# taz.de -- Debatte gescheiterte Regierungsbildung: Wie wär's mit Casting statt Wahlen?
       
       > Bei „Deutschland sucht die Superregierung“ würden FDP und AfD gewinnen.
       > Das wäre das Ende der Sozialromantik, Verlierer würden recycelt.
       
 (IMG) Bild: Auf zum Casting der neuen Regierung! Bei „Germany's next Topmodel“ funktioniert das schon ganz gut (Archivbild 2008)
       
       Die gescheiterte Regierungsbildung von dreieinhalb Parteien gibt wieder
       einmal der Mehrheit unserer Bevölkerung recht: Demokratie funktioniert
       nicht. Außerdem kostet sie nur. Auch Vertreter von Lügenpresse und
       Staatsfunk wurden nicht müde, ihren Kunden vorzurechnen, was etwa Neuwahlen
       kosten. Für solche Summen könnte man leicht zwei Golfplätze für
       Leistungsträger und Entscheider sowie eine Skischaukel für die fitness- und
       markenbewusste Mittelschicht errichten.
       
       Mein bescheidener Vorschlag für eine Regierungsbildung, die kostenneutral,
       marktgerecht und sozialverträglich ist, lautet daher: Abschaffung der
       Wahlen mit ihren Unwägbarkeiten und Kostenfaktoren. Stattdessen politisches
       Casting als Fernsehunterhaltung. Die große Samstagabend-Sondierungsshow.
       Regierung ist, wer siegreich aus der Endausscheidung hervorgeht. Der
       Vorteil einer solchen Umgestaltung wäre nicht allein im ökonomischen Gewinn
       zu sehen, sondern auch im sozialen, denn auf diese Weise würden auch die
       „ein bisschen übergewichtigen und ein bisschen armen“ Fernsehenden, die ein
       Unverantwortlicher im Programmbereich jüngst als Zielgruppe definierte,
       wieder in den politischen Entscheidungsprozess einbezogen.
       
       In der derzeitigen Situation würde wohl nach dem großen „Muttimord“ eine
       Koalition aus FDP und AfD aus der Endausscheidung von „Deutschland sucht
       die Superregierung“ hervorgehen. Eine solche Regierung wäre zugleich
       marktkonform und volksnah. Sie brächte endlich den inneren Zustand der
       Gesellschaft auch nach außen zum Ausdruck und hätte aller Voraussicht nach
       sowohl einen Anstieg der Zuschauerquoten als eine erfreuliche Entwicklung
       des DAX zur Folge. Der Wirtschaftsstandort Deutschland könnte aufatmen.
       
       Nur einer solchen vom Fernsehvolk legitimierten Regierung (Wahlen können
       gefälscht werden; was im Fernsehen kommt, ist unbestreitbare Wirklichkeit)
       trauen wir zu, auch drastische Maßnahmen für die Erhaltung der
       Wettbewerbsvorteile des amtierenden „Exportweltmeisters“ durchzusetzen.
       Denn immer noch leidet unsere Gesellschaft unter Sozialromantik und
       Humanitätsduselei, was sowohl die Entfaltung des Profit-Elans der Eliten
       als auch die Kultur nationaler Komfortzonen für die treudeutsche breite
       Mitte behindert.
       
       ## Der Leid der anderen ist egal
       
       Kürzlich musste ich in der Zeitung die Geschichte von einem ehrbaren
       jüngeren Leistungsträger unserer Gesellschaft lesen, der am Aufbruch zu
       seiner Arbeitsstelle durch einen parkenden Rettungswagen gehindert wurde,
       dessen Begleitpersonal mit der Rettung eines Kindes beschäftigt war, das in
       einer Kita kollabiert war und vermutlich zu irgendwelchen Minderleistern
       oder Verlierern gehörte. Der nachvollziehbare Ausruf des ehrenwerten
       Mitglieds der Wachstumsgesellschaft – „Mir doch egal, wer da reanimiert
       werden muss! Ich muss zur Arbeit!“ –, dem mit leichten Schlägen gegen
       Gefährt und Rettungspersonal Nachdruck verliehen wurde, führte nicht zum
       Erfolg, im Gegenteil: Man entblödete sich nicht, dieses Muster an
       Einsatzbereitschaft für Wirtschaftswachstum und Karriere mit einer Anzeige
       wegen Sachbeschädigung zu behelligen.
       
