# taz.de -- Die Wahrheit: An Bord der Kogge
       
       > Ein Treffen alter Freunde. Zwischen den beiden besteht eine mysteriöse
       > Spannung. Ist der Grund eine Erzählung, die Erinnerungen ans Licht
       > befördert?
       
 (IMG) Bild: Mancher ehemalige Dschihadist klettert aus Freude über das Leben in Saus und Braus eine Palme hoch
       
       Der Romancier Einhellig traf eines Tages einen alten Jugendfreund. Beide
       stammten aus demselben entlegenen Ort und waren einst gemeinsam in die
       Metropole gezogen. Kurz nach ihrer Ankunft in der großen Stadt waren sie
       Zeuge einer kuriosen Begebenheit geworden, an die sich Einhellig kürzlich
       erinnert hatte. Unverzüglich brachte er die damaligen Ereignisse in eine
       literarische Form und war nicht wenig stolz auf den Roman, der ihm seiner
       Meinung nach tadellos gelungen war.
       
       Einhellig war neugierig auf das Urteil des Freundes, der bereits in dem
       schummrigen Lokal saß und ihn nun lautstark begrüßte: „Marc, setz dich
       doch!“ Noch immer hatte der Freund die Angewohnheit, sein Gegenüber
       beharrlich beim Namen zu nennen, als mangele es ihm an stetiger
       Aufmerksamkeit. Dabei stand sein fröhlich dröhnender Bass in seltsamem
       Kontrast zu seiner mürrischen Miene. Einhellig bemerkte, dass die
       Gesichtszüge unter dem mittlerweile ergrauten Haar wie eh und je von einer
       ängstlichen Anspannung geprägt waren.
       
       „Marc, so lang ist’s her!“ Nachdem die gut gepolsterte Wirtin zwei Halbe
       gebracht hatte, breitete der Freund sein anekdotisches Wissen aus. Er
       verkehre schon eine Weile in dieser Kaschemme, über die er einiges erfahren
       habe. Früher sei ein hochdekorierter Literat regelmäßiger Gast gewesen, auf
       dem Sims hätte da noch eine Sammlung Krüge gestanden und einmal wollte ihn
       ein Mann am Nebentisch vom Stuhl weg für sein Unternehmen verpflichten,
       weil er einer Bekannten ein technisches Gerät fachkundig eingerichtet
       hatte.
       
       „Marc, die Vanessa! Darauf ein Frisches!“ Er trank sein Glas in einem Zug
       leer und winkte der Zapfkraft mit zwei Fingern, die ein V bildeten.
       Einhellig konnte kaum mehr folgen. Es war ihm, als schwanke der Boden.
       
       „Marc, ich werde nie vergessen, wie wir beide hier ankamen“, entsann sich
       der Freund leutselig, und Einhellig nutzte die Gelegenheit, um auf seine
       Erzählung anzuspielen. Der Freund setzte sogleich ein graues Arbeitsgesicht
       auf.
       
       „Marc, dein Roman ist nicht besonders“, stellte er fest und blickte
       Einhellig zögerlich an, der zu seinem eigenen Erstaunen versicherte, dass
       er gar kein anderes Urteil erwartet hatte für das zügig hingeworfene Werk.
       Zufrieden reckte der Freund zwei Finger Richtung Tresen.
       
       Einhellig aber ärgerte sich nicht wenig, dass er prompt zugestimmt hatte.
       Dabei war er sich doch sicher, dass sein Roman eine stilistische Brillanz
       besaß, die ihn in neue schöpferische Höhen katapultiert hatte.
       
       Da erkannte der Romancier, wie er sich revanchieren könnte. Er würde den
       Freund zu einer Figur in einer Seemannsschnurre machen. Als Smutje müsste
       er in der schmutzigen Kombüse einer altersschwachen Kogge tagein, tagaus
       Labskaus anrühren für ein fülliges Flintenweib, dem er völlig verfallen war
       und das von dem heißen Brei derart erregt wurde, dass es den Koch nächtens
       als Nachtisch verzehrte. Einhellig lächelte, und diesmal hob er die Hand
       mit dem V.
       
       26 Oct 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Ringel
       
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