# taz.de -- Gentrifizierung in Kreuzberg: „Wir haben einen Fehler gemacht“
       
       > Der Hauseigentümer, der der Filou-Bäckerei kündigen wollte, über seinen
       > Umgang mit den Protesten und warum der Laden jetzt doch bleiben darf.
       
 (IMG) Bild: Protest bringt manchmal doch was: Demo gegen Gentrifiezierung in Kreuzberg 2012
       
       taz: Mister Skinner, Sie sind Eigentümer des Hauses in der Reichenberger
       Straße, in dem sich die Bäckerei Filou befindet. Sie wollten der Bäckerei
       erst kündigen. Haben Sie inzwischen einen neuen Mietvertrag unterschrieben? 
       
       Charles Skinner: Wir haben am Dienstag gemeinsam einen Vorvertrag
       unterschrieben, der richtige Vertrag muss erst juristisch korrekt
       formuliert werden.
       
       Was sind die Konditionen, zu denen die Bäckerei bleiben kann? 
       
       Was wir vorgeschlagen haben, ist ein neuer Typ von Vertrag. Der Vertrag der
       Bäckerei läuft aus. Wir finden es ziemlich unfair, das wir bei dieser Sache
       alle Macht haben. Deshalb soll es beim neuen Vertrag nach drei Jahren eine
       automatische Verlängerung um fünf Jahre geben. Und nach fünf Jahren wieder
       eine Verlängerung um fünf Jahre. Im Moment zahlt die Bäckerei eine Miete
       von 930 Euro pro Monat. Dabei soll es auch in den nächsten drei Jahren
       bleiben.
       
       Es gibt keinerlei Mieterhöhung? 
       
       Nein, darum ging es uns aber auch nie. Seit 2006, als wir das Haus kauften,
       haben wir die Miete kaum erhöht. Damals betrug sie 905 Euro. Wir haben eine
       neue Heizung eingebaut und trotzdem nur 25 Euro mehr verlangt. Die Miete
       war nicht der Punkt. Wir hatten Probleme mit der Bäckerei.
       
       Welche? 
       
       Der Bäcker nutzte Kellerräume, die er nicht gemietet hatte. Die Lieferanten
       der Bäckerei haben Fliesen zerbrochen. Verschiedene Dinge liefen nicht gut.
       Wir wollten nicht einfach Geld rausholen aus dem Laden und auch nie eine
       Sushi-Bar dort einrichten, wir wollten einfach eine andere Bäckerei.
       
       Jetzt darf die Bäckerei Filou doch bleiben. Warum haben Sie es sich anders
       überlegt? 
       
       Wir waren eigentlich sehr sicher, dass wir der Bäckerei kündigen werden.
       Dann haben wir uns letzte Woche mit den Filou-Betreibern im Büro des
       Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele getroffen, ein
       beeindruckender Mann, er hat das Treffen moderiert. Wir unterhielten uns,
       sagten den Bäckerei-Betreibern, dass wir sehr unglücklich waren über die
       rassistischen, homophoben, gewalttätigen Attacken. Sie erklärten, dass sie
       damit nichts zu tun hatten und das auch nicht wollten. Ich habe ihnen
       geglaubt, sie sind nicht diese Art Leute. Trotzdem wollte ich den Vertrag
       nicht erneuern. Als ich dann ging, hat mir die Tochter des Bäckers die Hand
       geschüttelt. Sie hat mich nur eine Sekunde angeschaut, aber ihre Augen
       sagten mir: Helfen Sie meinem Vater. Wissen Sie, ich habe selbst eine
       Familie.
       
       In diesem Moment haben Sie sich umentschieden? 
       
       Ich bin mit meinem Partner über die Straße, wir haben noch ein Bier
       getrunken. Und wir sagten uns: Wir haben einen großen Fehler gemacht. Wir
       schrieben sofort eine Mail an die Bäckerfamilie und baten um ein neues
       Treffen. Das war dann sehr emotional. Beide Seiten haben Fehler gemacht,
       aber wir den Größeren.
       
       Beim benachbarten Café Vertikal, das auch zu Ihrem Gebäude gehört, wurden
       Anfang März die Scheiben eingeschlagen. Hat das Ihre Entscheidung mit
       beeinflusst? 
       
       Nein. Wissen Sie: Wir Briten sind seltsame Leute. Wenn man uns angreift,
       geben wir nicht nach. Wir sind stur. Das hört sich komisch an, aber so ist
       es. Wir werden wohl auch noch mehr Ärger haben, diese Leute sind ja weiter
       da.
       
       Es gibt außerdem Kritik im Kiez, weil Sie in dem Neubau Appartements an
       Touristen vermieten. Werden Sie daran festhalten? 
       
       Dieser Neubau wurde für uns deutlich teurer als gedacht. Die Preise für den
       Bau stiegen, uns ging das Geld aus, wir mussten uns in London einen Kredit
       geben lassen. Wegen des Brexits änderte sich der Wechselkurs, es wurde noch
       teurer. Aber wenn man so ein Projekt einmal angefangen hat, kann man es
       nicht mehr stoppen. Mit normalen Mietwohnungen bekämen wir die Kosten nicht
       rein. Wenn wir hohe Mieten verlangen würden, wirkt sich das auf den
       Mietspiegel aus, das ist auch nicht gut. Ich wünschte, wir hätten dieses
       Haus nie gebaut.
       
       Wegen der Proteste? 
       
       Nein, weil es so hohe Kosten verursacht hat.
       
       (Das Interview wurde auf Englisch geführt)
       
       24 Mar 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Antje Lang-Lendorff
       
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