       Anhand solcher Fälle von ernsthaften Systemstörungen obliegt es einer neu
       gecasteten Regierung, über Maßnahmen nachzudenken, mit denen
       Wettbewerbsnachteile für den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu
       beseitigen wären. Es wird jedermann einsichtig sein, dass eins der größten
       Hemmnisse darin besteht, dass Staat und Gesellschaft dringend benötigtes
       Geld für die Versorgung und Rettung von Versagern, Kranken, Verlierern,
       Fremden und Faulenzern verschwendet, insbesondere für den Nachwuchs einer
       wachsenden Klasse von überflüssigen und unwirtschaftlichen Menschen. Mein
       bescheidener Vorschlag geht nun dahin, diese Menschen und insbesondere
       ihren Nachwuchs dem Wirtschaftskreislauf auf eine sozialverträgliche und
       umweltneutrale Weise wieder zuzuführen. Wir können uns unnütze Menschen in
       einer Neuen Sozialen Marktwirtschaft einfach nicht mehr leisten; wir
       benötigen eine Obergrenze für Sozialschmarotzer und Minderleister!
       
       In der Praxis kann dies so aussehen: Nach einem Malus-System werden Punkte
       vergeben, die für soziale Herkunft, Wohnviertel, Bildungsaussichten,
       Krankheit und andere Indikatoren der Nutzlosigkeit stehen. Ab einem
       bestimmten Punktestand (übrigens bieten sich auch hier neue Fernsehformate
       an) schaltet sich die soziale Obergrenzen-Polizei ein und führt die
       Verlierer einem Recyclingverfahren zu, das mehrere gravierende Probleme
       löst.
       
       Wie ein solches Recycling aussehen könnte, beschreibt anschaulich ein Text
       aus dem Jahr 1729: Jonathan Swift beschreibt in „A Modest Proposal“(„Ein
       bescheidener Vorschlag“) einen überraschenden Weg zur Beseitigung von
       Überbevölkerung, Armut und Kriminalität im britisch regierten Irland: Um zu
       verhindern, dass die Kinder der Armen ihren Eltern oder dem Staat zur Last
       fallen, und um sie nutzbringend für die Allgemeinheit zu verwenden, könnte
       man irische Babys als Nahrungsmittel nutzen und nach London exportieren.
       Genial, oder?
       
       Manch Bedenkenträger der Jetztzeit wird nun einwenden, eine solch
       drastische Maßnahme sei nicht recht mit Prinzipien christlicher
       Nächstenliebe vereinbar. Diesen gutmenschlichen Chaoten sei gesagt: Das
       Gegenteil ist der Fall. Es handelt sich um nichts anderes als um einen Akt
       der Barmherzigkeit. Man bedenke, was den Exklusions-Objekten erspart
       bleibt: Mobbing in den Schulen, Mangelernährung, Arbeitslosigkeit,
       Altersarmut, Amokläufe oder sinnloses Dahinvegetieren. Die Anzahl der
       Menschen, die sich als Gangster, Drogendealer, Prostituierte oder
       Auftragsmörder wieder einer sinnvollen Tätigkeit im ökonomischen Kreislauf
       zuführen, ist schließlich begrenzt. Alles Unprofitable und Undeutsche
       könnte so seinen Beitrag zum Wohlbefinden guter Deutscher zwischen
       Seychellen und Hoyerswerda leisten.
       
       Das alles und noch viel mehr könnten wir mit einer TV-, markt- und
       volkskompatiblen Koalition aus FDP und AfD erreichen. Trau dich,
       Deutschland!
       
       22 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Georg Seeßlen
       
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