# taz.de -- Sonderverkaufstag bei Alibaba: 22 Milliarden gegen die Einsamkeit
       
       > Mit Rabatten wollte die chinesische Handelsplattform Alibaba ursprünglich
       > die vielen Singles im Land über ihr Alleinsein hinwegtrösten.
       
 (IMG) Bild: Der Umsatz wird gefeiert
       
       Schanghai taz | Li Mei braucht eigentlich gar nicht auf Mitternacht zu
       warten. Die 23-Jährige hat ihre Großbestellung schon vor Tagen aufgegeben.
       Angesichts der vielen neuen Rabatte hat sie ihrem bereits recht vollen
       Warenkorb auf Tmall in den letzten Stunden noch ein paar Dutzend mehr
       Artikel hinzugefügt. Die Bestellung läuft automatisch, sobald der Kalender
       den 11. November anzeigt. Das ist in der speziell auf ihrem Smartphone
       installierten App so eingestellt.
       
       Trotzdem fiebert sie mit. „Der Countdown gehört doch zum Singles’ Day
       dazu“, sagt sie. Und wenn dann nach Mitternacht bei der Live-Übertragung
       gezeigt wird, wie viel Umsatz der chinesische Internetgigant Alibaba über
       seine Handelsplattformen wie Tmall und Taobao in den ersten Stunden gemacht
       hat, wird auch ihre Bestellung darin enthalten sein. „Das gibt einem das
       Gefühl, dabei zu sein, wenn ein neuer Rekord gebrochen wird“, sagt Li Mei.
       
       Mit einer Riesenparty auf dem Schanghaier Expo-Gelände stimmt der
       chinesische Internetgigant Alibaba in der Nacht zum gestrigen Sonnabend auf
       Chinas wichtigsten Onlineverkaufstag ein. US-Sänger Pharrell Williams gibt
       sein Debüt im Reich der Mitte. Hollywood-Star Nicole Kidman ist dabei. Sie
       und viele chinesische Stars treten gemeinsam mit Alibaba-Gründer Jack Ma in
       einer Fernsehgala auf, die die chinesischen Staatssender landesweit
       übertragen.
       
       Die Feier ist eine gigantische Verkaufsshow. Alle paar Minuten wird Werbung
       eingeblendet. Pünktlich ab Mitternacht rast auf einer riesigen Leinwand
       eine digitale Uhr mit neun Ziffern los, so schnell, dass die letzten vier
       Zahlen nicht mehr zu erkennen sind (Foto). Der Rekord wird gebrochen.
       
       ## 20 Jahre alte Tradition
       
       Nach den ersten zwei Stunden hat Chinas Internetgigant Alibaba über seine
       diversen Handelsplattformen Waren im Wert von umgerechnet mehr als 10
       Milliarden Euro umgesetzt. Bis zur Mittagszeit am Samstag liegen die
       Verkäufe bei 15,7 Milliarden Euro – mehr als am gesamten 11. November 2016.
       Am Ende sind es 22,86 Milliarden Euro. „Ein absoluter Rekord“, sagt
       Alibaba-Präsident Daniel Zhang. Und 92 Prozent der Kunden hätten per
       Smartphone eingekauft.
       
       Den „Tag der Singles“ am 11. 11. gibt es in China schon seit mehr als 20
       Jahren. Weil das Datum an diesem Tag nur aus Einsen besteht, hatten
       chinesische Studenten ihn in den späten neunziger Jahre zu einer Art
       Anti-Valentinstag erkoren, um mit Single-Partys oder Blind Dates aus der
       Not eine Tugend zu machen. Denn Singles gibt es in der Volksrepublik eine
       Menge. Über 143 Millionen Chinesen gelten offiziell als alleinstehend. Sie
       machen 11 Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung aus.
       
       Und das in einem Land, in dem Ehe und Familie einen hohen Stellenwert
       haben. Vor allem Männer zwischen 30 und 40 haben es heutzutage schwer, eine
       Partnerin fürs Leben zu finden. Die erst vor zwei Jahren abgeschaffte
       Einkindpolitik lässt grüßen. Ihre Einführung vor knapp 35 Jahren hat zu
       einem erheblichen Männerüberschuss geführt. Auf 100 Frauen kommen 117
       Männer.
       
       Alibaba-Gründer Jack Ma griff die Idee auf und machte sich Gedanken, wie er
       aus dem Tag der einsamen Herzen Profit schlagen könnte. Und was kann im
       modernen China besser über Einsamkeit hinwegtrösten? Ausgiebiges shoppen.
       
       ## Die Vorbilder verblassen
       
       Alibaba bat vor acht Jahren zum ersten Mal sämtliche Anbieter auf seinen
       Handelsplattformen darum, für exakt 24 Stunden den Kunden hohe
       Preisnachlässe zu gewähren. Ein Jahr später stiegen auch andere
       Internethändler und selbst herkömmliche Kaufhäuser ein – die Rabattschlacht
       war geboren.
       
