-politischen Gesellschaftsreflexion nach dem missglückten Putsch
       vom Sommer 2016 von den Verbotswellen gegen Hunderte Initiativen der
       Zivilgesellschaft verschont geblieben war.
       
       Kavalas Verhaftung sandte Schockwellen durch die Szene. Zum ersten Mal nach
       der Verurteilung der kurdischen Künstlerin Zehra Doğan im Sommer, ist der
       bis dahin einigermaßen unbehelligte Kunstbetrieb der Türkei direkt ins
       Visier der Staatsmacht geraten. Denn um ein Versehen der Behörden kann es
       sich bei diesem Mann nicht handeln.
       
       ## Investitionen in die Zivilgesellschaft
       
       Der Mann mit dem charakteristischen graumelierten Lockenkopf und
       Backenbart, der den Spitznamen „Der rote Millionär“trägt, war wiederholt
       öffentlich attackiert worden. Kavala ist nicht ganz so reich wie die
       anderen kunstliebenden Industriellenclans des Landes. In den Augen des
       Regimes dürfte er aber als der gefährlichere Repräsentant der säkularen
       Großbourgeoisie gelten.
       
       Während sich die Koçs, Sabancıs und Eczacıbaşıs aufwändige private
       Kunstmuseen bauen oder spektakuläre Kulturevents wie die
       Istanbul-Biennale, Jazz-, Theater oder Filmfestivals sponsern, unterstützt
       der Antimilitarist die vielen kleinen Projekte und Vereine der türkischen
       Zivilgesellschaft.
       
       Als der 60-Jährige am Istanbuler Flughafen verhaftet wurde, kam er gerade
       aus Gaziantep, wo er mit dem deutschen Goethe-Institut eine Kulturstiftung
       für syrische Flüchtlingskinder gründen wollte. Zu seinen zahllosen
       Initiativen zählt auch die Gründung eines türkisch-armenischen
       Jugendorchesters.
       
       ## Der „Soros der Türkei“
       
       Der AKP ist ein Dorn im Auge, dass seine Stiftung von der „Open Society“des
       amerikanisch-ungarischen Milliardärs und Philantropen George Soros
       unterstützt wird. Unmittelbar nach Kavalas Verhaftung denunzierte Präsident
       Erdoğan ihn als „Soros der Türkei“. Vor der AKP-Parlamentsfraktion in
       Ankara donnerte der unnachgiebige Präsident: „Wir bleiben hart gegen alle,
       die diese Nation von innen heraus bedrohen.“
       
       Nun sitzt auch der freundliche, stille Mann mit den ausgesuchten
       Umgangsformen im Untersuchungsgefängnis Silivri, Europas größtem Knast im
       Westen Istanbuls. Zusammen mit Angeklagte wie dem deutsch-türkischen
       Journalisten Deniz Yücel, den Intellektuellen Ahmet und Mehmet Altan oder
       dem Investigativ-Journalisten Ahmet Şık.
       
       Mit seiner Internierung setzt Erdoğan ein unübersehbares Signal an die
       liberale Bourgeoisie, es nicht zu weit zu treiben mit der Promotion der
       liberalen Öffentlichkeit, deren Erhalt sie sich von der Kunst erhoffen.
       
       Er sendet aber auch ein Zeichen an die Organisationen der internationalen
       Zivilgesellschaft, dem Goethe-Institut oder der niederländischen
       Prince-Claus-Stiftung. Wer mit unseren Gegnern paktiert, so Erdoğans
       Botschaft, landet in der Terror-Ecke, wird als „Agent“feindlicher Mächte
       gebrandmarkt.
       
       Wohl auch aus diesem Grund hat das Berliner Maxim Gorki Theater die
       Notbremse gezogen und eine Petition von fast 200 Künstlern und
       Intellektuellen für die Freilassung Kavalas lanciert. „Die Türkei darf kein
       geschlossenes Land werden“,hatte der dort im letzten Jahr deutsche
       Kulturschaffende beschworen, den Kulturaustausch mit seiner Heimat nicht
       abzubrechen. Nun sitzt Kavala selbst in Isolation.
       
       Wie sehr sich die Stimmung gedreht hat am Bosporus, zeigte sich ebenfalls
       im Oktober. Eine Gruppe von Protestierenden war in den
       Abdülmecid-Efendi-Pavillon, einen Palast aus dem 19. Jahrhundert,
       eingedrungen, der die Kunstsammlung des Industriellen Ömer Koç beherbergt.
       
       Wie schon die religiösen Fanatiker, die auf der Istanbuler Kunstmesse im
       vergangenen Winter Sturm gegen eine Statue liefen, die Sultan Abdülhamid
       II. mit einer Frau im Bikini auf der Brust zeigte, fühlten sich die
       Protestler diesmal von der Skulptur eines nackten Kauernden des
       australischen Künstlers Ron Mueck verletzt.
       
       Dass die Mischung aus wachsender Intoleranz und nackter Gewalt die bis vor
       Kurzem noch übermütige, kritikverliebte Kunstszene in ein Schattenreich
       verwandelt habe, in dem nur noch „harmlose, dekorative“Kunst Chancen habe,
       wie der Kurator Necmi Sönmez kürzlich behauptete, stimmt so pauschal nicht.
       
       Das bewies die Istanbuler Kunstwoche Anfang September samt einer durchaus
       politischen Biennale. Selbst der Ende 2015 unter mysteriösen Umständen
       geschlossene Art Space „Salt Beyoğlu“soll demnächst wieder öffnen.
       
       Doch der Stoßseufzer „Wir haben den Glauben an Demokratie, Frieden und die
       Herrschaft des Rechts verloren“, den Ayşe Buğra, Ehefrau Osman Kavalas und
       Wirtschaftsprofessorin an der Istanbuler Bosporus-Universität kürzlich
       ausstieß, ist nicht übertrieben.
       
       ## Im Berliner Exil
       
       Immer mehr Künstler- und Kurator*innen haben sich inzwischen eine Exklave
       in der neuen Hauptstadt der türkischen Kultur-Diaspora zugelegt – Berlin.
       Der ästhetische Jungspund Ahmet Ögüt ebenso wie Gülsün Karamustafa, die
       unerschrockene Grande Dame der türkischen Kunst.
       
       „Jetzt ist nicht die Zeit für Helden“,erklärt auch Selda Asal die Vorsicht
       vieler türkischer Künstler*innen. Die Videokünstlerin hat schon 2012 ihr
       legendäres „Apartment Project“, Istanbuls 1999 gegründeten, ersten
       unabhängigen Art Space, von Beyoğlu nach Berlin-Neukölln verlegt.
       
       Aber so ist es mit den Utopien einer anderen, besseren Welt. Zu ihr gelangt
       man nur durch ein Fegefeuer. „Purgatory“hat die Künstlerin Canan eine der
       Arbeiten in ihrer „Mount Qaf“-Ausstellung genannt. Auf einem rotierenden
       Tüllvorhang in Schwarz und Grau sieht man eine fragile Frauengestalt in die
       Dunkelheit aufsteigen, umgeben von Vögeln und Engeln.
       
       16 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arend
       
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