# taz.de -- Micha Brumlik über Adorno: Frühling, Zeit für Adorno
       
       > Die „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigtem Leben“ fragt: Wäre
       > es ehrlicher, die Bäume blühten nicht?
       
 (IMG) Bild: Adorno und der Frühling: „Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt;…“
       
       Dieser Text ist erstmals am 16.4.2017 in der taz erschienen. Wir haben ihn
       aus [1][Anlass des Todes von Micha Brumlik] erneut publiziert. 
       
       Es wird Frühling und die bis jetzt noch winterlich vertrockneten Äste vor
       meinem Fenster treiben die ersten Knospen hervor, während am einen oder
       anderen Zweig noch immer Herbstlaub haftet. Zeit, sich wieder einmal mit
       dem genialen Philosophen Theodor W. Adorno zu befassen, der für die
       undogmatische Linke in der alten Bundesrepublik eine Art Leuchtturmfunktion
       hatte und als dessen bestes Buch noch immer die 1944 in den USA
       geschriebenen „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“
       gelten.
       
       Ja, in diesem Buch äußert sich der Philosoph zur jetzt anbrechenden
       Jahreszeit – freilich so, dass ich mich seit meiner ersten Lektüre, 1969,
       frage, ob das wirklich stimmen kann. Der fünfte Aphorismus der „Minima
       Moralia“ trägt den Titel „Herr Doktor, das ist schön von Euch“ und
       konstatiert für das Jahr 1944 – der Zweite Weltkrieg ging seinem Ende
       entgegen, die Alliierten sollten in der Normandie landen und die rote Armee
       war auf dem Weg nach Ostpreußen: „Es gibt nichts Harmloses mehr.“
       
       Dem ließ Adorno eine Überlegung zum Phänomen des Frühlings folgen: „Noch
       der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen
       ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön
       wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist
       keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen
       geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die
       Möglichkeit des Besseren festhält.“
       
       Soll man das wörtlich nehmen? Können Bäume, die noch nicht einmal der
       Sprache mächtig sind, lügen? Wäre es ehrlicher, sie blühten nicht? Gewiss:
       Adorno geht es um das Auge des Betrachters, der sich durch den Anblick von
       Naturschönem nicht über die sachlich angemessene Verzweiflung über den
       Zustand der Welt soll ablenken lassen – schon gar nicht, um das eine gegen
       das andere aufzuwiegen.
       
       Aber sogar dann fragt sich, ob man sich in solchen Zeiten – in Afrika
       drohen heute, ja heute!, 20 Millionen Menschen kläglich und unter Schmerzen
       zu verhungern – überhaupt noch, und sei es auch nur minuten- oder
       stundenweise, seines Lebens freuen darf. Wäre derlei Freude – etwa über
       eine glückende Beziehung, ein schmackhaftes Mahl oder auch nur über
       freundliche Sonnenstrahlen – nicht letztlich egoistisch, unsolidarisch und
       blind? Adorno scheint einen Ausweg zu weisen: sofern man an der Möglichkeit
       besserer Zustände festhält und sich nicht dem Weltlauf in all seinem Grauen
       ergibt.
       
       Das aber erfordert strenge Distanz – plötzlich erweist sich Adorno als
       klassenbewusster Marxist – zu Umgangsformen und Freuden der heute so
       genannten „kleinen Leute“, der – so der SPD Kanzlerkandidat Schulz – „hart
       arbeitenden Menschen“. Von ihnen – so wiederum Adorno in unüberbietbarer
       Radikalität – haben sich zumal Intellektuelle, und sei es um den Preis der
       Einsamkeit, fernzuhalten, denn: „Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von
       Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des
       Unmenschlichen. Einig sein“, so schließt Adorno, „soll man mit dem Leiden
       der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer der
       Verhärtung des Leidens.“.
       
       Als Adorno diese Zeilen zu Papier brachte, war er gerade 41 Jahre alt.
       Aphorismen zu schreiben und zu leben ist freilich zweierlei: Im Februar
       1944 schloss Adorno einen Brief an seine in New York lebenden Eltern: „Uns
       geht es gut, wir sind gut gelaunt und froh, daß Ihr Euch wohlfühlt …“ Das
       war am 28. Februar 1944. In Los Angeles, wo Adorno damals lebte, dürfte
       gerade der Frühling begonnen haben.
       
       11 Nov 2025
       
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