       2014 gaben die chinesischen Konsumenten erstmals mehr aus, als an den
       US-Vorbildern Black Friday und Cyber Monday zusammen umgesetzt wird.
       Händler in den USA läuten an diesen beiden Tagen rund um das
       Thanksgiving-Wochenende mit Rabatten das Weihnachtsgeschäft ein.
       
       In China hat Weihnachten keine Bedeutung. Dennoch lag der Wert der
       verkauften Waren im vergangenen Jahr bereits bei über 15 Milliarden Euro –
       und damit fast dreimal so hoch wie beim Black Friday und Cyber Monday in
       den USA. In diesem Jahr werden es am Ende des Tages in China über fünfmal
       so viel sein.
       
       Alibaba selbst ist in China vor allem mit seinen Diensten wie Taobao und
       Tmall groß geworden. Taobao ist eine Art riesiges Internetkaufhaus für
       Kleinanbieter. Darauf findet sich so ziemlich jeder Konsumartikel, den es
       auf der Welt gibt. Tmall bietet Unternehmenskunden eine Plattform. Auch
       ohne Single Day sind diese beiden Handelsplattformen im ganzen Land
       äußerst beliebt und machen im Heimatland mehr Umsatz als Amazon und Ebay
       weltweit zusammen. Amazon und Ebay selbst spielen in China kaum eine Rolle.
       Amazon rangiert unter den Onlinehandeldienstleistern weit abgeschlagen auf
       dem fünften Platz. Ebay ist schon lange nicht mehr in China präsent.
       
       ## Drei Millionen Paketboten
       
       Der 11. November steht in China denn auch nicht mehr länger nur für
       ungezügelten Konsum, sondern hat sich zu einem Tag der Superlativen
       gemausert – zur Freude der Konsumindustrie weltweit. Mehr als 150.000
       verkaufte Rasierer innerhalb der ersten Stunde dürften in diesem Jahr
       Philips, Braun und Panasonic begeistern. Haier, Midea, Sharp,
       Bosch-Siemens und andere Hausgerätehersteller verkauften in derselben Zeit
       mehr als 100.000 Mikrowellen. Die Umsätze von Smartphones stiegen in der
       ersten Stunde um über 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die von
       Lebensmitteln um 350 Prozent. Über seine eigenen Lebensmittelanbieter hat
       Alibaba eigenen Angaben zufolge bis Samstagnachmittag allein zwei Millionen
       Krabben an seine Kunden verschickt.
       
       Mehr als 140.000 Marken machen in diesem Jahr allein auf den
       Alibaba-Plattformen mit, darunter 60.000 Marken aus dem Ausland. Die
       chinesische Post rechnet damit, dass in den nächsten Tagen das Personal von
       Logistikunternehmen auf mehr als drei Millionen Mitarbeiter aufgestockt
       werden muss, um die wahrscheinlich über eine Milliarde verschickten Pakete
       zum Kunden zu bringen.
       
       Alibaba gibt zu, dass diese hohen Zahlen nicht zuletzt deswegen zustande
       kommen, weil viele Verbraucher ihre seit Monaten geplanten Einkäufe bewusst
       auf den 11. November geschoben haben, um die Rabatte des Singles’ Day
       mitzunehmen. So auch Li Mei. Sie hat in ihrem Warenkorb unter anderem eine
       Nintendo Switch, einen Thermomix, jede Menge Kleidung, einen Jahresvorrat
       an Gesichtscreme sowie eine Flugreise nach Amsterdam. Denn auch
       internationale Fluggesellschaften machen beim Singles’ Day mit und haben
       ihre Preise gesenkt.
       
       ## Gigantisches Eigenlob
       
       Alibaba berichtet über einen Bauer aus der Provinz Jiangxi, der in seinem
       Heimatdorf gesalzene Enteneier herstellt und sie lange Zeit nur im eigenen
       Dorf verkauft hatte. Alibaba gewährte ihm einen Kredit. Mit dem Geld konnte
       er sich eine Verpackungsmaschine anschaffen, die den Onlineversand ihrer
       Enteneier ermöglichte. Er machte am Samstag einen Umsatz von 1,4 Millionen
       Yuan, rund 180.000 Euro.
       
       Für großes Aufsehen wiederum sorgte in den sozialen Medien das Angebot
       eines chinesischen Schnapsherstellers, der für 11.111 Yuan (umgerechnet
       etwa 1.500 Euro) den ersten 99 Käufern einen lebenslangen Vorrat seines
       Baijius verspricht. Wer es unter die Auswahl schafft, darf sich über
       monatliche Lieferungen von jeweils zwölf Kisten à zwölf Flaschen dieses
       hochprozentigen Reisschnapses freuen. Und sollten sie in den nächsten fünf
       Jahren sterben, werde das Lieferrecht automatisch an ein Familienmitglied
       übertragen. Der Hersteller versicherte: Single muss der Käufer nicht sein.
       
       12 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Lee
       
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