# taz.de -- Kommentar Ehegesetz in der Türkei: Auf dem Weg zur Scharia
       
       > Bald dürfen in der Türkei auch islamische Rechtsgelehrte zivile Ehen
       > schließen. So wird das Zivilrecht ausgehebelt. Der nächste Schritt wird
       > folgen.
       
 (IMG) Bild: Dieses Gesetz ist eine Gefahr – nicht nur für Säkulare
       
       Es hört sich zunächst harmlos an. Das türkische Parlament hat beschlossen,
       dass künftig neben regulären Standesbeamten auch [1][islamische Imame
       zivile Ehen schließen dürfen]. Was soll daran so schlimm sein, dass sich
       die gesamte Opposition in der Türkei und insbesondere die Frauen darüber
       aufregen? Schon bislang, so argumentiert die Regierung, war es auf dem Land
       häufig so, dass ein Imam Ehen geschlossen hat, die dann aber rechtlich
       nicht bindend waren und arme Gläubige damit diskriminiert hat.
       
       Was die Regierung nicht sagt: Diese Ehen wurden in der Regel mit
       minderjährigen Mädchen abgeschlossen, die nach dem Gesetz noch gar nicht
       heiraten dürfen. Durch die Legalisierung dieser Imam Heiraten werden damit
       praktisch auch Kinderehen sanktioniert. Offiziell behauptet die AKP, sie
       habe das Heiratsalter für Mädchen angehoben, tatsächlich schafft sie so
       eine Möglichkeit, das eigene Gesetz zu umgehen, was auch von vielen
       hochrangigen Parteimitgliedern genutzt wird. Das gilt aber nicht nur für
       Kinderehen, auch die Mehrehe wird damit wieder legalisiert.
       
       Das Gesetz hat aber noch eine sehr viel weitergehende Bedeutung: Es ist der
       Türöffner für die Wiedereinführung der Scharia, mindestens in einer
       moderaten Form. Die AKP hat eine große Erfahrung darin, strategische Ziele
       in kleinen Schritten anzusteuern, um so zunächst einen großen Aufschrei zu
       vermeiden. Deshalb ist offizielle auch nirgendwo von der Scharia die Rede.
       Doch mit den Imam-Heiraten wird das Zivilrecht an einem ersten Punkt
       ausgehebelt, und der nächste Schritt wird kommen. Vielleicht beim
       Scheidungs- oder Erbrecht, vielleicht an anderen Punkten.
       
       Zunächst wird es nur um parallele Strukturen gehen, doch dann, schon um
       rechtliche Konflikte zu vermeiden, wird eine Entscheidung notwendig werden
       und die wird zugunsten der Scharia fallen. Die Argumentation ist absehbar
       und bereits verschiedentlich erprobt: Wir sind ein zu 98 Prozent
       muslimisches Land, werfen AKP-Ideologen dann in die Debatte, warum sollen
       wir unsere Gesellschaft nach dem europäischen Zivilrecht der Ungläubigen
       ausrichten. Spätestens dann kommt die Scharia.
       
       20 Oct 2017
       
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