# taz.de -- 10. Jahrestag der Ermordung Bhuttos: Pakistan hat an Zivilität verloren
       
       > Seit dem Mord an Benazir Bhutto sind die Militärs und die Islamisten
       > stärker geworden. Dagegen zeigt sich die Regierung geschwächt.
       
 (IMG) Bild: Pakistans ehemalige Regierungschefin Benazir Bhutto auf einer Veranstaltung in London im Jahr 2007​
       
       Islamabad taz | Ahmed Raschid, Pakistans bekanntester Journalist und Autor
       von Bestsellern über die Taliban, ist sich sicher: „Benazir Bhutto wäre
       eine starke Führerin gewesen“, schreibt er auf Anfrage per E-Mail über die
       ehemalige Regierungschefin. „Sie hätte versucht, die Demokratie in Pakistan
       zu konsolidieren.“ Stattdessen seien seit ihrer Ermordung das Militär und
       militante Islamisten stärker geworden.
       
       Als vor zehn Jahren die Herrschaft von General Pervez Musharraf zu Ende
       ging, kehrte Expremierministerin Bhutto aus dem Exil zurück. Die einst
       erste Regierungschefin eines islamischen Landes galt für die Wahl 2008 als
       Favoritin. Schon bei ihrer Rückkehr entging sie in Karatschi nur knapp
       einem Anschlag mit 149 Toten. Doch bei einem weiteren Attentat wurde sie am
       27. Dezember 2007 in Rawalpindi getötet. Die Regierung machte Pakistans
       damaligen Taliban-Führer Baitullah Mehsud verantwortlich, der in
       Südwasiristan an der Grenze zu Afghanistan kämpfte. Später erklärte ein
       Gericht auch Musharraf für verdächtig. Der Mord wurde nie aufgeklärt.
       
       Bhuttos unbeliebter Ehemann Asif Ali Zardari gewann stellvertretend die
       Präsidentschaftswahl. Seine größte Leistung war, seine Amtszeit regulär zu
       beenden. Doch unter seiner bis 2013 dauernden Präsidentschaft gewannen die
       Taliban an Stärke. „Eine Präsidentschaft Bhuttos hätte keinen Unterschied
       gemacht“, glaubt der Atomphysiker Pervez Hoodbhoy. Der Professor ist
       Aushängeschild der liberalen Bildungselite. „Die Taliban sind unter Bhuttos
       erster Regierung in den 1990er-Jahren erst groß geworden. Sie hatte nur
       ihre Macht im Blick.“
       
       Unter ihrem Witwer wich die Regierung vor den Islamisten zurück. Das zeigte
       sich, als der Bhutto-Vertraute und Provinzgouverneur Salman Taseer im
       Januar 2011 erschossen wurde. Er hatte sich für eine Christin eingesetzt,
       der Blasphemie vorgeworfen wurde. Nach dem Mord, den Islamisten feierten,
       traute sich kein Kabinettsmitglied auf Taseers Beerdigung.
       
       ## Angriff auf Schule brachte die Wendung
       
       Die Wende gegenüber den Terrorgruppen erfolgte erst nach einem
       Taliban-Angriff auf eine von der Armee betriebene Schule in Peschawar im
       Dezember 2014. Damals starben 141 Menschen, darunter 132 Schüler. Auf
       Terrorismus steht seitdem die Todesstrafe. Das Militär startete mehrere
       Offensiven, darunter in der Taliban-Hochburg Südwasiristan. Heute
       präsentiert die Armee in der dortigen Distrikthaupstadt Wana stolz ihre
       Erfolge. Beim Briefing in einem bunkerartigen Raum des Quartiers der 9.
       Division erklärt der kommandierende General, der seinen Namen nicht in der
       Zeitung lesen möchte: „Wir sind jetzt in der Phase der Auslöschung des
       Gegners.“
       
       Die Taliban und die Reste des Terrornetzwerkes al-Qaida wurden über die
       Grenze nach Afghanistan getrieben, aber es flohen auch eine halbe Million
       Zivilisten. Die seien inzwischen zurückgekehrt, sagt der General. Das
       Militär habe dafür gesorgt, dass alle Orte heute wieder einen Markt und
       eine Moschee hätten. Die Zahl der Schulen in der Region, in der nur jeder
       dritte Bewohner lesen und schreiben könne, sei verdoppelt worden.
       
