# taz.de -- Netflix-Doku über Joan Didion: 94 Minuten sind nicht genug
       
       > „Die Mitte wird nicht halten“ porträtiert die US-Schrifstellerin Joan
       > Didion. Sie will nichts enthüllen, sondern ihr Lebenswerk würdigen.
       
 (IMG) Bild: Joan Didion mit ihrem Mann John Dunne und der Tochter Quintana Roo im Jahr 1968
       
       „Ich weiß nicht, was es bedeutet, sich zu verlieben. Das ist nicht Teil
       meiner Welt“, sagt Joan Didion irgendwann mit verdutztem Blick. Die
       82-jährige US-Autorin erinnert sich, wie sie ihren Ehemann John Gregory
       Dunne Anfang der 60er Jahre kennenlernte. „Ich denke, ich mochte es
       einfach, ein Paar zu sein. Und wollte, dass es so weitergeht.“
       
       Es sind Momente wie dieser, in denen der Dokumentarfilm „Die Mitte wird
       nicht halten“ es schafft, uns etwas Neues über Didion zu erzählen. Genauso
       auch die Szene, in der sich Didion in ihrer Küche ein Kresse-Sandwich macht
       und die Kruste mit einem viel zu großen Messer entfernt. Unbekannte Details
       aus ihrem Leben. Denn die Schriftstellerin, die neben ihren Romanen,
       Drehbüchern und politischen Reportagen, vor allem mit autobiografischen
       Essays Ruhm erlangte, hat wohl kaum einen Wendepunkt in ihrem Leben nicht
       mit ihren Leser*innen geteilt.
       
       Von ihren Begegnungen mit Ikonen der 60er Jahre auf Hauspartys („The White
       Album“), über ihre Kindheit in Sacramento („Where I Was From“) bis hin zur
       Bewältigung der Trauer. Erst um ihren verstorbenen Mann („The Year fo
       Magical Thinking“) und kurz darauf um ihre verstorbene Tochter („Blue
       Nights“).
       
       Didions gesamte Vita lässt sich in ihren persönlichen Texten und Memoiren
       nachlesen. Und nicht nur das: Als Chronikerin ihrer Zeit führt sie ihre
       Leser*innen durch die Abgründe der Hippie-Bewegung oder den Bürgerkrieg in
       El Salvador. Was für einen Mehrwert also kann eine Dokumentation über sie
       noch bieten?
       
       Die Netflix-Produktion macht sich gar nicht erst die Mühe, eine neue
       Erzählung zu setzen. Sie zitiert mit Didions Stimme Passagen aus ihrem Werk
       und lässt sie von ihr kommentieren. Die fehlende Distanz ist vor allem
       dadurch zu begründen, dass es sich beim Regiesseur des Films um Griffin
       Dunne handelt, Didions Neffen. Er teilt zeitweise Erinnerungen aus seiner
       Kindheit und gleicht diese mit der Perspektive seiner Tante ab.
       
       Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das die beste Art ist, um mit einer
       Denkerin umzugehen, die sich zeitlebens an allem, was sie umgab, und am
       schonungslosesten an den eigenen Unzulänglichkeiten abgearbeitet hat. Wir
       sehen einer jungen Vogue-Autorin beim Aufstieg zu – einer der
       schillerndsten Journalistinnen und Schriftstellerinnen des Landes. Einer
       hippen jungen Frau, die mit Zigarette in der Hand und mit verletzlichem
       Blick vor dicken Autos post.
       
       Mit Archivbildern und Erzählungen von befreundeten Autoren und Redakteuren
       wird das Bild eines glamourösen Intellektuellenpaars gezeichnet (Ehemann
       Dunne war ebenfalls Autor), das fortwährend an gegenüberliegenden
       Schreibtischen arbeitet, Texte austauscht, sich gegenseitig redigiert. Auch
       Texte, in denen es um Probleme in der eigenen Ehe geht. „Man nutzt das
       Material, das man hat“, erklärt Didion heute nüchtern.
       
       Zugleich aber stellt sich die Frage: Ist da wirklich nicht ein einziger
       Moment, eine einzige kleine Tragödie oder eine Banalität in Didions
       aufregendem Leben, die wir nicht aus ihren Erzählungen kennen? Die Doku
       sagt entschlossen: Nein. Oder vielleicht auch: Wen kümmert’s?
       
       Der Film will gar nicht einen neuen Blick auf die Grande Dame der
       US-Literatenszene werfen. Er will nichts enthüllen, sondern das Lebenswerk
       würdigen. All jene, die es nicht kennen, will er zum Lesen animieren.
       Denen, die es kennen, liefert er visuellen Stoff zu all den Szenen, die
       Didions Texte ohnehin in nahezu fotorealistischem Stil schildern und
       verewigen.
       
       Schade ist, dass die Doku nur wenig von Didions politischen Reportagen und
       kaum von ihren chronisch unterschätzten, aber großartigen Romanen erzählt.
       Am Ende passt in 94 Minuten eben nicht einmal die Erwähnung all der
       Leistungen, zu denen Didion in 82 Jahren fähig war.
       
       8 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fatma Aydemir
       
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       Hier kennt man ihr letztes Buch "Das Jahr magischen Denkens". Richtig gut
       sind allerdings Joan Didions Essays - durch und durch ironisch, trotzem nie
       ohne Standpunkt.