       „Die Sicherheitslage ist viel besser“, erklärt der General. 139 Forts – mit
       Wachtürmen ausgestattete Betonfestungen auf Bergrücken – seien zur
       Sicherung der Region errichtet worden oder würden noch gebaut. Das
       Militärcamp ist bestens in Schuss. Ein Vorzeigecamp. Alles ist neu und
       modern, Spuren von Kämpfen gibt es hier nicht.
       
       Dabei waren die Verluste des Militärs hoch, wie gern betont wird, um Kritik
       an der angeblich halbherzigen Terrorbekämpfung zurückzuweisen. Laut dem
       General starben seit März 2016 in Südwasiristan 830 Soldaten und Offiziere
       sowie 2.638 „Terroristen“. Sorgen mache ihm, dass sich auf Afghanistans
       Seite der Grenze der „Islamische Staat“ (IS) eingenistet habe.
       
       ## Die zivile Regierung ist schwächer geworden
       
       In Armeehauptquartier in Rawalpindi betont ein Militärsprecher, der
       ebenfalls nicht namentlich genannt werden möchte, den globalen Kontext:
       „Pakistan ist das einzige Land, das den Krieg gegen den Terror effektiv
       geführt hat. Wir sind kein Syrien geworden.“
       
       Auch Kritiker des Militärs erkennen die Erfolge gegen islamistische
       Terrorgruppen an. Doch würden Teile des Militärs weiter mit Islamisten
       Politik machen. „Radikalislamistische Elemente haben heute mehr Einfluss
       als zur Zeit Bhuttos“, meint die Militärwissenschaftlerin Ayesha Siddiqa,
       die mit einem Buch über die Geschäfte des Militärs bekannt wurde. So würden
       Islamisten heute mehr Menschen wegen angeblicher Blasphemie ermorden, was
       aber nicht als Terrorismus zähle.
       
       „Das Militär ist stärker und die von der Muslim-Liga geführte zivile
       Regierung schwächer“, sagt der angesehene Journalist Rahimullah Yusufzai.
       Er hatte als erster und letzter pakistanischer Journalist Al-Qaida-Chef
       Osama bin Laden interviewt. Die Schwäche der bis zum Sommer von Nawaz
       Sharif geführten Regierung ginge laut Yusufzai aber auch auf Korruption
       zurück.
       
       Im November führten Militär und Islamisten die Regierung vor. Eine
       Islamistengruppe, die sich auf den Mörder des Gouverneurs Taseer beruft,
       hatte wochenlang die wichtigste Kreuzung der Hauptstadt Islamabad besetzt.
       Damit protestierte sie gegen eine neue, angeblich blasphemische
       Eidesformel. Als die Polizei schließlich unter dem Druck eines
       Gerichtsurteils räumen wollte, gab es sechs Tote und Hunderte Verletzte.
       Das daraufhin von der Regierung gerufene Militär wollte aber nur
       „vermitteln“. Dabei verhalf die Armee den Islamisten zum Sieg, während die
       Regierung nachgeben und den zuständigen Minister entlassen musste.
       
       ## Kritik von Menschenrechtlern
       
       Menschenrechtler kritisieren, dass zunehmend Aktivisten und Blogger, die
       sich für eine Aussöhnung mit Indien einsetzen oder das Militär kritisieren,
       verschleppt und zum Teil gefoltert werden, mutmaßlich von Islamisten oder
       Militärs. „Diese Fälle werden nie aufgeklärt“, sagt Siddiqa.
       
       „Früher benutzte das Militär die Islamisten, um die Politik in Indien und
       Afghanistan zu beeinflussen. Doch heute nutzt es sie auch innenpolitisch,
       um die etablierten Parteien zu schwächen,“ meint ein in Islamabad lebender
       westlicher Beobachter. „Das Militär will eine Art Kriegsrecht, ohne es
       formal zu verhängen“, sagt Hoodbhoy. Die Wahl 2018 dürfte die Partei von
       Ex-Cricket-Star Imran Khan mit dem Segen des Militärs gewinnen. Galt er
       einst als Reformer, zieht er heute oft mit Islamisten an einem Strang.
       Bhuttos unerfahrener Sohn Bilawal wird keine Chance haben.
       
       Die Reise fand auf Einladung der Botschaft Pakistans statt.
       
       27 Dec 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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